26.05.2020 - 08:00 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Mit Energie gemeinsam etwas unternehmen

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Genossenschaften sind Unternehmen in Bürgerhand. Für regionale Energiewende-Vorhaben haben sie sich als Rechtsform bewährt. Erfahrungen am Beispiel "Neue Energien West".

Für die umweltfreundliche Erzeugung von Strom mit Fotovoltaik sucht die Genossenschaft Neue Energien West ständig nach geeigneten Dächern und Freiflächen: NEW-Geschäftsführer Bernhard Schmidt im Solarpark Speinshart (Kreis Neustadt/WN). Die Anlage kann Strom für fast 1000 Haushalte liefern.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Bernhard Schmidt ist ein Kämpfer. Das muss der Geschäftsführer der "Neuen Energien West" auch sein, denn "den erneuerbaren Energien wird es nicht gerade leicht gemacht", bedauert er. Manchmal vermittle die Politik den Eindruck, man wolle die Energiewende nicht wirklich oder knicke gegenüber Interessensgruppen ein. "Nehmen Sie die Abstandsregel bei Windkraftanlagen, die in Bayern gilt. Die macht die Realisierung neuer Anlagen fast unmöglich. Und wenn man doch eine Möglichkeit sieht, haben Betreiber oft mit Widerstand aus der Bevölkerung zu rechnen."

Dabei steht sein Arbeitgeber, die Genossenschaft "Neue Energien West" (mit Sitz in Grafenwöhr, Kreis Neustadt/WN), für Erfolgsstorys, die geschrieben werden, wenn Bürger selbst zu Unternehmern werden und die Zukunft in die eigenen Hände legen.

"Die Bedeutung der Energiewende für uns alle und künftige Generationen erkannte in den Nullerjahren unter anderem der damalige Grafenwöhrer Bürgermeister Helmuth Wächter, der heute noch immer vertretungsberechtigtes Vorstandsmitglied der Genossenschaft ist", unternimmt Schmidt eine kleine Zeitreise zurück zu den Ursprüngen. "Wächter war eine der treibenden Kräfte, schob vieles an."

Im Februar 2009 war die "Neue Energien West" schließlich als kommunale Genossenschaft geboren. Heute gehören ihr 17 Städte und Gemeinden aus den Kreisen Neustadt/WN, Tirschenreuth und Amberg-Sulzbach an. "Die Mitglieder stellen zum Beispiel Flächen für Fotovoltaik-Anlagen zur Verfügung, wie Dächer von Schulen, beteiligen sich aktiv an der Projektierung und betreuen die Anlagen im Alltag", erklärt NEW-Mann Schmidt.

"Damit leisten diese Kommunen nicht nur einen wichtigen Beitrag für die Energiewende", bringt sich Johann Mayer, Vorstandsmitglied der Bürgerenergiegenossenschaft West, ins Gespräch ein, "sondern halten Wertschöpfung in der Region und stärken so unsere Heimat." Der Siemens-Techniker ist genauso wie Schmidt Überzeugungstäter: "Wir müssen heute etwas für morgen tun. Der Klimawandel ist längst hier. Jeder kann mithelfen, das Schlimmste zu vermeiden."

Das Schlimmste vermeiden. Das wollen auch die über 1500 Mitglieder der "Bürger-Energiegenossenschaft West eG", die wenige Monate nach der kommunalen Genossenschaft ins Leben gerufen wurde und ihrerseits als juristische Person Genosse der Neuen Energien West eG ist. "Wir wollten es mit deren Gründung jedem Bürger ermöglichen, sich einzubringen", betonen Mayer und Schmidt unisono.

Das kann "der Bürger", indem er mindestens einen Anteil im Gegenwert von 500 Euro zeichnet. Mit kommunaler und Bürgerbeteiligung zusammen konnte bislang eine Kapitalbasis von über 20 Millionen Euro geschaffen werden, von denen 94 Prozent aus privaten Mitteln stammen. Derart finanziell ausgestattet, konnte die Genossenschaft Neue Energien West eine Gesamtleistung von über 25 Megawatt installieren. "Damit lassen sich im Jahr weit über 31 Megawattstunden umweltfreundlicher Strom erzeugen. Das entspricht dem Bedarf von fast 8000 Einfamilienhäusern", erklärt Schmidt selbstbewusst. "So bleiben der Atmosphäre jährlich über 20 000 Tonnen vom Klimakiller Kohlendioxid erspart", setzt Vorstand Mayer nach, der sich politisch bei den Grünen engagiert.

Um die Neuen Energien West zu unterstützen, muss man allerdings nicht Genosse werden: "Seit dem Jahr 2014 bieten wir einen eigenen Stromtarif an, den Regionalstrom Nordoberpfalz", wirbt Schmidt. Das sei nicht nur ein Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel, sondern Einsatz für die Region: "Die Wertschöpfung bleibt in der Region und findet nicht bei anonymen Konzernen statt", sagt Mayer. "Anders als bei denen steht bei uns nicht der Gewinn im Vordergrund, sondern die Energiewende und die Menschen, die hier leben. Unser Geld bleibt in der Oberpfalz."

Außerdem profitieren die Bürger, die sich als Genossen, an der Idee beteiligen von einem transparenten System, auf das sie direkt Einfluss nehmen können, zum Beispiel mit der Wahl ihres Vorstands. "Das gibt den Menschen Autonomie zurück, die ihnen andernorts die Konzerne abgenommen haben", gibt Mayer zu bedenken.

Das Genossenschaftsprinzip ist dabei zutiefst demokratisch: "Unabhängig vom Gesamtbetrag der gezeichneten Anteile hat jeder Genosse eine Stimme, mit der etwa den Vorstand wählt oder an Satzungsänderungen mitwirkt."

Eines sei ihm ganz besonders wichtig: "Wir sehen uns nicht als Konkurrenten zu anderen Genossenschaften, die umweltfreundlich Strom erzeugen, sondern als Brüder und Schwestern im Geiste. Wir wollen letztlich alles das Gleiche, nämlich Weg von den fossilen Energieträgern, hin zu den regenerierbaren. Und das möglichst schnell, spätestens bis 2030."

Um das zu erreichen setzt Neue Energien West nicht ausschließlich auf Fotovoltaik, sondern ebenso auf Windkraft und andere alternative Energieformen: "In der Nähe von Creußen im Kreis Bayreuth unterhalten wir seit 2016 einen Windpark. Dem sollen trotz der erwähnten Hindernisse weitere folgen. Im November des vergangenen Jahres hat außerdem die Bürgerenergiegenossenschaft West ein Nahwärmenetz in Betrieb genommen, in das Abwärme eines mit Biogas betriebenen Blockheizkraftwerkes eingespeist wird."

Man kann sich durchaus vorstellen, künftig auch eigene Stromnetze zu betreiben. Die Energieversorgung müsse weiter dezentralisiert werden, sagen Vorstand und Geschäftsführer. "Schließlich geht es um unsere Zukunft.

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Nur konsequent: Das Betriebsfahrzeug fährt mit Öko-Strom. "Mobilität ist ein Schlüsselfaktor für die Klimawende. Der Strom muss aber aus erneuerbaren Quellen stammen. Speichermedium der Wahl ist Wasserstoff", sagen die NEW-Verantwortlichen.
Bernhard Schmidt freut sich über Pläne und neue Vorhaben. "Im vergangenen März und Mai konnten wir Photovoltaik-Anlagen mit jeweils 750 KW in Betrieb nehmen, im November folgte ein Nahwärmenetz in Trabitz, in das wir Abwärme aus einer Biogasanlage einspeisen, die zugleich Strom produziert."
Johann Meyer, Vorstandsmitglied Bürgerenergiegenossschaft West: "Wir ersparen der Atmosphäre jährlich über 20.000 Tonnen Kohlendioxid."
Info:

Oberpfälzer Energiegenossenschaften

Die Genossenschaft "Neue Energien West" ist bei weitem keine Einzelerscheinung, in der Oberpfalz gibt es eine Vielzahl derartiger Initiativen. Hier ein Überblick weiterer Energiegenossenschaften im Regierungsbezirk, die Mitglied sind im Bayerischen Genossenschaftsverband sind.

AOVE-Bio-Energie eG (Hahnbach, Kreis Amberg-Sulzbach), Agrarenergie Roding eG (Roding, Kreis Cham), BE-ON eG (Weiden), Bioenergie Kemnather Land eG (Kemnath, Kreis Tirschenreuth), Biogasgenossenschaft Kemnather Land eG (Kemnath, Kreis Tirschenreuth), Biomassegenossenschaft Kallmünz eG (Kallmünz, Kreis Regensburg), Bürger-Energiegenossenschaft ZENO eG (Floß, Kreis Neustadt/WN), Bürgerenergie Mittlere Oberpfalz eG - Bemo (Nabburg, Kreis Schwandorf), Bürger-Energie-Region Regensburg eG (Regensburg), Energielandkreis Cham eG (Cham), Holzverwertungsgenossenschaft Stiftland eG (Neualbenreuth, Kreis Tirschenreuth), Juraenergie eG (Neumarkt), Kommunale Energie Regensburger Land eG (Regenstauf, Kreis Regensburg), Liefergenossenschaft Kemnather Land eG (Kemnath, Kreis Tirschenreuth), Stromversorgung Schierling eG (Schierling), TIR Energie eG (Tirschenreuth).

Die genannten Genossenschaften sind unterschiedlich organisiert und strukturiert, nicht zwingend für Einzelpersonen gedacht und haben in den jeweiligen Satzungen definierte Zwecke.

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