28.05.2020 - 12:05 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Der Golf 8 im Test

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Ein Golf ist ein Golf und bleibt Golf: Ein Merksatz, der seit Jahrzehnten die Erfolgsgeschichte des "Königs der Kompakten" charakterisiert hat. Doch der Thron wackelt. Wird aus dem Musterknaben ein Sorgenkind?

von Berthold Zeitler Kontakt Profil

Mit über 35 Millionen Einheiten hat sich der Nachfolger des legendären VW Käfer in der Welt-Bestenliste der meistverkauften Autos verewigt. Da sollte die achte Auflage des Klassenprimus eigentlich so etwas wie eine "g'mahde Wies'n" sein. Ist es aber nicht. Doch vergessen wir einmal all die Technik-Probleme, die die Markteinführung verzögert haben, und auch die Mängel am elektronischen Notrufsystem eCall, weswegen nun ein Auslieferungsstopp verhängt worden ist. Lassen wir auch den rassistisch anmutenden Videoclip außen vor und reden einfach mal über ein Auto, von dem es vielleicht keine Neuauflage mehr geben wird, weil dessen Rolle bei den künftigen Stromern der ID.3 spielen soll.

Optisch bleibt sich der Golf jedenfalls treu. Gut: Er ist ein paar Zentimeter länger geworden, dafür aber etwas niedriger, was für einen sportlicheren Auftritt sorgt. Und er ist der digitalste Golf aller Zeiten. Volkswagen hat so ziemlich alles an Schaltern und Drehknöpfen aus dem Innenraum verbannt und durch Sensortasten ersetzt. Da findet zwar die Generation Smartphone eine nette Spielwiese, aber praxistauglich und bedienerfreundlich muss das ja nicht unbedingt sein. Kommandozentrale ist ein Tablet-großer Touchscreen in der Mitte des Armaturenbretts, über den sich so ziemlich alle Funktionen steuern lassen. Vom Radio über das Telefon bis hin zu den diversen Assistenten, die in Legionenstärke in unserem Testwagen verbaut waren.

Die eigene Spur und andere auf Abstand halten, selbstständig ein- und ausparken, mit intelligenter Lichttechnik den Gegenverkehr nicht blenden, nach hinten schauen oder mit "Harmann Kardon" den Konzertsaal ins Auto holen - all das kann der Golf. Das alles lässt sich personalisieren und funktioniert – theoretisch zumindest – auch per Sprachbefehl. Allerdings reagiert das System träge, oftmals verständnislos und dann eigenmächtig. Wer will, kann seine bevorzugten Einstellungen beispielsweise für Sitze, Heizung oder Radiosender in einem Benutzerprofil speichern und dann auf einen anderen VW übertragen – vorausgesetzt der hat auch das System an Bord. Der Golf-Fahrer benötigt nicht unbedingt einen Autoschlüssel: Die Aufgabe kann auch das Smartphone erledigen und lässt sich auf bis zu 15 Berechtigte ausdehnen. Natürlich ist der Golf 8 vernetzt, tauscht sich im Umkreis von 800 Metern sogar mit anderen Fahrzeugen aus, warnt vor Unfällen oder anderen Gefahrenquellen.

Und wie fährt sich der neue Golf? Wie halt so ein Golf fahren muss: ohne Fehl und Tadel. Die Sitze bieten die gewohnt richtige Mischung aus Komfort und Sportlichkeit, die Platzverhältnisse sind nicht nur vorne ausreichend, über dem Scheitel ist genug Luft und im Gepäckabteil herrscht der klassen-übliche Standard. Das Fahrwerk gehört zur kommoden Sorte, die Lenkung ist sehr präzise, ebenso die 6-Gang-Handschaltung. Als ausgesprochen angenehmer Begleiter entpuppt sich der im Testwagen verbaute 1,5-l-Benziner. Wo möglich schaltet er für den Fahrer unmerklich zwei Zylinder ab und geht dann zum Segeln. Das spart Benzin und damit auch Schadstoffe. Der von uns ermittelte Verbrauch kommt den Werksangaben sehr nahe. Was aber auch daran liegen mag, dass wir in Corona-Zeiten keine schnellen Autobahn-Etappen zu bewältigen hatten.

Kommen wir zum Preis: Knapp unter 20 000 Euro kostet das Basis-Modell mit Dreizylinder und Fünfgang-Schaltung, unser bestens ausgestatteter Testwagen mehr als das Doppelte. Allein die weiße Lackierung, früher einmal die günstigste Farbe, schlägt mit einem Tausender zu Buche. Aber es ist ja nicht irgendein Weiß, sondern Oryxweiß und dann noch mit Perlmutteffekt. Zurück zu unserer Eingangsfrage: Musterknabe ist der Golf 8 nicht mehr in allen Disziplinen, ein Sorgenkind aber auch nur in wenigen.

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