01.11.2020 - 12:17 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Keine Gräbersegnung im Sperrgebiet

"Wenn wir ferne sind und weit, wer wird denn am Grabe beten zur Allerseelenzeit?" Diese Frage stellte einst der Heimatdichter Erhard Trummer aus dem aufgelösten Übungsplatzdorf Haag. In diesem Jahr ist sie aktueller denn je.

von Autor MORProfil

Seit 1992 beantworten die ehemaligen "Hoocher" mit einem Gräbergang zu den Friedhöfen Haag und Langenbruck diese Frage. Heuer muss der Besuch der Gottesacker im Sperrgebiet durch die Einschränkungen der Coronapandemie erstmals ausfallen.

3500 Menschen aus 58 Ortschaften, Gehöften und Weilern mussten im dritten Reich bei der Erweiterung des Übungsplatzes im Jahr 1938 ihre angestammte Heimat verlassen. Darunter fiel auch Haag. Haag war der zentrale Ort des Erweiterungsgebiets für den Übungsplatz. Die politische Gemeinde hatte damals bereits über 500 Einwohner, 1938 wurde der Ort aufgelöst. Nur Mauerreste, Kellergewölbe, ein Granitstein mit Kreuz, Geschichtstafeln und der alte Dorfweiher weisen noch auf die Ortschaft hin. Auf der östlichen Anhöhe über dem Dorf liegt der Haager Friedhof. Wie die Gebäudereste der einst blühenden Ortschaft verfiel auch der Friedhof. Die Holzkreuze und Grabsteine stürzten um und wurden im Laufe der Jahrzehnte von der Natur überwuchert.

Generalsanierung des Friedhofs

Erst 1992 wurde dem weiteren und endgültigen Verfall des Friedhofs Einhalt geboten. Ehemalige Haager wie Toni Englhardt und der Heimatverein Grafenwöhr waren Initiatoren für die Generalsanierung. Der Bundesforst nahm die Ausholzung vor und die US-Armee ließ den Weg zum Friedhof aufschottern. Über 600 Arbeitsstunden investierten der Straßenbautrupp des damaligen Bundeswehr-Verbindungskommandos, des heutigen DMV. In mühevoller Kleinarbeit wurden von Hand die in der Erde liegenden Grabsteine wieder aufgerichtet. Ein altes Bild vom Friedhof zeigte den Standort der Grabsteine. Meist standen über den Gräbern nur Holzkreuze. Auf historischen Bildern ist die Gruft der Familie von Grafenstein zu sehen, ihr gehörte die Brauerei in Hammergänlas. Die Grafensteins kauften die Löwenbrauerei in Grafenwöhr und das Gut Obersteinbach in Mittelfranken. Das Gruftgebäude wurde abgebaut und in Obersteinbach wieder errichtet, dorthin wurden auch die Toten der Grafensteins umgebettet.

Kleinod im Sperrgebiet

Mit der Sanierung des Haager Friedhofs entstand ein kulturhistorisches Kleinod inmitten des Sperrgebiets. Die oft kunstvollen Grabsteine stammen zum größten Teil aus der Zeit vor 1900 und sind überwiegend aus Sandstein. Der sonst witterungsanfällige Sandstein hat sich durch das Liegen in der Erde selbst patiniert und konserviert, auch die Inschriften sind vielfach noch gut lesbar. Die reich mit Ornamenten und Symbolen verzierten Grabstellen finden immer wieder große Beachtung. Auch die Steinmetz-Innung aus Weiden bestätigte bei einem Besuch die Seltenheit solcher Grabmäler. Der in Bergfried bei Haag geborene Georg Stümpfl zimmerte nach der Sanierung für den Gottesacker ein neues Friedhofskreuz mit einer farblich gefassten Christus-Figur. 2003 wurde nach einem Wildschaden ein neuer Zaun um den Friedhof gebaut. Gepflegt wird der Gottesacker von Mitarbeitern der Bundeswehr.

Alle Jahre um den Allerseelentag im November brechen seit 1992 die ehemaligen "Hoocher" und Gläubige aus Vilseck und Grafenwöhr zum Gräberbesuch nach Haag und Langenbruck am Rande der Vilsecker Rose-Barracks auf, um den Verstorbenen zu gedenken. Der Vorsitzende des Soldaten- und Kriegervereins Sorghof, Werner Stubenvoll, dessen Wurzeln auch in Haag liegen, ist seit Jahren Initiator der Fahrten.

Absage erstmals seit 1992

In Abstimmung mit der US-Garnison Bavaria, den zuständigen Gesundheitsämtern, dem Pfarramt Vilseck und Werner Stubenvoll wird wegen der verschärften Coronaschutzmaßnahmen der für den 8. November geplante Besuch der Gräber auf den Friedhöfen der ehemaligen Ortschaften Haag und Langenbruck abgesagt.

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