17.12.2018 - 15:31 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Weihnachtsbaum per Feldpost

Im Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr versteckt sich ein historisches Kleinod, dessen Weihnachtsbotschaft nach wie vor aktuell ist. Auch die Maria-Himmelfahrtskirche ist mit einem unvergessenen Weihnachtsfest verbunden.

Ganz unscheinbar versteckt sich im Kultur- und Militärmuseum in Grafenwöhr ein historisches Kleinod. Es ist ein kleines Weihnachtsbäumchen. Im Ersten Weltkrieg wurden solche Christbäume zu den Soldaten an die Front geschickt.
von Angela BuchfelderProfil

Weihnachten – das Fest der Liebe. In diesen Tagen wünschen sich die Menschen Frieden und Besinnlichkeit. Doch unruhig sind die Zeiten heute weltweit. Und unruhig war die Weltgeschichte schon immer. Manchmal aber gibt es Lichtblicke in wirren Zeiten und manchmal haben kleine Zeichen große Wirkung. In Grafenwöhr gibt es einen kleinen Baum und eine Kirche, die von zwei besonderen Weihnachtsfesten erzählen können.

Ganz unscheinbar versteckt sich im Kultur- und Militärmuseum zwischen Uniformen und Militaria ein historisches Kleinod, das den Friedensgedanken zu Weihnachten nicht besser verkörpern könnte. Es ist ein kleines Weihnachtsbäumchen. Schon ziemlich alt, nicht mehr ganz so funkelnd, aber handlich und mit Anleitung noch in der original Pappschachtel verpackt. Willi Buchfelder, Vorsitzender des Heimatvereins, erzählt: „Früher gab es die Bäumchen zu Tausenden, heute aber ist es eines von nur noch einer Handvoll existierenden weltweit.“ Und die Botschaft des kleinen Christbaums ist nach wie vor aktuell.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Jahr 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Deutsche Soldaten ziehen im August noch patriotisch und siegessicher in den Krieg. Zu Weihnachten, so die herrschende Überzeugung, wären sie längst wieder bei ihren Familien daheim. Die Geschichte zeigt, dass es noch vier weitere lange Jahre dauern sollte, bis sich dieser Wunsch erfüllen konnte. Die Oberste Heeresleitung lässt zur Motivation der Soldaten Tausende kleine Christbäumchen produzieren, die Verwandte an ihre Lieben an der Front schicken konnten. So kommt es, dass viele tausend Pappschachteln mit dem Vermerk „Eilig! Weihnachtsbaum“ per Feldpost ihren Weg an die Front nach Frankreich finden, um dort zumindest einen Hauch von Weihnachtsstimmung in die Schützengräben zu bringen.

An Heiligabend 1914 geschieht, was keiner für möglich gehalten hatte: ein kleines Weihnachtswunder. Mitten im Ersten Weltkrieg lassen Soldaten ihre Waffen fallen und feiern mit ihren Feinden Weihnachten. Kerzen und kleine Weihnachtsbäume erhellen die Nacht und Weihnachtslieder klingen durch die Schützengräben in Frankreich. Autor Michael Jürgs beschreibt in seinem Buch „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ diese bewegenden Szenen: „Anfangs ist es nur einer, der ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘ vor sich hin singt.“ Doch langsam schließen sich immer mehr Sänger an und Weihnachtslieder durchdringen die Stille der Nacht. Gegenüber hört der britische Feind die Feierlichkeiten und beobachtet neugierig das Geschehen im deutschen Lager.

Langsam fassen beide Seiten Mut und kriechen aus den Schützengräben heraus. Sie gehen aufeinander zu, begrüßen und umarmen sich. Feinde, die sich am Tag vorher noch gegenseitig umbringen wollten, liegen sich in den Armen und feiern gemeinsam Weihnachten.

Die Oberbefehlshaber machen jedoch am nächsten Tag die Hoffnungen auf Frieden zunichte und verbieten den Soldaten die Waffenruhe und Verbrüderung. Der Krieg geht noch vier lange Jahre weiter. Offiziell wird die Begebenheit nie von den Heeresleitungen dokumentiert, von den Deutschen wird sie gar jahrelang als unpatriotische Entgleisung geleugnet. Und doch geht sie als „Weihnachtsfrieden von 1914“ und als bedeutendes Zeichen der Nächstenliebe in die Geschichte ein.

Im Bewusstsein bleibt sie durch Erzählungen und Briefe der deutschen und englischen Soldaten. Auch der Frontchristbaum im Kultur- und Militärmuseum ist ein Original-Relikt von 1914. „Er stammt von Georg Felbermayr aus München, dessen Großvater selben Namens in der Bayerischen Armee diente. Er war im Ersten Weltkrieg an der Westfront und hat den Weihnachtsfrieden selbst miterlebt“, berichtet Buchfelder. Als Erinnerung nimmt Felbermayr das Bäumchen, um das herum gesungen wurde, mit nach Hause und vermacht es später seinem Enkel. Heute erinnert es im Kultur- und Militärmuseum an die wundersame Begebenheit im Ersten Weltkrieg und soll uns immer wieder mahnen, das in den vergangenen hundert Jahren Errungene mehr wert zu schätzen.

Einige Jahre und einen weiteren Weltkrieg später ereignet sich ein weiteres, ganz besonderes Weihnachtsfest. Die Maria-Himmelfahrts-Kirche in Grafenwöhr ist Zeugin dieses besonderen Weihnachtsabends. Die Geschichte gerät in Vergessenheit bis der Kreisheimatpflegerin Leonore Böhm der Brief eines New Yorker Pfarrers in die Hände fällt. Bereits 1991 veröffentlicht sie die Geschichte des ehemaligen Soldaten im Grafenwöhrer „Stadtanzeiger“.

Der Präses der New Yorker Kolpingsfamilie, Monsignore James J. Murray, schreibt Weihnachten 1986 für das dortige Kolpingblatt einen Artikel über Weihnachten 1945, das er als Soldat in Grafenwöhr verbracht hatte. Über den Pfarrer der Dreifaltigkeitspfarrei von New York, Walter Pruschowitz, gelangt die Geschichte nach Grafenwöhr zurück.

Monsignore Murray schreibt: „Mein schönstes Weihnachtserlebnis war vor 41 Jahren die Christmette im Jahre 1945.“ Sieben Monate zuvor ist der Krieg zu Ende. Eine kleine Gruppe amerikanischer Soldaten, ungefähr 140, ist in ehemaligen deutschen Panzerbaracken auf dem Truppenübungsplatz stationiert. Die Weihnachtsszenerie ist trostlos, die Verwüstungen des Krieges sind noch überall zu sehen. Bei zwei Luftangriffen am 5. und 8. April 1945 sind viele Baracken und Gebäude des Übungsplatzes zerstört worden. Selbst im Dezember müssen die Soldaten vorsichtig sein, um nicht auf Landminen zu treten.

„Als der Sommer 1945 Herbst wurde und der Herbst Winter, kamen die Menschen wieder nach und nach zurück, und die kleine Stadt Grafenwöhr erwachte wieder zu neuem Leben, wenn man es so bezeichnen kann“, schreibt Murray in seinem Bericht weiter. Die Grafenwöhrer befreien die Straßen von Schutt, nehmen die Bretter von Türen und Fenstern ab und öffnen wieder ihre Geschäfte. Murray und zwei andere Soldaten gehen am Sonntag vor Weihnachten die knapp fünf Kilometer nach Grafenwöhr. Dort sehen sie an der Kirchentür ein Schild. Die Kirche würde zu Weihnachten geöffnet sein, und zum ersten Mal seit sechs Jahren würde die Christmette wieder im Frieden gefeiert werden. „Das durften wir nicht verpassen. Wir mussten hin zur Christmette“, erzählt der Amerikaner weiter.

Der Grafenwöhrer Monsignore Karl Wohlgut weiß, dass „die schönen Glasfenster der Kirche während der Bombardierungen alle kaputt gegangen waren.“ Doch bis Weihnachten schaffen es die Grafenwöhrer, irgendwie an Glas zu kommen und neue Fenster in die Kirche einzusetzen. So kann die Christmette 1945 in der Maria-Himmelfahrts-Kirche gefeiert werden.

Im Militärstützpunkt haben die Soldaten eine kleine Kapelle gebaut, die von katholischen und evangelischen Militärkaplänen, die aus Nürnberg kamen, benutzt wird. Am Nachmittag des Heiligen Abends schmücken die Soldaten die Kapelle weihnachtlich mit Girlanden und einem Tannenbaum. „Aber beim Abendessen in der Kantine stand für uns drei der Entschluss fest: Wir gehen zur Christmette in die Stadt“, heißt es in dem Artikel des amerikanischen Pfarrers weiter.

Aus drei Soldaten werden 20 und sie besteigen in einer kalten Nacht den Lkw in Richtung Grafenwöhr. Leichter Schnee fällt und die Soldaten erreichen gegen 23 Uhr die Kirche. Sie betreten als erste die noch leere Kirche und setzen sich in einige Bänke auf der linken Seite. Murray erzählt später, dass der örtliche Brauch, dass Männer rechts und Frauen links sitzen, den Soldaten nicht bekannt ist. Die Kirche wird voll und als die Soldaten ihren Fehler bemerken, ist kein Platz mehr auf der rechten Seite.

Pünktlich um Mitternacht beginnt die Orgel zu spielen, der Chor singt, die Ministranten und der Pfarrer setzen sich in Bewegung. Die Messe ist noch in Lateinisch, aber die Predigt auf Deutsch. Obwohl die Amerikaner nicht viel Deutsch können, folgen sie doch jedem Wort des Pfarrers und verstehen seine Weihnachtsbotschaft. Der New Yorker Pfarrer berichtet von Freude und Trauer in den Gesichtern der Grafenwöhrer. Pfarrer Schosser predigt schlicht und doch ergreifend. „Grafenwöhr“, sagt er, „ist Bethlehem. Die zwei Orte teilen dieselben Probleme: Armut, Heimatlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Aber in Bethlehem kam mit der Geburt des Christkindes neues Leben und Licht in die Welt des Schattens und des Todes.“

Die Botschaft des Pfarrers an seine Grafenwöhrer Gemeinde fasst der New Yorker Geistliche in seinem Artikel zusammen: „Vergesst die Vergangenheit und begrabt sie! Ihr wurdet errettet, und durch das Christkind heute Nacht habt ihr eine Zukunft. Möge es eine gute Zukunft sein. Mögt ihr Glauben haben und Hoffnung und Liebe.“

Auch das diesjährige Weihnachtsfest ist in vielen Teilen der Welt nicht friedlich und besinnlich. Doch vielleicht ereignet sich wie 1914 in Frankreich oder 1945 in der Grafenwöhrer Maria-Himmelfahrts-Kirche auch 2018 irgendwo ein kleines Weihnachtswunder.

Kultur- und Militärmuseum:

Die Stadt Grafenwöhr ist seit der Gründung des Truppenübungsplatzes vor über hundert Jahren eng verwebt mit dem Geschehen der Weltgeschichte. Viele Ereignisse haben sich direkt auf das Leben in der kleinen Stadt ausgewirkt.

Das Kultur- und Militärmuseum widmet sich deshalb nicht nur der Geschichte der Stadt, des Truppenübungsplatzes sowie dem Zusammenleben mit den amerikanischen Soldatenfamilien, sondern zeigt eindrucksvoll europäische und globale Zeitgeschichte vom Bayerischen Königreich bis heute am Beispiel von Grafenwöhr.

Das Museum ist dienstags bis donnerstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es auf www.museumgrafenwoehr.de.

„Früher gab es die Bäumchen zu Tausenden, heute aber ist es eines von nur noch einer Handvoll existierenden weltweit“, berichtet Willi Buchfelder, Vorsitzender des Heimatvereins Grafenwöhr.
In der Maria-Himmelfahrts-Kirche in Grafenwöhr erlebten US-Soldaten an Weihnachten 1945 eine besonders berührende Christmette. Noch Jahrzehnte später erzählten sie davon.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.