Grafenwöhr
13.07.2018 - 15:47 Uhr

"Kommissar GPS" auf Räuberjagd

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Hauptangeklagten nicht. Selbst wenn Viktor C. mit Hand- und Fußfesseln in den Gerichtssaal schlurft, dann tut er das mit stolz geschwellter Brust unter dem grünen Häftlingshemd. Botschaft: Mir kann keiner.

Die mutmaßliche Route der Täter aus der Ukraine nach Grafenwöhr. NT/AZ
Die mutmaßliche Route der Täter aus der Ukraine nach Grafenwöhr.

Weiden/Grafenwöhr. (ca) Der Ukrainer (41) soll einer der vier Männer gewesen sein, die nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft den Raubüberfall auf ein Seniorenpaar in Grafenwöhr im April 2016 verübt haben sollen. Zwei sind flüchtig. Einer sitzt in Österreich wegen eines ähnlichen Delikts. Bei diesen Dreien ist die Beteiligung praktisch unstrittig: Die zwei Flüchtigen haben reichlich DNA am Tatort hinterlassen; der Inhaftierte hat gestanden. Viktor C. soll der Vierte im Bunde gewesen sein, in der Hierarchie eher oben. Aber er ist auch die härteste Nuss. Seit 19 Verhandlungstagen trägt die 1. Große Strafkammer unter Vorsitz von Markus Fillinger Beweise zusammen.

Diese Woche standen die vorerst letzten, aber wichtigen Zeugen Rede und Antwort: die beiden Sachbearbeiter der Kriminalpolizei Weiden. Ein Kommissar und eine Weidener Staatsanwältin waren im Oktober 2016 bei der Festnahme von Viktor C. in Prag durch eine tschechische Spezialeinheit dabei: nachts auf offener Straße. Bei der Vernehmung gewann der Beamte den Eindruck: "Er stellte sich als stolzer Mann dar. Als ob er über den Dingen stehen würde und man ihm nichts anhaben könnte."

Diese Selbstsicherheit dürfte ein paar Risse bekommen haben. Die Ermittler hatten mehr in der Hand, als er dachte. Das Tatfahrzeug - ein Renault Megane - war zwar höchst aufwendig über einen Strohmann unter falschem Namen gemietet worden. Nur notierte man auf dem Leihvertrag die echte Telefonnummer von Viktor C. Und man erwischte ausgerechnet einen Mietwagen mit GPS-Tracker als Diebstahlschutz. Die Routen konnten ausgelesen werden.

Als der Kommissar den Verdächtigen mit diesem "Kardinalfehler" konfrontierte, sagte Viktor C. sinngemäß: "Wer ist denn so dumm?" Er soll auch gesagt haben: "Es gibt keine geregelte Arbeit, für die es sich lohnen würde, ihr nachzugehen."

Der Beamte erinnert noch einmal an den unglaublichen Aufwand, der letztlich zum Ermittlungserfolg führte. Schon früh nahmen die Weidener Kontakt ins Nachbarland auf. Auslöser war das Auto. "Die tschechischen Kollegen haben uns bei den Ermittlungen dann sehr gewinnbringend unterstützt." Zur Überraschung des Kommissars stellten die Tschechen schon sehr früh einen Zeitkorridor in Aussicht, in dem man die Verantwortlichen des Grafenwöhrer Überfalls ergreifen könne.

Hintergrund: Viktor C. stand schon im Visier. Gegen ihn und seine Gruppierung wurde wegen eines groß angelegten Zigarettenschmuggels ermittelt. "Der tschechische Zoll war an der Gruppe nah dran." Observation und Telefonüberwachung liefen schon. Aus den Daten konnte die Verbindung in die Oberpfalz geknüpft werden: Viktor C. kannte einen Tachauer Gauner, der ihm gelegentlich zuarbeitete. Dieser gesellige Hühnerzüchter aus Tschechien wiederum telefonierte mit einem Bekannten nahe Grafenwöhr. Aus dessen Umfeld war der Tipp gekommen: "Sehr viele Leute hatten geglaubt, dass das Paar sein Lokal verkauft hatte", so der Kommissar. "Da war die Rede von mehreren hunderttausend Euro." Am Ende ließ sich sogar feststellen, wann die Ukrainer eingereist waren: An der Schengen-Außengrenze zur Slowakei werden alle Ausweise eingescannt.

Hintergrund:

Notruf an "Moosbüffel"

Jeder hat mal eine rabenschwarze Minute. Bei einem Polizeibeamten der Einsatzzentrale Regensburg waren es drei. Er hatte in der Nacht zum 12. April 2016 kurz nach Mitternacht den Notruf der 80-jährigen Seniorin übernommen, die mit ihrem Mann (89) von drei maskierten Männern daheim vor dem Fernseher überfallen worden war. Der Frau war die Schulter ausgekugelt worden, sie hatte sich gerade befreien können. Ihr Mann lag noch verletzt am Boden, mit Handschellen fixiert. Für diese Verhältnisse setzt die Frau aus Grafenwöhr einen bemerkenswert professionellen Hilferuf ab. Was man von der Gegenseite nicht behaupten kann. Mit Verlaub: Das Wort Moosbüffel müsste für diesen Oberpfälzer extra noch einmal erfunden werden.

Die Zuhörer der Gerichtsverhandlung bekamen diese Woche den Anruf „live“ als Audiodatei zu hören. Von der ersten Sekunde an ist der Polizist überraschend unwirsch. „Wo wor des?“ Er wird immer ungehaltener, weil er die Adresse nicht versteht. „Bei der „Gaudi bei eana im Hintergrund!“ Die „Gaudi“ ist ihr Mann, der „Hilfe, Hilfe!“ ruft. Dazu orgelt der Fernseher. Neun Mal wiederholt die Seniorin die Adresse. Er versteht sie nicht: „Guade Frau, ich sitz’ in Regensburg, ich kann damit nichts anfangen! Is’ des a Wohnung oder a Wirtschaft oder a Museum?“ Der Ehrenrettung halber: Nach etwa drei Minuten wird’s ein wenig besser. Nach acht Minuten ist die Streife im Haus – und übernimmt.

 
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