07.09.2020 - 16:24 Uhr
FuchsmühlOberpfalz

Slow-Food-Anhänger greifen zum Fischmesser

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

20 Studenten von der Slow Food Youth Akademie Berlin haben an einem Wochenende viel über den Stiftländer Karpfen gelernt. Aber auch die Vorzüge von Forellen und Saiblingen kamen direkt bei den Geschmacksnerven an.

Die Slow-Food-Anhängerin Adele Garret (links) aus Frankreich schlachtete unter Anleitung von Fischbäuerin Lena Bächer im Fuchsmühler Schlossgarten zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fisch. Sie fand es spannend und freute sich schon auf das nachfolgende Gaumenerlebnis nach dem Grillen der Forelle.
von Ulla Britta BaumerProfil

Was für viele Leute auf dem Land von Kindesbeinen an normal ist, muss die Großstadtjugend erst wieder lernen: Slow Food heißt die Bewegung, mit der junge Erwachsene weltweit der Fast-Food-Generation den Kampf angesagt haben. Direkt übersetzt hat Slow Food mit „langsamem Essen“ zu tun. Aber es geht um mehr, unter anderem die nachhaltige Herstellung von Lebensmitteln, deren Herkunft bekannt ist und die sozial fair produziert werden. Zu derart natürlich gereiften Lebensmitteln gehört auch der Stiftländer Karpfen. Und das hat sich schon ziemlich weit herumgesprochen. Diesmal bis Berlin: Etwa 20 Frauen und Männer aus ganz Deutschland im Alter von 19 bis 33 Jahren von der Slow Food Youth Akademie Berlin, die auf Nachhaltigkeit und gesunde Produktion in Sachen Lebensmittel Wert legen, holten sich am Wochenende bei einem Seminar im Schloss Informationen über den Stiftländer Fisch.

Fischzucht live in Muckenthal

Ihr Interesse galt dem Binnenfisch als wertvolles Lebensmittel am Beispiel der Oberpfälzer Karpfen. Erleben durften die Slow-Food-Aktivisten Fischzucht live in Muckenthal bei der Familie Bächer. Wissenswerten Vorträgen über die Binnenfischerei in Bayern folgte im Praxisteil das Filetieren von Fisch. Lena Bächer, Teichnixe und Fischbäuerin in Kornthan, zeigte der jungen Gruppe den Betrieb ihrer Eltern, den sie später einmal übernehmen möchte. Am Spätnachmittag kam die engagierte Fischbäuerin zum Schloss, wo sie die Teilnehmer draußen im Garten unter den Bäumen in die hohe Kunst des Filetierens einführte.

Dass es ausgerechnet zu dieser Zeit regnete, war ärgerlich, aber kein Grund, den Praxisteil des spannenden Wochenendes abzubrechen. Jeder durfte seinen eigenen Fisch schlachten und danach filetieren. Lena Bächer, mit Gummistiefeln und weißer Gummischürze bestens ausgerüstet, erklärte die richtige Vorgehensweise, welches Werkzeug dafür notwendig ist und wie sie als Fachfrau den grätenreichen Karpfen dabei nahezu grätenfrei macht. Lena Bächer schonte die jungen Leute nicht. Auch beim Schlachten mussten sie ran ans Messer. So machte die 23-jährige Adele Garret, eine in Berlin lebende Französin, bei ihrem ersten Versuch, eine Forelle von ihren Innereien zu befreien, eine recht gute Figur.

Über den Karpfen als nachhaltig produziertes Lebensmittel lernten die Teilnehmer auch in der Theorie

Fuchsmühl

Zeit für Zubereitung nehmen

Lena Bächer half, wo sie konnte. Die einzelnen Schritte mussten die Gäste selbst ausführen. Genau im Sinne der Slow-Food-Bewegung: Wer essen will, sollte sich Zeit nehmen bei der Zubereitung seiner Nahrung. Auch Elias Eckel aus Münster filetierte seine die erste Forelle. Der 33-jährige selbstständige Münsteraner nahm diese Aufgabe sehr genau. Er zelebrierte das Filetieren geradezu und ließ sich von Lena Bächer in jedes kleine Detail dieser für ihn neuen Essenskultur einweisen. Viel Gelächter gab es, als Paul Kleebinder aus Ingolstadt in der Gruppe als sein Lebensziel die Herstellung einer „Donauwaller-Wurst“ verkündete. Der 23-jährige Koch leistet bei der Slow Food Akademie seinen Bundesfreiwilligendienst ab. Seine Idee der "Fisch-Verwurstung" ist gar nicht so abwegig: Dass Fischbratwurst im Stiftland längst unter anderem von den Kornthaner Fischbauern erfolgreich vermarktet wird, fand in der Runde viel Anerkennung. Nach dem Filetieren wurden die selbst vorbereiteten Forellen und Saiblinge auf dem Grill gebraten und mit viel Begeisterung verspeist – natürlich in entschleunigter Atmosphäre.

Hintergrund:

Weltweites Netzwerk Slow Food

Das Slow Food Youth Network, die Jugendbewegung von Slow Food, ist ein weltweites Netzwerk. Gemeinsam setzen sich die Anhänger für faires Essen, für lokale und regionale Lebensmittelsysteme im Einklang mit Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit ein. Die Idee einer eigenen Jugendbewegung entstand auf dem Internationalen Kongress 2007 in Mexiko, wo sich Vertreter von Jugendinitiativen aus der ganzen Welt zusammenfanden. Ziel ist es, ein internationales Netzwerk von jungen Bauern, Erzeugern, Studenten, Köchen, Aktivisten und Food-Interessierten zu schaffen, die lokale und regionale Lebensmittelsysteme unterstützen. Slow Food Youth Deutschland gibt es seit 2009. Seit Januar 2013 ist die Bewegung durch die Gründung eines deutschlandweiten Jugendconviviums fest im Verein verankert. Den Teilnehmern in Fuchsmühl wurden auch die Ursachen und Folgen der Überfischung sowie die dahinter liegenden Systemstrukturen erklärt. Im Wochenendprogramm der Slow Food Akademie Berlin ist das Ziel folgendermaßen beschrieben: "Die Teilnehmer lernen, guten Fisch zu erkennen. Sie werden durch praktische Workshops die Grundlagen der Fischverarbeitung kennenlernen."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.