16.06.2020 - 11:01 Uhr
Rückersrieth bei MoosbachOberpfalz

Geheimnisvolle Todesfälle in Rückersrieth

Rückersrieth im Südwesten von Moosbach wird 1283 zum ersten Mal erwähnt. Der kleine Ort hat eine bewegte Geschichte, im Jahr 1921 schlägt das Schicksal besonders hart zu.

Der kleine Ort Rückersrieth, unterhalb des Eisberges, wurde vor 100 Jahren von unermesslichem Leid heimgesucht.
von Peter GarreissProfil

1821 wurde der Ort selbständige Gemeinde, 1939 nach Tröbes eingemeindet und 1972 der Großgemeinde Moosbach einverleibt. 1905 vernichtete ein Großbrand den halben Ort. Im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 mussten sieben Männer aus Rückersrieth ihr Leben lassen. Aber die größte Katastrophe in der Geschichte stand dem rund 100 Einwohner zählenden Ort nur drei Jahre nach dem Ende des Kriegs bevor.

Innerhalb eines Jahres starben 17 Personen und die Einwohner von Rückersrieth kamen aus dem Trauern und Weinen nicht mehr heraus. Der Bauer Xaver Kölbl zeigte am 27. Januar 1921 den Tod seiner 55 Jahre alten Schwester, der Austragbäuerin Magdalena Balk von Hausnummer 5 an. Als Todesursache meldete er dem Standesbeamten in Etzgersrieth Wassersucht. Niemand konnte ahnen, dass ihr sowohl ihre Tochter, ihr Enkelsohn und ihre Schwägerin bald folgten sollten.

Nur vier Tage später beklagte man den zweiten Toten. Der Austragbauer Paulus Meindl von Hausnummer 11, zugleich Dorfältester, verstarb im 79. Lebensjahr. Beim dritten Toten handelte es sich um das am 8. Juli 1921 verstorbene sieben Monate alte Mädchen Barbara Ach von Hausnummer 8 (Hausname „Rauscher“). Auf dem Leichenschauschein stehen Lungen- und Kehlkopfentzündung als Todesursache.

Nur vier Tage später trauerten die Eheleute Summer von Hausnummer 7 (Hausname „Hitner“) um ihre nur zehn Tage alte Tochter Barbara. Sie war die vierte Tote. Beim fünften Todesfall handelte es wieder um ein drei Wochen altes Mädchen. Der Bauer Johann Meiller von Hausnummer 10 (Hausname „Danzl“) musste beim Standesbeamten melden, dass seine Tochter Anna Franziska am 2. August 1921 an Auszehrung starb. Babette Dirscherl verstarb am 3. September 1921 an einer Gebärmutterentzündung. Sie war der sechste Todesfall. Ihrem Ehemann Johann Dirscherl von Hausnummer 16 oblag es, den schweren Gang zum Standesbeamten nach Etzgersrieth zu gehen.

Der Säugling Anna Franziska Baier aus dem Armenhaus Rückersrieth Hausnummer 1 verstarb am 1. Oktober 1921. Das Mädchen war der siebte Todesfall. Der Bauer Xaver Kölbl zeigte den Tod seiner Ehefrau Theresia Kölbl, geborene Stahl an. Sie war am frühen Morgen des 4. November 1921 in den frühen Morgenstunden an Darmkatarrh verstorben. Jetzt begann in Rückersrieth eine furchtbare Zeit, denn an dieser Krankheit sollten noch acht Menschen sterben. Die Verstorbene war in Kößing geboren und hatte dort ihre Verwandten besucht. Sie half dort bei der Einholung von Kühen mit, die in einem Weiher gelaufen waren. Theresia und ihre Schwester wateten ins Wasser um die Tiere heraus zu holen. Daraufhin erkrankte sie und starb im Alter von 48 Jahren. Sie war die achte Tote in Rückersrieth. Auch in Kößing starben zur selben Zeit vier Personen.

Das Sterben in Rückersrieth ging weiter. Am 11. November 1921 wurde der Tod des neun Jahre alten Kinds Johann Kölbl beklagt. Das Kind aus Langau war zu Besuch bei seinem Onkel Josef Ach Hausnummer 15. Und am gleichen Tag verstarb auch die erst elf Monate alte Barbara Ach, die Tochter des Josef Ach. Welch ein Unglück war dadurch über die Familien hereingebrochen? Beide Kinder starben ebenfalls an Darmkatarrh. Das war der neunte und 10. Todesfall. Als 11. Todesfall wurde der nur acht Monate alte Michael Prem von Hausnummer 12 a, ebenfalls am 11. November 1921, im Sterberegister des Standesamts eingetragen. Todesursache: Darmkatarrh. Beim Ableben des kleinen Buben lagen die Mutter und der Großvater bereits krank in ihren Stuben. Und so kam es, dass der Bauer erneut den Standesbeamten in Etzgersrieth aufsuchen musste, denn am 23. November verstarb die Bauersfrau Katharina Prem im Alter von 33 Jahren an der Durchfallerkrankung als 12. Opfer.

Und schon am 3. Dezember 1921 erlag als 13. Opfer sein Vater, der Austragbauer Josef Prem, ebenfalls an Darmkatarrh. Schon am 6. Dezember 1921 starb der 4-jährige Bauernsohn Johann Hofmeister aus Hausnummer 18 als 14. Opfer des Dorfs an dieser Darmepidemie. Am selben Tag starb der nur 12 Stunden alte Johann Hammerl an Lebensschwäche. Er war der 15. Sterbefall. Am 10. Dezember folgte Michael Hofmeister von Hausnummer 18 seinem Sohn Johann in den Tod nach. Er wurde 46 Jahre alt und überlebte die mörderische Durchfallerkrankung nicht. Er war das 16. Todesopfer.

Am 20. Dezember 1921 erschien der Bauer Michael Hammerl, Rückersrieth 19 vor dem Standesbeamten und zeigte an, dass seine Ehefrau Anna Hammerl, geborene Prem am gleichen Tag verstorben sei. Sie starb mit 36 Jahren an einer Lungenentzündung und folgte ihren neugeborenen Sohn Johann in den Tod nach. Drei Tage vor Heiligabend beendete diese Frau als 17. Tote das furchtbare Sterben in Rückersrieth. Weitere tödliche Durchfallerkrankungen wurden nicht mehr bekannt. Das geheimnisvolle Sterben war von Rückersrieth gewichen.

Recherchen von Johann Scheuerer:

Das furchtbare Sterben in Rückersrieth hat der Mitarbeiter des Heimatkundlichen Arbeitskreises Moosbach (HAK), Johann Scheuerer, aus Rückersrieth umfassend erforscht und in der Broschüre 8/2019 veröffentlicht. Die Broschüre kann für sechs Euro in der Poststelle Moosbach erworben werden. Scheuerer weist in seinem Resümee darauf hin, dass 17 Todesfälle auch 17 Beerdigungen zur Folge hatten. So oft bewegte sich der Leichenzug von Rückersrieth zum Friedhof nach Etzgersrieth. Darmkatarrh wurde in dieser Zeit als Pest angesehen. Die betroffenen Familien wurden aus Furcht vor Ansteckung gemieden. Das bedeutete fast keine Totenwache, eine mühevolle Suche nach Leichenträgern und eine äußerst geringe Teilnahme an den Trauergottesdiensten.

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