23.11.2018 - 14:11 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Sterbebegleitung: Hand in Hand auf die letzte Reise

Hildegard Haupt hat schon viele Menschen sterben sehen. Mindestens Hundert, schätzt sie. Und an jedem einzelnen hängt ihr Herz.

Dank Hospizbegleiter sind Sterbende in den letzten Stunden nicht allein.
von Marion Espach Kontakt Profil

Die Arbeit der 62-Jährigen beginnt dann, wenn sich das Leben anderer dem Ende zuneigt. Als Hospizbegleiterin macht sie Menschen die dunkelsten Stunden ihres Lebens heller, erträglicher und in manchen Momenten heiterer. "Hin und wieder wird am Sterbebett auch gelacht. Zum Beispiel dann, wenn man sich gemeinsam an früher erinnert", erklärt die Grafenwöhrerin, Koordinatorin des ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdiensts Weiden-Neustadt/WN.

Knapp 15 Jahre als Trauer- und Sterbebegleiterin haben ihr aber dennoch gelehrt: Der Sterbeprozess ist nicht schön - weder für den Sterbenden noch für seine Angehörigen. Aber auch für Haupt ist es nicht einfach, wenn das Leben eines Patienten endet. Vor allem dann nicht, wenn sie ihn lange betreut hat. "Das ist, als ob man einen Freund verliert." Manche Betroffene begleitet Haupt ein paar Wochen, manche mehrere Jahre. "Am längsten habe ich eine Frau mit Bauchspeicheldrüsenkrebs betreut. Etwa zwei Jahre", erinnert sie sich. Anfangs hat Haupt sie zwei bis drei Mal pro Woche besucht, am Ende jeden Tag. Damit die Frau auch nachts nicht allein war, hatten sich Haupt und ihr Mann - ebenfalls Hospizbegleiter sowie Psychologe - die Betreuung geteilt. "Das ist schon ein langer Weg, den man mit den Sterbenden geht." Besonders schwer ist der Weg an der Seite von jungen Menschen. "Vor allem von Kindern. Vor einigen Jahren habe ich eines begleitet, das gerade mal sieben Jahre alt war." Ein seltener Fall, der sich ihr umso mehr ins Gedächtnis eingebrannt hat. "Wer denkt bei einem kleinen Kind schon ans Sterben?"

Für die Sterbebegleiterin macht es keinen Unterschied, wie alt die Patienten sind. Ihre Aufgabe ist stets die gleiche: Betroffenen und Angehörigen die Ängste vor dem Tod nehmen, sie beruhigen und auf das vorbereiten, was kommt. "Sterbebegleitung heißt nicht Pflege, sondern Beratung", betont Haupt. Das bedeutet auch, über das aufzuklären, was beim Sterbeprozess passiert. Manches sei ähnlich wie bei einer Geburt. Die Atmung beispielsweise: "Viele, die im Sterben liegen, atmen schneller und beginnen zu keuchen. Genauso wie Gebärende." Weil das Angehörige oft verunsichern würde, ist es Haupt wichtig, sie darüber aufzuklären. "Nur so können sie im Ernstfall richtig reagieren."

Richtig reagieren heißt in so einer Situation, die Atmung zu ignorieren, den Patienten in den Arm zu nehmen, vielleicht seine Lieblings-CD einzulegen. "Meistens ruft die Familie aber den Notarzt, der Betroffene wird mitgenommen - und stirbt vielleicht im Krankenwagen. Das ist nicht würdevoll." Würdevoll sei es dann, wenn derjenige so sterben könne, wie er es wolle - und das ist in den meisten Fällen zu Hause. Trotzdem geht jeder Sterbende seinen eigenen Weg. "Manche wollen die letzten Stunden im Kreis ihrer Lieben verbringen, andere wollen allein sein", erklärt Haupt.

Mit den Jahren hat die 62-Jährige ein Gespür dafür bekommen, was sich ein Patient wünscht und was er braucht. "Und wenn er nicht mehr dafür sorgen kann, mache ich alles, was in seinem Sinne steht." Manchmal bedeutet das auch, jemandem dabei zu helfen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie erinnert sich an eine alte Frau, die nicht gehen wollte. "Oder nicht konnte. Ich habe gespürt, dass sie etwas umtreibt und nicht zur Ruhe kommen lässt." Haupt hatte nachgehakt und irgendwann herausgefunden, was die Patientin quälte: das zerrüttete Verhältnis zu ihrem Sohn, der sie nach einem Streit nicht mehr besuchte. "Also bin ich zu ihm gefahren und habe erklärt, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er ist sofort zu ihr." Erst, als sie in den Armen ihres Sohnes lag, konnte sie loslassen und sterben.

Der Beruf der Sterbebegleiterin erfüllt Haupt. "Es kostet aber auch unheimlich viel Kraft", gibt sie zu. Aufhören wollte sie dennoch noch nie. Zu schön ist das Gefühl, wenn sie die Dankbarkeit der Betroffenen spürt und sie ihr ein Lächeln schenken. Außerdem hat sie selbst erlebt, wie hilflos man sich fühlt, wenn ein geliebter Mensch stirbt. "Mein erster Mann ist viel zu früh verstorben. Ich weiß also, wie das ist." Und auch wenn man mit dem Sterbenden immer einen Freund verliert: "Mit ihren Angehörigen gewinnt man immer neue Freunde dazu." Menschen, an denen ihr Herz ebenfalls hängt.

Neue Begleiter gesucht:

Allein, im Kreis der Familie, mit oder ohne Musik: Jeder Betroffene stellt sich die letzten Stunden seines Lebens anders vor. Was Hildegard Haupt besonders auffällt: „Frauen und Männer sterben anders.“ Der größte Unterschied sei laut der Sterbe- und Trauerbegleiterin, dass es Männern schwerer falle, sich zu öffnen. Umso wichtiger ist es, auch männliche Hospizhelfer unter den Ehrenamtlichen zu haben. „Männer öffnen sich Männern gegenüber eben leichter“, begründet Haupt.

Unter den rund 55 ehrenamtlichen Hospizhelfern sind aktuell aber nur drei Männer. „Neuzugänge sind also jederzeit willkommen.“ Doch egal, ob männlich oder weiblich: Wer sich für das Ehrenamt interessiert und sich darüber informieren will, kann sich beim Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst Weiden-Neustadt/WN unter Telefon 0961/3898740 und Handy 0151/16734663 melden.

Café und Seminare:

Damals wie heute stehen viele Menschen der Sterbebegleitung skeptisch gegenüber. „Vor allem auf dem Land“, weiß Hildegard Haupt. Und damals wie heute fällt es vielen schwer, diese Art der Hilfe anzunehmen. „Vermutlich, weil der Tod dann konkreter, greifbarer wird“, meint die Hospizbegleiterin.

Dennoch lassen sich immer mehr darauf ein und die Zahl der Patienten und der zu begleitenden Familien steigt. Glücklicherweise auch die der ehrenamtlichen Sterbebegleiter: „Sonst würde ich die ganze Arbeit gar nicht schaffen.“ Die 62-Jährige ist nämlich nicht nur Sterbebegleiterin, sondern gehört auch dem vierköpfigen Koordinationsteam des ambulanten Hospizdienstes Weiden-Neustadt/WN an, hat ein Trauercafé für hinterbliebene Angehörige gegründet, hält Trauerseminare und ist Mentorin für Patientenverfügungen.

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