25.08.2020 - 13:57 Uhr
GleiritschOberpfalz

Mit Maske am Brieftauben-Express

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Handdesinfektion, Handschuhe anziehen, sich in eine Liste eintragen, Schutzmaske, Mindestabstand: Das gehört derzeit zum Prozedere beim Setzen der Brieftauben. "Doch die Faszination bleibt", meint Ambros Galli, als er ihnen nachblickt.

Tausende von Brieftauben starten ihren Heimflug, wenn sich die Boxen des Transporters öffnen.
von Alois KöpplProfil

Früher gab es in fast jedem Hof einen Kobel, heute werden die "Tauberer", bedingt durch den Strukturwandel in der Arbeitswelt, immer weniger. Aber die „Brieftauberer“ wissen, dass sie das „schönste Hobby der Welt“ betreiben. Corona zwingt sie derzeit, zuhause zu bleiben. Das ist aber kein Problem für die Züchter, denn durch die Pandemie wird „einem bewusster, was man an den Tauben hat“, so Ambros Galli, der Vorsitzende von „Gut-Flug-Gleiritsch“. „Große Liebe zum Tier, Zusammenhalt in der Familie und eine besondere Gemeinschaft sind Kennzeichen unseres Sports“, so der Fachmann aus Ziegelhäuser (Gemeinde Gleiritsch).

Taube wird "gesetzt"

In Zeiten von Corona gelten natürlich auch strenge Regeln für die Brieftaubenzüchter, die es einzuhalten gilt. Die Flugsaison konnte heuer erst mit zweiwöchiger Verspätung gestartet werden, da der Brieftaubenverband zu Beginn der Flugsaison ein bundesweites Trainings- und Flugverbot ausgesprochen hatte. Die Altflüge sind in der Zwischenzeit abgeschlossen, der Jungflug hat begonnen. Es ist 18 Uhr an der Einsatzstelle von „Gut-Flug-Gleiritsch“. Strenge Hygienebestimmungen gehören zum Prozedere beim Setzen der Tauben. Die Daten der Tauben werden mittels des Rings am Fuß eingelesen und gespeichert. Das Tier gilt als „gesetzt“. Eine durch Zufallsgenerator erzeugte PIN-Nummer wird ebenfalls am Terminal abgespeichert. Ein Computerprotokoll bestätigt dem Züchter den Einsatz seiner Tauben. „Durch das Verfahren werden Manipulationen ausgeschlossen“, so Galli.

Bundesweit einen Namen gemacht

Nabburg

Nach zwei Stunden sind die registrierten Brieftauben in den Transportboxen verstaut, Bis zu 23 Vögel (sind die männlichen Tiere) und Weibchen teilen sich eine Box. Bis etwa 2000 Brieftauben der Reisevereinigung Nabburg (RV) werden so pro Einsatztag gesetzt. Der Transport zu den Auflassorten wie Heilbronn, Kaiserslautern, Hockenheim oder Fresnoy Le Grand (Frankreich), um nur einige zu nennen, erfolgt in einem Kabinenexpress, kurz Kabi genannt. Der Spezialtransporter ist nach den Bedürfnissen der Tauben gebaut. Er hat ausziehbare Wechselboxen. Da eine solche Investition sehr viel Geld kostet, haben sich RVs Amberg, Hirschau, Nabburg und Sulzbach zu einer Transportgemeinschaft zusammengeschlossen.

Tierwohl keine Worthülse

Das Tierwohl hat dabei oberste Priorität. Die Brieftauben werden regelmäßig getränkt, die Wassertanks des Kabi sind immer gut gefüllt. Die beiden Fahrer Walter Bertelshofer und Michael Pirzer transportieren die Reisetauben seit Jahren und sind absolute Fachleute in ihrem Metier. Sie wissen, worauf es im Umgang mit den Tieren ankommt und kennen deren Verhalten genau. Am Abend beginnt die Reise zum Auflassort. Die Tauben werden regelmäßig mit Wasser versorgt, auch nach dem Eintreffen am Startplatz. Je nach Entfernung wird auch noch gefüttert.

Jetzt kommt der Flugleiter ins Spiel. Wolfgang Zirwick von „Gut-Flug-Gleiritsch“ ist einer der speziell ausgebildeten Fachleute. Von seinem Wissen und Sachverstand hängt es ab, ob aufgelassen werden kann oder nicht. Unter Einbeziehung von Daten des Wetterdienstes, Wetterverlauf im Fluggebiet, Bewölkung und Sicht entscheidet er, wann gestartet wird. Frühestens ab sieben Uhr kann aufgelassen werden.

Orientierung am Magnetfeld

Die Spannung steigt, die Boxen des Transportwagens öffnen sich und bis zu 7000 Brieftauben aus allen beteiligten Reisevereinigungen starten gemeinsam in den Morgenhimmel. Dieses nicht alltägliche Schauspiel ist der Beginn des Heimflugs. Zur Orientierung nutzen die Tiere das Magnetfeld der Erde und fliegen instinktiv zurück in ihren Heimatschlag. Je nach Wetter- und Windlage erreichen die Reisetauben Durchschnittsgeschwindigkeiten von etwa 80 bis zu 120 Stundenkilometern.

Die Züchter warten in der Zwischenzeit zu Hause gespannt auf das Eintreffen der gefiederten Flieger im Taubenschlag. Ein elektronisches Konstatiersystem zeichnet die Ankunftsdaten auf, die über ein Rechenzentrum in die Ergebnisliste eingepflegt werden. Flugleiter Zirwick, einer der erfolgreichsten Züchter bei „Gut-Flug-Gleiritsch“ meint: „Es ist wichtig, wann die Tauben kommen, aber noch wichtiger ist, dass sie alle wieder kommen.“

Hintergrund:
  • Tauben sind treue Kulturfolger des Menschen. Das Gurren der Tauben dient der Verständigung von Weibchen und Männchen. Jungtiere werden von den Elternvögeln mehrere Wochen lang im Nest gefüttert.
  • Früher wurden Brieftauben zur Nachrichtenübermittlung verwendet. Diese Taubenpost war in Kriegszeiten wichtig, um Meldungen schnell zu übermitteln. 1997 löste die Schweiz ihren „militärischen Brieftaubendienst“ als letztes Land in Europa auf. China hat noch etwa 10.000 Brieftauben für militärische Nachrichtenübermittlung im Einsatz.
  • 1884 wurde der Zentralverband der Brieftaubenzüchter in Deutschland gegründet. Er ist die Dachorganisation, der rund 64.000 Brieftaubenzüchter mit 8.000 Vereinen, die wiederum zu Reisevereinigungen (RV) zusammengeschlossen sind.
  • In den Monaten März bis September finden zum Beispiel in der RV Nabburg die einzelnen Distanzflüge der Brieftauben statt. Hier kommen Alttauben und Jungtauben zum Einsatz. Die Streckenlängen variieren von etwa 100 bis zu 650 Flugkilometern.

Es ist wichtig, wann die Tauben kommen, aber noch wichtiger ist, dass sie alle wieder kommen.

Flugleiter Wolfgang Zirwick

Flugleiter Wolfgang Zirwick

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