08.03.2021 - 12:57 Uhr
GleiritschOberpfalz

Die Lehrersfrau kocht für hungrige Schüler

"In der guten alten Zeit war vieles besser“. Nostalgische Wehmut schwingt in diesem Satz mit. War das wirklich so? Die Ehefrau von "Lehrer Spandl" schildert in ihren Erinnerungen das Leben auf dem Lande vor knapp einem Jahrhundert.

von Alois KöpplProfil

Ein Blick in archivalische Unterlagen zeigt, dass das Leben in Gleiritsch nichts mit verklärter Landidylle zu tun hatte. In die erste Gleiritscher Gemeindechronik aus den 1980er Jahren haben Aufzeichnungen von "Frau Spandl" Eingang gefunden. Sie war die Frau des Lehrers. Mehr konnte nicht mehr in Erfahrung gebracht werden, nicht einmal der Vorname. Doch interessant ist, was sie für die Nachwelt aufgeschrieben hat.

Das Ehepaar Spandl kam 1932 nach Gleiritsch. Peter Spandl unterrichtete hier in den Jahren 1932 bis 1938 an der damaligen Gleiritscher Volksschule die Klassen fünf bis sieben. Die gesetzliche Verankerung der achtjährigen Schulpflicht erfolgte 1938. Die Nazis hatten das Schulsystem bereits fest im Griff. Nach den in den 1960er Jahren niedergeschriebenen Erinnerungen war Gleiritsch ein kleines oberpfälzisches „Dörferl“. In der Kirchengemeinde mit dem alten Gotteshaus, seelsorgerisch betreut von Expositus Georg Pfeilschifter, gab es seinerzeit ein Wirtshaus, zwei Kramerläden, einen Schuster, einen Schmied, einen Bäcker und einen Wagner.

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Der Ort war zweieinhalb Gehstunden von Pfreimd und drei Stunden von Nabburg entfernt. Etwa 45 Minuten brauchte man zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle. „Das Postauto verkehrte täglich zweimal von Pfreimd nach Tännesberg, dem nächsten Markt, und brachte uns mit der Welt in Verbindung“, so die Lehrersfrau in ihrem rückblickenden Resümee über ihren Aufenthalt in Gleiritsch. Die Straßen von Gleiritsch nach Bernhof und weiter zur Tännesberger Straße (Pfreimd – Trausnitz - Tännesberg) wurde 1931 gebaut. Auf diesem Weg transportierten die Pferdefuhrwerke die Pflastersteine von den Gleiritscher Steinbrüchen zum Pfreimder Bahnhof in Untersteinbach, da es beim Transport meist abwärts ging und die Tiere entlastet wurden. Die heutige Verbindung über Trichenricht existierte damals noch nicht.

Esskultur der Häusler

Spandl berichtet, dass die Häuser in und um Gleiritsch klein und ebenerdig waren. „Es waren ja meistens Häusler“, wie sie schreibt. Das waren Leute ohne größeren Grundbesitz, die sich selbst versorgten. Es gab in jedem Haus eine kleine „Kucha“, eine große „Stubn“, einen Holzofen. Eine große und eine kleine Kammer rundeten den Wohnbereich ab. „Gegessen wurde in der Stubn aus der gemeinsamen großen Schüssel und die Löffel wurden am grobleinernen Tischtuch abgewischt“, so die Chronistin über die Esskultur der Gleiritscher Häusler.

Bei einer Volkszählung machten die Lehrer die Erhebungen. Um die Gemeindebewohner besser kennenzulernen, nahm Peter Spandl seine Frau mit. Sie begleitete ihn in einem hellen Sommerkleid und weißen Schuhen, was aber bei den Gemeindebewohnern nicht so gut anzukommen schien. Denn es war für eine verheiratete Frau unschicklich, so aufzutreten. Dunkle Kleidung gehörte seiner Zeit zum Dresscode, nur junge Mädchen konnten bunte Kleider tragen. Brautkleider waren damals ebenfalls schwarz.

Eine Stunde zur Schule

Die Kinder mussten zu Fuß bei Regen und Schnee eine Stunde und noch mehr zur Schule gehen. Meistens hatten sie nur ein Stück Brot zum Essen dabei. Aus einem Spendenfond gab es einen Zuschuss und so kochte die Frau des Lehrers Spandl für die Gleiritscher Schulkinder Nudelsuppe mit Würstchen oder Kartoffelsuppe mit klein geschnittenem Schweinefleisch. Der Freitag war damals natürlich immer fleischlos.

Beim „Wirt“ (ehemals Gasthaus und Metzgerei Leipold) gab es nur Schweinefleisch zu kaufen. Gemüse war im Laden nicht zu haben und musste selbst angebaut werden. Die Leute auf dem Lande, alle Selbstversorger, besorgten sich die fehlenden Kleinigkeiten in den beiden Gleiritscher Kramerläden, wobei Ware wie Zucker in einer „Rugl“ (spitze Papiertüte) über den Ladentresen ging oder in einem mitgebrachten Behältnis mitgenommen werden konnte.

Die "Dorfmietkutsche"

„Weil wir drei Stunden zur Bahn hatten, kratzten wir unser letztes Geld zusammen und kauften uns ein Auto, einen DKW“, so die Aufzeichnungen weiter. Die Straßen waren nicht geteert, es gab keinen Winterdienst und so erübrigte sich das Autofahren in dieser Jahreszeit sowieso, zumal der Ort manchmal tagelang eingeschneit war. Die moderne Errungenschaft Auto mutierte aber ansonsten bald zur „Dorfmietkutsche und fast jeder wollte mal aufsitzen und mitfahren bis Veachta (Oberviechtach).“ Nach dem Einkaufen mussten die Fahrgäste oftmals in den „Oberviechtacher Wirtshäusern zusammengesucht werden“, so Spandl, um sie wieder nach Gleiritsch zurück befördern zu können.

Der Bericht enthält noch weitere Details über das Landleben in Gleiritsch in der „guten alten Zeit“, die von Entbehrungen, Abhängigkeit der Frau vom Mann, wenig Arbeitsmöglichkeiten, Kinderreichtum, hoher Kindersterblichkeit, sehr viel Arbeit und dem heraufziehenden Unheil des Zweiten Weltkriegs geprägt war.

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