11.04.2019 - 14:09 Uhr
Oberpfalz

Glocken fliegen nach Rom

Vielerorts schweigen die Glocken nach dem Gründonnerstag-Amt und Ratschen kommen zum Einsatz. Als Zeichen der Trauer werden sie oft gesehen. Schon die frühen Christen benutzen die Holzinstrumente.

Vielerorts schweigen die Glocken nach dem Gründonnerstag-Amt.
von Rainer ChristophProfil

Seit zweitausend Jahren berührt das Leiden und Sterben Jesu die Christen zutiefst. Sein Triumph über den Tod ist für sie der Triumph des Menschen über die Mächte der Finsternis. Es ist kein Zufall, dass die Kirche ihr größtes Fest zum Beginn der Frühlingszeit feiert. Der Dämon Winter galt einst als überwunden, und die Natur präsentiert sich in neuer Pracht und Herrlichkeit.

Osterbräuche beginnen besonders intensiv mit dem Gründonnerstag. Um 1200 taucht dieser Name für den Donnerstag vor Ostern erstmals auf. Wenn nach dem Gloria des feierlichen Gründonnerstag-Amtes die Orgel und die Glocken verstummen, erzählten die Urgroßeltern ihren Kindern: "Heute sind die Glocken nach Rom geflogen." An die Stelle der Kirchenglocken tritt nun - zur Freude der Ministranten - das Ratschen und Klappern. Immer mehr Pfarreien lassen diesen Brauch wieder neu aufleben.

Auch im Nachbarland Tschechien gehört das Ratschen zum Brauchtum, ist aber heutzutage nicht mehr so kirchlich angehaucht. Am Gründonnerstag holen die Burschen im Dorf die hölzerne Rassel und Ratschen aus den Kellern oder dem Schupfen. Sie treffen sich im Dorf, bilden je nach Größe des Ortes eine oder mehrere Gruppen und marschieren los. Keiner im Dorf kann das Gerassel überhören. Judas, der Verräter Jesu, sollte damit vertrieben werden. Das gleiche wiederholt sich an Karfreitag und Karsamstag. Doch am Samstag laufen die Buben am Morgen nicht wild rasselnd durchs Dorf, sondern halten vor jeder Haustüre. Dann wird so lange Lärm gemacht, bis sich die Tür öffnet und sie etwas Geld, Eier oder Süßigkeiten erhalten. Am Ende wird alles gerecht aufgeteilt.

Kaiser Konstantin

Der 2007 verstorbene Püchersreuther und Wildenauer Pfarrer Konrad Schießl setzte sich intensiv mit diesem Brauchtum auseinander und wollte vor allem so manches verzerrte Bild zurechtrücken. In den Zeiten der Christenverfolgungen seien die Gottesdienstversammlungen durch Boten weitervermittelt worden. Erst unter Kaiser Konstantin und dem unter ihm erlassenem Toleranz-Edikt von Mailand im Jahre 313 hätten sich die Christen in aller Öffentlichkeit zu ihrem Glauben bekennen können.

So konnten die Gottesdienste öffentlich angekündigt werden. Dies sei durch das Hämmern auf ein Schallbrett geschehen, recherchierte Pfarrer Schießl. Da man dabei einen bestimmten Rhythmus einhalten und verschieden hohe Töne erzeugen musste, sei dies mit einer großen Kunstfertigkeit verbunden gewesen. Die verwendeten Bretter wurden als "heilige Hölzer" bezeichnet.

Auf dem Berg Athos

Bei den Mönchen des Berges Athos werden noch heute auf diese Art und Weise die Gebetszeiten und die Messfeier bei Tag und Nacht angekündigt - eine aufwendige Angelegenheit. Auch einen politischen Aspekt hatte hier das Schlagen der Holzinstrumente. Der Berg Athos mit seiner Mönchsrepublik stand, so Pfarrer Schießl, bis 1917 unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Die islamische Regierung hatte das Läuten der Glocken hier, wie auch in den christlichen Kirchen Istanbuls, verboten. So musste wohl oder übel das Holzbrett weiter geschlagen werden.

In den Klöstern des Mittelalters und sogar davor wurden allerdings schon bald Glocken verwendet. Bereits ab 450 kann von einer Glockengießkunst gesprochen werden. In den Kirchen der Städte hielten die Glocken nur zögerlich Einzug. Erst unter Karl dem Großen setzten sie sich vollkommen durch. Ob man davon überzeugt war, ist fraglich. So schrieb der Bischof von Metz in der Mitte des 9. Jahrhunderts: "non propter aeris penuriam, sed propter vetstatem" (nicht wegen Mangel an Erz, aus Gründen des altgebrachten Herkommens).

In der Karwoche

Unter den Frankenkönigen und Kaisern war es üblich, in den Kirchen die Holzinstrumente an den letzten Tagen der Karwoche zu verwenden. Nach dem Motto "Es war immer schon so" wurden die modernen Glocken zum Schweigen gebracht und althergebrachte Holzlärm-Instrumente hervorgeholt. Dies ist der historische Hintergrund des Ratschens.

In der russisch-orthodoxen Kirche - zu ihr fühlte sich Pfarrer Schießl sehr hingezogen - habe sich eine sehr hohe Glockenformkunst entwickelt. Bis zur Oktoberrevolution hatte Russland die meisten Kirchenglocken. Der Glöckner spielte per Tretpedale und Stricke, die mit den Klöppeln verbunden waren, auf den Glocken wie ein Organist auf seiner Orgel. Pfarrer Konrad Schießl lebte selbst einige Zeit im russischen Kloster St. Panteleimon auf Athos und hatte diese Kunst dort selbst erlernt. "So gesehen", fasste er zusammen, "sind die Ratschen ganz einfach die älteren Schwestern unserer Glocken." Da die Menschen heute die Zusammenhänge nicht mehr nachvollziehen könnten, würden die Geräusche als Zeichen der Trauer missverstanden.

Die Erklärung unserer Urgroßeltern, die Glocken seien nach Rom geflogen, war nach Meinung des ehemaligen Püchersreuther Pfarrers "eine sehr wohl politisch zu verstehende Version des militanten Katholizismus zur Zeit des Bismarckschen Kulturkampfes gegen die Kirche und vor dem geistigen Hintergrund des sogenannten Ultramontanismus zu begreifen". Für Pfarrer Schießl, der in seinen Pfarreien den Brauch des Ratschens pflegte, schien es unverständlich, dass dieser Brauch überhaupt in Vergessenheit geraten ist. Was ihm absolut widerstrebte war, dass der Brauch in den vergangenen Jahrzehnten mit "viel Tamtam, verbunden mit Klamauk und Betteleien" wieder eingeführt wurde. Dies zielte in seinen Augen letztlich auch gegen den Ernst dieser "wahrhaft heiligen Tage", an denen die Ratschen seit altersher zum Einsatz kamen. (cr)

An die Stelle der Kirchenglocken treten die Ratschen.
Der 2007 verstorbene Pfarrer Konrad Schießl setzte sich intensiv mit dem Brauchtum auseinander.
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