Georgenberg
14.02.2021 - 09:07 Uhr

Grenzenloser Fasching: Von Platzmaid, Platzknecht und Schöppelgeld

Johann Weidensteiner, Großvater des Georgenberger Altbürgermeisters Albert Kick, hat alte Bräuche zum Fasching diesseits und jenseits der Grenze aufgeschrieben.

Auch im Freien unter Einhaltung der Abstandsregelungen ist ein Faschingsumzug, wie hier 2020 in Waldkirch, in diesem Jahr nicht möglich. Bild: pi
Auch im Freien unter Einhaltung der Abstandsregelungen ist ein Faschingsumzug, wie hier 2020 in Waldkirch, in diesem Jahr nicht möglich.

Faschingsveranstaltungen müssen in diesem Jahr wegen der Coronapandemie zwar ausfallen, in Erinnerungen schwelgen ist jedoch sicher erlaubt. So hat Johann Weidensteiner, der Großvater von Altbürgermeister Albert Kick, alte Bräuche handschriftlich aufgezeichnet. Weidensteiner (1880 bis 1960) war viele Jahre Bürgermeister der auf tschechischem Gebiet liegenden Gemeinde Waldheim. Von dieser ist längst nichts mehr übrig.

Nach der in der Chronik des Oberpfälzer Waldvereins enthaltenen Erzählung fand acht Tage vor dem Faschingstag – das muss wohl der Faschingsdienstag gewesen sein – eigens für die älteren Schulkinder in einer größeren Bauerstube der Faschingstanz statt. Zum Faschingsendspurt tanzten die Leute an drei Tagen, und zwar jeweils bis in den Morgen. Eine Sperr- oder Polizeistunde gab es damals nicht.

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Vohenstrauß14.02.2021

Maskierte Burschen zogen dann am Vormittag des Rosenmontags mit Musik durch das Dorf, sammelten Essen und Geld und setzten alles gleich im Wirtshaus um. Während am Montag die Verheirateten das Vorrecht auf dem Tanzboden hatten, eröffnete am Faschingsdienstag um 14 Uhr die festliche gekleidete Dorfjugend ihren Tanztag. Gegen 22 Uhr legten die jungen Leute ihre gute Kleidung ab, um mit dem sogenannten „Schöppeln“ (einen Schoppen trinken) zu beginnen.

Nach dem Aufstellen eines Tisches mit vier Stühlen in der Mitte des Saals nahmen vier junge Männer Platz. Einer von ihnen musste Geld einnehmen, der zweite hatte Weißwürste, der dritte Wein und der vierte Bier auszugeben. Der nun beginnende Tanzreigen wurde dann vom „Platzknecht“ und der „Platzmaid“ – beide waren vorher bestimmt worden – eröffnet. Nachdem das Paar dreimal um den Tisch getanzt war, musste die „Platzmaid“ das „Schöppelgeld“ in einer Höhe von fünf bis zehn Gulden bezahlen.

Daraufhin kamen nacheinander die anderen Mädchen, Frauen, Burschen – allen voran der „Platzknecht“ – und schließlich alle anwesenden Männer zu ihrem Recht. Sie zahlten aber weniger als die „Platzmaid“. Ihr „Schöppelgeld“ richtete sich „nach ihrem Geldbeutel“, erzählt Weidensteiner. Die Mütter der jungen Leute saßen auf im Saal aufgestellten Bänken und verfolgten das lustige Treiben. Manche soll dabei mit besonderer Freude die Begehrtheit ihrer Tochter genossen haben.

Beendet war das Tanzspektakel pünktlich um Mitternacht. Das eingenommene „Schöppelgeld“ diente zur Bezahlung der Musiker. Das übriggebliebene Geld war dazu da, es nach der Beerdigung des Faschings am Aschermittwoch auf dem Kopf zu hauen. Dabei wurde unter Musikbegleitung eine Strohpuppe in einem Gewässer ersäuft.

War dann immer noch Geld da, erfolgte in der Fastenzeit die Bezahlung einer Kreuzweg-Andacht, an der die Tanzjugend traditionell geschlossen teilnahm. Und hatte auch die Bezahlung dieser Andacht noch nicht den letzten Heller gefordert, wurde er anschließend im Wirtshaus umgesetzt.

 
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