09.07.2020 - 17:58 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Auch Schmetterlinge fliegen auf Steinwald-Mohn

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Welchen Nutzen Mohnpflanzen für die Artenvielfalt der Insekten für eine Rolle spielen, wollte die grüne Kresitagsfraktion wissen. Beim Termin vor Ort waren es die Kriebelmücken, die sich über eine 18-köpfige menschliche Blutbank freuten.

Dieses Feld hätte einst durchaus Pate für Claude Monets impressionistische Mohnblumengemälde stehen können.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Kriebelmücken sind für die Münchener Biologin Rosa Albrecht nicht relevant. Ihr geht es nur um Insekten, die auf der Blüte sind, vornehmlich Bienen, Hummeln und Schwebfliegen. Die fängt sie direkt mit einer kleinen Glasflasche von der Blüte. Jedes Individuum bekommt sein eigenes Glas, was aber dem Tier insofern nichts bringt, weil es auch seinen Tod bedeutet. Aber der dient der Wissenschaft und ist damit legitim. "Die Auswertung wird spannend", kann die Fachfrau schon jetzt sagen. Nach einer ersten Einschätzung seien einige Arten zu verzeichnen. Auf genauere Aussagen lässt sie sich nicht ein. Sie will erst im Oktober nach der Auswertung konkreter werden.

Mehr Schmetterlinge als erwartet

Nur noch soviel, "hier ist schon einiges los. Man müsse aber differenzieren, nach Masse und Zahl der Arten. Viel mehr Schmetterlinge als erwartet habe sie bei ihren Feldeinsätzen festgestellt, darunter viele Schachbrettfalter, diverse Weißlinge und Dickkopffalter sowie Admirale. "Und das alles an einem Vormittag." Vorgesehen waren pro Jahr jeweils vier Beprobungstermine. Nicht ganz so einfach, weil der Mohn nur etwa zwei Wochen in voller Blüte steht. Die Temperatur müsse mindestens 15 Grad Celsius aufweisen, es dürfe nicht regnen und der Wind dürfe maximal vier Meter pro Sekunde wehen. "Vergangenes Jahr haben wir das drei Mal geschafft, dieses Jahr bis jetzt zwei Mal.

Lebensraumverlust

Als Hauptgrund für das Insektensterben sei der Lebensraumverlust anzusehen, was zahlreiche Studien belegen", erklärte die Biologin.

Heidrun Schelzke-Deubzer und Josef Schmidt hatten zu diesem Ortstermin alles Kreisräte und Vertreter aus Kommunalgremien, die zum Gebiet der Steinwald-Allianz gehören, eingeladen. Wohl wegen der Kurzfristigkeit der Einladung seien viele Absagen gekommen, sagte Schelzke-Deubzer. Josef Schmidt, Biolandwirt auf der Grenzmühle, unerschütterlicher Natur- und Umweltschützer und Mitinitiator der Studie auf dem knapp sechs Hektar großen Mohnfeld, das Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg gehört, erklärte, dass die Grünen als Landkreisfraktion für die Artenvielfalt eintreten wollen. Er betonte: "Wir wollen nicht gegen die Bauern arbeiten, sondern eine Änderung der gesamten politischen Agrar-Rahmenbedingungen herbeiführen."

Er forderte nachhaltige Landwirtschaft mit kleinen Betrieben vor Ort statt immer größer werdende industrielle Strukturen. Das Projekt Mohn laufe seit drei Jahren und ende mit diesem Jahr. Dabei gehe es um Fragen wie "Ist es möglich, Mohn in der Öko-Landwirtschaft anzubauen?", "Wo ist der Anbau in ganz Deutschland möglich?", "Was bringt Mohn für die Biodiversität?" und "Wie unterschiedlich verhalten sich Sommer- und Wintermohn?"

Extraversuch

"Wintermohn brachte im Steinwald die ernüchternde Erkenntnis: Drei Mal versucht und drei Mal war es nichts. Offensichtlich ist es schwierig, in diesen Höhenlagen diese Pflanze anzubauen. Im Gegensatz zum Sommermohn, der hervorragende Erträge liefere. Innerhalb der Versuchsfläche ist ein separater Bereich abgesteckt.

Auffällig - darauf wachsen nur Pflanzen mit weißen Blüten. Bei diesem Extraversuch mit einer anderen Linie soll geklärt werden, ob es Sinn macht, Mohn als Mischfrucht anzubauen und mehrere Kulturen zu mischen, um Synergien zu schaffen sowie Ertragsschwankungen und Mindererträge auszugleichen. Zwei Jahre Test brachten das Ergebnis, dass voriges Jahr gut war und heuer ein hervorragendes Jahr ist. Auch Begleitpflanzen werden getestet. Belugalinsen und verschiedene Süßlupinen-Arten, die für die menschliche Ernährung äußerst interessant wären, eigneten sich besonders dafür. Zwischen die Mohnreihen gepflanzt, sollen sie auf natürliche Weise das Unkraut regulieren.

Auch im Landkreis sei das Artensterben durchaus ein Thema, stellte Schmidt fest. Denn mittlerweile habe auch bei uns eine sehr intensive Landnutzung eingesetzt, einhergehend mit immenser Steigerung landwirtschaftlicher Produktion. Dadurch könne sich das gesamte Ökosystem immer schlechter behaupten. Allerdings habe man hier von der Struktur her gesehen noch die Möglichkeit gegenzusteuern.

Wenn man riesige konventionell bewirtschaftete Maisfelder anlegt, muss man sich nicht wundern, wenn die Artenvielfalt zurückgeht.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

Baron von Gemmingen-Hornberg freute sich über den "grünen Besuch" und die Rückbesinnung auf die Grundideale der Artenvielfalt, was in der grünen Bundespolitik manchmal durchaus verloren gegangen sei. "Wir müssen uns ganz nüchtern darüber klar sein, was die Landwirte machen, ist das, was die Verbraucher wollen" so sein Statement zu seiner eigenen Zunft. "Die Landwirte sind zu einem ganz kleinen Teil Täter und zu einem sehr großen Teil Opfer der europäischen Agrarpolitik und des Einkaufverhaltens der Bürger." Als ganz wesentlichen Beitrag zum Rückgang der Biodiversität sieht er die erneuerbaren Energien. Und da allen voran Biogasanlagen. "Wenn man riesige konventionell bewirtschaftete Maisfelder anlegt, muss man sich nicht wundern, wenn die Artenvielfalt zurückgeht."

Vor sechs Jahren umgestellt

Vor sechs Jahren habe er die eigene Landwirtschaft auf biologisch umgestellt, was durchaus ein wirtschaftliches Abenteuer sei. "Wir sind immer noch in der Lernphase. Das ist alles wahnsinnig spannend, und es ist eine Herausforderung, weil man viel mehr wissen und beachten muss als ein konventionell arbeitender Kollege. Biolandwirtschaft verzeiht keine Fehler. Sie passt hervorragend in die Ökomodellregion Steinwald, passt zum Naturpark und passt zu meiner persönlichen Lebensphilosophie." Mohn sei ein großartiges Produkt, eine Ackerfrucht die auf schlechten Böden besonders gut gedeihe. Auch deshalb gehöre sie unbedingt hierher.

Ein Bio-Bauer hat bei Wondreb die Mohnsorte Mieszko angesät

Wondreb bei Tirschenreuth
Hintergrund:

Seit 2018 wird im Rahmen einer Forschungskooperation mit dem Biolandhof Grenzmühle und der Universität Bonn die Praxisforschung im Projekt "Speisemohn im ökologischen Landbau - Entwicklung regionaler Anbau- und Vermarktungskonzepte" auf den Flächen der Friedenfelser Betriebe durchgeführt. Das Projekt legt den Fokus auch auf die Wirkung auf das Agrarökosystem und die biologische Vielfalt. Hierzu laufen gerade umfangreiche Erhebungen zu den blütenbesuchenden Insekten durch eine erfahrene Biologin.

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