Da ist sie wieder, diese ganz besondere Stimmung. Man steht am Fenster, blickt hinaus in den Nebel und auf die immer kahler werdenden Bäume. Man hat keine Lust auszugehen, bleibt lieber noch ein bisschen länger am Fenster stehen und hängt seinen Gedanken nach. Etwas wehmütig, vielleicht sogar ein bisschen traurig, aber sanft, bittersüß vielleicht sogar. Schlecht zu beschreiben, diese Melancholie. Noch dazu in unserer Zeit, in der es schon fast zum guten Ton gehört, immer aktiv zu sein und permanent glücklich zu erscheinen.
Doch nicht immer macht die Sucht nach Glücksmomenten auch wirklich glücklich. Erlauben Sie sich ruhig hin und wieder, auch mal etwas melancholisch zu sein. "Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein", schrieb einmal der französische Schriftsteller Victor Hugo. Und er hat wohl genau erkannt, worauf es ankommt, bei dieser ganz besonderen Stimmung. Denn Melancholie darf auf keinen Fall mit Depression, Schwermut oder Pessimismus verwechselt werden. "Melancholie ist Nachdenklichkeit, das Hören auf Zwischentöne, ein Innehalten", erklärt Psychologe Tobias Ballweg. "Sie ist weder krankhaft noch therapiebedürftig."
Ganz im Gegenteil: Manchmal brauchen wir genau dieses Innehalten, um unser Glück nicht aus den Augen zu verlieren. Das Hören auf Zwischentöne ist wichtig, um herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist, wo wir hinwollen im Leben. "Melancholie siedelt sich für mich irgendwo zwischen Nachdenklichkeit und Träumerei an", sagt auch Autor und Kabarettist Bänz Friedli. "Es gibt so etwas wie eine heitere Nachdenklichkeit. Es ist doch schön, wenn das Leben etwas zu denken gibt." Da hat der gute Mann doch absolut recht, finden Sie nicht?
Denn gerade heutzutage, wo immer alles gegenwärtig ist, Nachrichten sich in Windeseile um die ganze Welt verbreiten, Himmel oder Hölle zu jeder Zeit erlebt werden können, sollten wir uns diese heitere Nachdenklichkeit bewahren. Ich hoffe, sie gehören auch zu den rund 30 Prozent Mitteleuropäern, die sich laut einer aktuellen Studie zur Melancholie bekennen. Denn Melancholie hilft nicht nur oft dabei, die Dinge des Lebens gelassener zu sehen, sondern macht auch höchst kreativ. Denken Sie doch nur mal an die ganzen Lieder, die von melancholischen Musikern komponiert wurden, die ganzen Gemälde, die von ebensolchen Malern geschaffen wurden.
Das negative Bild dieses Gefühlzustandes gehöre deswegen dringend überholt, findet auch Arzt und Psychotherapeut Josef Zehentbauer. "Das Tiefsinnige und Schöpferische, das den Menschen hin und wieder packt, ist doch etwas Positives", so der Autor von "Melancholie - die traurige Leichtigkeit des Seins".
Bleiben Sie also ruhig noch ein wenig am Fenster stehen, schauen Sie in den Nebel - und erlauben Sie sich das Glück der Melancholie. (ewa)



















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