19.02.2021 - 15:54 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Die Fastenzeit als "große Chance"

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Skiurlaub, Partys, Einkaufsbummel: Nicht nur das fällt wegen der Pandemie flach. Jetzt ist auch noch Fastenzeit - und zusätzlicher Verzicht gefordert. Kein Alkohol, nichts Süßes, weniger Fleisch: Muss das in Coronazeiten wirklich sein?

Pfarrer Hartmut Klausfelder am Herd: Die Basensuppe ist ein wichtiger Bestandteil der Darmreinigungskur, die er alljährlich in der Fastenzeit macht.
von Anita Reichenberger Kontakt Profil

Wie viel Entbehrung ist jetzt noch nötig in dieser ohnehin entbehrungsreichen Zeit? Einer, der sich mit dieser Frage auseinandergesetzt hat, ist Pfarrer Bernhard Müller aus Grafenwöhr. "Die Coronapandemie schlägt allen aufs Gemüt; jeder leidet darunter. Wir wissen aber auch, dass es keine Alternative gibt", merkt er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien an. "Und jetzt sagt auch noch die Kirche: Halt! Stopp! Haltet inne, kehrt um! Mäßigt euch und behaltet euer Ziel im Auge!", schreibt er zum Auftakt des digitalen Fastenimpulses der Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit: Drohe somit zudem "ein seelischer Lockdown"?

Das Gegenteil sei jedoch der Fall, erklärt Müller am Telefon. Fastenzeit sei jedes Jahr - "unabhängig von Corona": "Ziel ist Ostern, das größte Fest im Kirchenjahr. Tod und Auferstehung Jesu bilden die Grundlage unseres Glaubens." Die Wochen davor dienten als eine "Zeit der inneren Einkehr und persönlichen Vorbereitung" darauf.

Für die österliche Bußzeit, wie die Fastenzeit auch genannt wird, gebe das Evangelium vom Aschermittwoch den Gläubigen einen "Dreischritt" an die Hand: "Fasten, Gebet und Almosen", zählt der Geistliche auf. Somit gehe es nicht nur um das körperliche Fasten, sondern um eine persönliche Einschränkung: "Mal bewusst auf etwas verzichten, was man sonst gerne macht." Was das ist, müsse jeder für sich selbst aussuchen. Es gelte, "sich selbst an der Nase zu packen" und sich "innerlich zu bewegen", macht Müller die geistig-spirituelle Dimension des Fastens deutlich - ohne seinen eigenen Vorsatz zu verraten.

Der zweite Punkt sei, "das Gebet zu intensivieren", der dritte, "dass man nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch an Mitmenschen", betont der Pfarrer das "Tun für andere". All das müsse "nicht gleich von Anfang an" umgesetzt werden, "das kann auch schrittweise sein". Denn: "Jeder bewegt sich fort und weiter."

Herausforderung an Seelsorge

Auf diesem Weg begleite die Pfarrei die Gläubigen mit vielfältigen Angeboten: "Zwar in anderer Form wie sonst üblich, aber wir haben schon Möglichkeiten", merkt Müller zu den besonderen Herausforderungen an die Seelsorge in Coronazeiten an. Zumal die Fastenzeit sowieso persönlicher sei als der Fasching, wo gemeinsam gefeiert werde.

Hintergrund:

Pfarrgemeinde Grafenwöhr schickt täglich Fastenimpuls aufs Handy

  • In der Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit Grafenwöhr werden in der Fastenzeit „wie jedes Jahr“ zwei Bußgottesdienste gefeiert, darunter ein ökumenischer. Auch der traditionelle ökumenische Kreuzweg „braucht nicht ausfallen, weil wir eine große Kirche haben“, freut sich Pfarrer Bernhard Müller.
  • Kreuzweg-Andachten werden „einmal in der Woche“ ebenfalls in der Friedenskirche gebetet mit den vorgeschriebenen Einschränkungen mit Blick auf Abstand, Maske und Hygiene. Nicht stattfinden kann dagegen der Kreuzweg im Freien am Annaberg. An den Stationen dort werden aber Texte angebracht, so dass „jeder den Kreuzweg selbst gehen kann“, informiert der Geistliche.
  • Auf „eine Form der Vorbereitung, die man auch in Coronazeiten machen kann“, weist er zudem besonders hin: den digitalen Fastenkalender „Sieben Wochen unterwegs“ analog zur Aktion im Advent. Per Whatsapp erhalten die Teilnehmer dabei bis zum Ostermontag täglich einen von Autoren aus der Pfarrei verfassten Impuls. Näheres dazu auf der Homepage www.pfarrei-hl-drei faltigkeit.de/pfarrei/fastenimpuls/
  • „Wir versuchen schon, in Kontakt zu kommen, aber in anderer Form“, erklärt Pfarrer Bernhard Müller. Das gelte auch für die Vorbereitung auf Erstkommunion und Firmung: „Wir machen viel mit den Kindern“, berichtet er etwa von (Wort-)Gottesdiensten. Statt Elternabenden gebe es Informationen per E-Mail und Familiengespräche. (rca)

Diese Feststellung gilt erst recht für die evangelische Kirchengemeinde Neustadt am Kulm. Spezielle Angebote wie Passionsandachten macht Pfarrer Hartmut Klausfelder dort in der Fastenzeit nicht - sie werden von den Gläubigen aber auch nicht gefordert, berichtet er. Das Fasten selbst werde in der evangelischen Kirche ebenfalls lockerer gesehen. So sei in der reformatorischen Zeit "gar nicht gefastet worden". Heutzutage würden die meisten Menschen dabei etwa an Gewichtsreduktion und fleischlose Ernährung denken - "zweifellos aus gesundheitlicher Sicht eine gute Sache", spricht Hartmut Klausfelder aus eigener Erfahrung.

Denn in der Fastenzeit verzichtet er nicht nur "grundsätzlich auf Alkohol", sondern macht seit 20 Jahren auch stets eine dreiwöchige Darmreinigungskur. Dafür nimmt er sich extra eine Woche Urlaub. "Diesmal habe ich schon etwas früher angefangen, weil der Fasching sowieso ausgefallen ist." Die Kur "tut mir auch immer sehr gut", erzählt er. Von daher sei er ein "großer Befürworter" des Fastens.

Pfarrer Hartmut Klausfelder beim Frühstück: Während der dreiwöchigen Darmreinigungskur, die er jedes Jahr in der Fastenzeit absolviert, nimmt er am Morgen nur Emmerzwieback, Leinöl und Mandelmilch zu sich.

Aber "das ist kein Muss", erläutert der Pfarrer: "Es geht auch ohne. Ich kann auch bei einem Glas Wein oder einem Feierabendbier eine wertvolle Glaubenserfahrung machen." Denn "Fasten hat ja noch eine andere Seite": Aus religiöser Sicht "dient es in erster Linie dazu, Gott zu finden, Gott näher zu kommen". Ziel sei es, "viel intensivere Erfahrungen mit Gott zu machen".

Derzeit hätten die Menschen "das Gefühl, auf so viel verzichten zu müssen, schon sehr entbehrungsreich zu leben". Beim religiösen Fasten gehe es jedoch gar nicht darum, sondern "dass man Zeit hat für Gott und sie sich auch nimmt", macht Klausfelder deutlich. "Das ist ja eigentlich ein Mehr", spricht er von einer "großen Chance". "Und vor allem bekommt man ja auch etwas dafür": Denn ein "lebendiges und tiefes Gottesverhältnis" könne das Leben sehr bereichern und Kraft schenken.

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Gerade in Coronazeiten sei dies "wichtiger denn je", erklärt der Pfarrer: "Den Leuten wird viel abverlangt und sie müssen viel aushalten." Durch Forschung sei bestätigt, dass "Menschen, die fest im Glauben stehen", nachweislich mehr Resilienz besäßen, also die Fähigkeit in sich tragen, Krisenzeiten besser zu überstehen. Klausfelder kann dies mit Blick auf aktuelle Gespräche nur unterstreichen.

"Die Fastenzeit kann eine Möglichkeit sein, sich bewusst zu machen, wo stehe ich in meinem Glauben, was bedeutet er mir?", wirbt er dafür, sich Zeit dafür und für das Verhältnis zu Gott zu nehmen. Dabei müsse nicht der Gottesdienst besucht werden: Jeder könne auch alleine in die Kirche gehen und dort beten oder eine Kerze anzünden. Ein "guter Nebeneffekt" sei, zu erkennen, "von was bin ich abhängig, auf was kann ich verzichten?".

"Eine große Belastung"

Dr. Eduard Schreglmann aus Kirchenthumbach sieht das aus medizinischer Sicht ähnlich. "Wenn man das ganze Jahr nicht darauf geachtet hat, sollte man schon mal eine Frühjahrskur machen", rät er. Die Fastenzeit könne als Anlass genommen werden, eine Zeitlang Alkohol und Süßes zu meiden - gerade auch während der aktuellen Krise.

Diese sei "eine große Belastung" für die Menschen, erklärt der Mediziner und hebt dabei Kinder, Alleinerziehende und Alleinstehende hervor. Mit seinen Patienten komme es darüber allerdings "nur vereinzelt zum Gespräch": "Momentan sind die Leute allem gegenüber eher zurückhaltend" und würden deshalb auch die Arztpraxen meiden. Er denke aber schon, "dass einige in der Coronazeit zugelegt haben": Dadurch, dass die Menschen eingeschränkt und eingesperrt seien, könnten sie verstärkt "gut gegessen und vermehrt zum Alkohol gegriffen haben". Fasten wäre deshalb "schon gut", meint Schreglmann. "Nicht ohne Grund hat die Religion das Fasten eingeführt", sagt er und weist auch auf das Abstinenz- und das Freitagsgebot hin: "Das hat alles in der Medizin seine Begründung."

Selbst gefastet hat der Arzt aber "noch nie": "Ich bin nicht der Fastentyp." Denn er sei generell "gegen alle Extreme": "Ein gesundes Mittelmaß ist das Beste" - ob beim Sport, beim Sex oder beim Essen, erklärt er lachend. Schreglmann versucht im Alltag, möglichst fit zu bleiben. Mit Alkohol und Süßem habe er deshalb "sowieso kein Problem". Und so sei auch Fasten "nicht so das große Thema" für ihn.

Service:

Gemüse, Mineralwasser und Bewegung

  • Der Tipp von Dr. Eduard Schreglmann: „Das ganze Jahr nicht über die Stränge schlagen. Ein gesunder Mensch kann alles machen und essen – nur in Maßen.“ Und: „Auch Bewegung ist gesund und sollte dabei sein.“
  • Der Mediziner betont insbesondere die Zusammensetzung der Nahrung. Für wichtig hält er vor allem „ausreichend Gemüse“, wobei auf saisonale und heimische Produkte geachtet werden sollte, und als Getränk Mineralwasser.
  • Statt einer Apfelschorle empfiehlt er „lieber einen Apfel und Mineralwasser“ – „alles andere ist zu süß“: „Fertigprodukte enthalten zu viel Zucker.“ Er selbst trinke jeden Morgen „ein Glas frisch gepressten Orangensaft“.
  • Mittlerweile gebe es auch „sehr gute alkoholfreie Biersorten“ mit „wesentlich weniger Kalorien“. Diese seien allerdings „nichts für alkoholkranke und trockene Alkoholiker“, da sie einen „gewissen Restalkohol“ enthielten. (rca)

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