(moh) Sie scheinen gerade von den Toten auferstehen zu wollen und haben schon so manches Kind und vielleicht auch manchen Erwachsenen erschreckt: die Skelette, die in manchen Oberpfälzer Kirchen aufgebahrt sind. Man nennt sie im Kirchendeutsch "Heilige Leiber" oder "Katakombenheilige". Sie sollen angeblich die sterblichen Überreste von Heiligen oder Märtyrern sein. Doch was steckt dahinter? Der Waldsassener Theologe Dr. Georg Schrott forscht seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet. Beim vierten Oberpfälzer Klostersymposium am vergangenen Wochenende in der Amberger Provinzialbibliothek gab er seine neuesten Ergebnisse bekannt.
Im Jahr 1578 waren demnach die ersten Katakomben mit den Skeletten früher Christen an den Ausfallstraßen Roms entdeckt worden. "Sie galten als potenzielle Märtyrer." Mit den Skeletten - seltsamerweise waren es fast ausschließlich die von Männern - trieb man alsbald Geschäfte, indem man sie gegen eine "Gebühr" verkaufte. Darin eingeschlossen war eine Art Echtheitszertifikat. Was die Kirche nicht daran hinderte, vielen nicht namentlich bekannten "Märtyrern" einfach Namen zu geben. Im Jahr 1610 kam der erste dieser Märtyrer auch nach Bayern. Im Jahr 1669 wurde der erste Knochenmann in der Oberpfalz ausgestellt, nämlich in der Amberger Kirche St. Martin der Heilige Crescentianus. "Ab 1676 kamen immer neue Heilige." In diesem Jahr wurden in der Amberger Jesuitenkirche St. Georg die Überreste des Heiligen Prosper ausgestellt. Die Hochburg der Verehrung der Heiligen Leiber sollte aber die Basilika Waldsassen werden. Ab 1688 kamen immer mehr der ehrwürdigen Knochen hierher, bis 1756 waren es zehn Stück, die dort bis heute zu sehen sind.
Nicht nur die Ordenskirchen in der Oberpfalz, wie auch Speinshart, wurden gute Kunden des Skeletthandels. "Selbst in manchen Oberpfälzer Dorfkirchen" finden sich die schaurigen Überreste heute. Seit 1756 feiert man in Waldsassen an jedem ersten Sonntag im August das "Heilige-Leiber-Fest". Dabei wurden einst Ablässe erteilt. Nicht nur diese Praxis stieß bei der evangelischen Kirche auf Ablehnung. Der evangelische Hofmeister Johann Michael Füssel etwa ärgerte sich in einem Reisebericht im Jahr 1784 über den "verschwenderischsten Aufpuz" der Reliquien und den "theuer erkauften Ablaß abergläubischer Frömmlinge".
Der Weimarer Diakon Hans Jacobi empörte sich im Jahr 1891 über den "unbeschreiblich abstoßenden Anblick" und fragte sich "wie konnte die Pietät gegen Verstorbene sich so weit verirren (...)?" In Waldsassen versuchte man, die zugekauften Skelette als "Waldsassener Ortsheilige" anzupreisen, um das "Bedürfnis nach Tradition" zu erfüllen, so Schrott.
Bemerkenswert an den Waldsassener Skeletten sei deren "anatomische Korrektheit". Und man ging noch darüber hinaus und ordnete die Knochen so an, dass die Toten sich den Besuchern der Kirche zuzuwenden scheinen, ja sie sogar anzuschauen. "Sie scheinen Blickkontakt aufnehmen zu wollen, der Betrachter wird zum Betrachteten." In der Amberger Provinzialbibliothek sind noch bis 3. August einige alte Bücher zum Thema "Tod und Totengedenken in Oberpfälzer Klöstern" ausgestellt.
Katakombenheilige
Katakombenheilige sind unbekannte Personen aus der Zeit des frühen Christentums, deren Gebeine zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in großer Zahl aus den Katakomben in Rom entfernt wurden. Typischerweise wurden solche Reliquien später reich mit Gold, Edelsteinen und Stickereien verziert. Während des Bildersturms der Reformationszeit waren katholische Kirchen ihrer Reliquien beraubt worden, worauf als Ersatz tausende von Skeletten aus Rom nachgeliefert wurden und vor allem in Kirchen in deutschsprachigen Gebieten nördlich der Alpen verbracht. Im Laufe der Jahrhunderte mehrten sich die Zweifel, ob es sich tatsächlich um die Gebeine von „Heiligen“ handelte. Neben der Stiftsbasilika Waldsassen besitzt wahrscheinlich die Klosterkirche in Altomünster mit neun „Heiligen“ die zweitgrößte Sammlung. (Quelle: Wikipedia)















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