16.04.2020 - 13:46 Uhr
GeorgenbergOberpfalz

Georgenberger helfen im Zweiten Weltkrieg Gefangenen

Franziska Schultes und ihr damals erst elfjähriger Sohn Max, der spätere Bischöflich Geistliche Rat, helfen im April 1945 trotz Anfeindungen Frauen und Männern und setzen sich Lebensgefahr aus.

Das alte Haus der Familie Schultes von Norden her, gemalt vor vielen Jahren von Reinhold Schultes, Kunstmaler und Bruder von Max Schultes.
von Josef PilfusekProfil

Im Großen und Ganzen sind während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 kleine Orte wie Georgenberg vor großen Katastrophen verschont geblieben. Das sollte sich in den letzten Monaten jedoch ändern. Schließlich führten auch durch Georgenberg Todesmärsche nach Flossenbürg in das dortige Konzentrationslager. Richard Ledoux aus Paris hat seine schrecklichen Erlebnisse in einem Bericht geschildert und dabei vor allem den 15. April 1945 hervorgehoben.

Wörtlich schreibt er 1955: „Nach zehn Jahren bin ich wieder nach Deutschland gekommen, in das Land, in das ich nach dem Überfall Hitlers auf meine Heimat (Frankreich) verschleppt und in das Konzentrationslager gebracht wurde. Im Jahr 1945 bin ich durch alliierte Truppen befreit worden. Viele Tausende waren wir, als wir in Buchenwald eingeliefert wurden – aber nur wenige von uns konnten in die Heimat zurückkehren. Die anderen liegen erschlagen, ermordet oder verhungert irgendwo begraben. Allein Flossenbürg, wo ich zuletzt gefangen gehalten wurde, liegen neben 25.000 sowjetischen, 18.000 polnischen und unzähligen Häftlingen aus insgesamt 21 Nationen 6000 meiner französischen Kameraden begraben. Es war eine Zeit des Grauens und der Schrecken, die ich in Deutschland verbringen musste; und ich glaube kaum, dass ich sie je vergessen werde.“ Als einen besonderen Tag, „der in meiner Erinnerung immer wieder lebendig wird“, beschreibt Ledoux dabei den 15. April 1945. „Es ist der Tag, an dem uns die SS von Buchenwald nach Flossenbürg transportiert hat.“

Trotz der schrecklichen Erlebnisse und des Elends hat ihm eine Begebenheit in dem faschistischen Deutschland den Glauben an das Gute im Menschen wiedergegeben, „weil mir an diesem Tag bewusst geworden ist, dass es außerhalb des KZs noch ein anderes Deutschland gab“. Weiter schreibt Ledoux: „Von der SS angetrieben, mühten und schleppten wir uns, die zu Tode erschöpften Häftlinge, die Beschwernisse des langen Marsches zu überwinden. Stumm wie ein Zug aus einer anderen Welt zogen wir dahin. Übernatürlich groß flackerten die Augen in den aschgrauen Gesichtern. Gegenseitig stützten sich zu Tode erschöpfte Menschen, sackten schließlich am Weg zusammen und wurden, sofern sie noch Leben zeigten, von der SS ‚erledigt‘. Leichname kennzeichneten den Weg, den dieser Elendszug genommen hatte.

So schleppten wir uns durch Dörfer und Städte und kamen schließlich nach Georgenberg, einem kleinen Dorf in der Oberpfalz. Vor einem Haus, an dessen Stirnwand sich ein gemaltes Madonnenbild befand, stand ein kleiner großäugiger Junge und verteilte gekochte Kartoffeln an uns. Seine kleinen Hände legten sich behutsam in unsere zitternden, entkräfteten Hände, und die fast Verhungernden verschlangen sie mit wilder Gier. Die kleinen Hände wurden nicht müde zu geben. Immer wieder drängte sich der Junge in die Reihen der Erschöpften, gab und gab, bis die SS kam und ihn mit bösen Drohungen davonjagte. Er aber ließ sich nicht einschüchtern und kam immer wieder.“

Die Suche nach dem Haus und der Familie sollte für Ledoux zehn Jahre später vom Erfolg gekrönt sein. Und er erinnert sich: „Noch unverändert steht das Haus mit dem Madonnenbild an dem Leidensweg, den wir gegangen waren. Der Familie Franz Schultes gehört dieses Haus, und ihr Sohn Max, der heute im Priesterseminar Regensburg studiert, war es, der uns die Kartoffeln zusteckte. Heute versorgt die Mutter Franziska die kleine Landwirtschaft, während der Vater bei der Post arbeitet, um dem Jungen das Studium zu ermöglichen.“

Weiter schreibt Ledoux: „Noch gut kann sich die Mutter des Jungen an die furchtbaren Geschehnisse jenes 15. April 1945 erinnern. ‚Es waren schreckliche Tage‘, erzählte sie, ‚als diese armen Menschen die Straßen herunterwankten. Zu Hunderten und Tausenden stolperten sie an unserem Haus vorbei. Sie konnten kaum die Füße heben. Alle Augenblicke brach einer zusammen; viele standen nicht mehr auf. Mir ist bald das Herz gebrochen. Ich konnte es nicht mehr ertragen und musste irgendetwas Gutes tun an diesen Menschen, trotz der furchtbaren Angst vor der SS.

Und so kochte ich Waschtöpfe voll Kartoffeln, warf sie durch das kleine Fenster dort auf die Straße, und mein kleiner Max ging unter diese armen Menschen und verteilte sie. Ich kann das niemals vergessen, was damals war, und ich hoffe, dass es auch niemals wiederkehrt.‘ Fest drückte ich die Hände der Frau in inniger Dankbarkeit. Ich spürte die Tränen in meinen Augen und schämte mich nicht.“

In seinem Bericht schildert Ledoux auch die Aussagen des damaligen Georgenberger Bürgermeisters Josef Solfrank: „Wie Gespenster, ganz grün, sahen die Menschen aus. Wir alle hier waren erschüttert, aber helfen konnten wir nicht. Wir hatten solche Furcht vor der SS.“ Weiter heißt es, dass die am Wegrand gebliebenen Toten aufgesammelt, nach Pleystein gebracht und nach der Befreiung am dortigen Marktplatz beigesetzt wurden. Weiter zur Sprache kommen auch schreckliche Erlebnisse in Pleystein.

Schließlich schreibt Ledoux: „Ich bin fast 1000 Kilometer gefahren, um ein paar deutsche Menschen aufzusuchen, die damals gut zu uns waren – und ich fand sie.“ Zusammenfassend stellt er schließlich fest: „Ich habe aus dieser Begegnung nach zehn Jahren gelernt, dass es sich lohnt, mit den deutschen Menschen zu sprechen, um eine Verständigung diesseits und jenseits der Grenzen herzustellen. Denn wenn die Völker den Willen zur Verständigung haben, muss der Geist des Friedens wirksam werden, und die Regierungen werden gezwungen sein, dem Willen des Volkes Rechnung zu tragen; denn das Volk ist stark.“

Max Schultes, der wie sein jüngerer Bruder Martin den Priesterberuf ergriffen hat, war zum Zeitpunkt der schrecklichen Geschehnisse am 15. April 1945 erst elf Jahre alt. Der am 16. März 1934 in Georgenberg Geborene studierte nach dem Abitur in Regensburg katholische Theologie und wurde am 29. Juni 1959 zum Priester geweiht. Als solcher wirkte er viele Jahre segensreich in verschiedenen Pfarreien, zuletzt von 1969 bis 2009 in Griesbach und Großkonreuth. Gestorben ist Max Schultes am 30. Mai 2017 in Waldsassen. Dort hatte der zu Weihnachten 1985 zum Bischöflich Geistlichen Rat ernannte Seelsorger seit 2009 als Ruhestandspfarrer gelebt. Außerdem zeugen zahlreiche Veröffentlichungen im Bistumsblatt, in der Predigerzeitschrift „Praedica Verbum“ und etliche Bücher von seinem großen schriftstellerischen Talent.

Das alte Wohnhaus der Familie Schultes ist inzwischen längst Geschichte. An dieser Stelle steht längst die Dorfkapelle St. Georg. Für den Bau des ortsbildprägenden kleinen Gotteshauses haben die bereits verstorbene Franziska Schultes und Sohn Reinhold Schultes – Franz Schultes war damals schon verstorben – das Grundstück gestiftet. Eigentümerin der Kapelle ist die Fördergemeinschaft Dorfkapelle St. Georg.

Bischöflich Geistlicher Rat Max Schultes.
Heute steht an der Stelle des alten Schultes-Hauses die Dorfkapelle St. Georg.

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