16.08.2018 - 14:39 Uhr

Grenz-Erfahrungen machen

Entspannen, Freude spüren und ins Gespräch kommen: Mit einem deutsch-tschechischen Projekt soll kreativ der ehemalige Todesstreifen mit seiner Natur und Kultur entdeckt werden.

Bei den Kunstsamstagen geht es darum, Landschaft zu malen, mit Pinsel, Bleistift und Fotoapparat. Die Akteure erwartet eine besondere, pure Natur. 	Bild: Rainer Christoph Rainer Christoph
Bei den Kunstsamstagen geht es darum, Landschaft zu malen, mit Pinsel, Bleistift und Fotoapparat. Die Akteure erwartet eine besondere, pure Natur. Bild: Rainer Christoph

(cr) Um gemeinsames Entdecken, gemeinsame Erfahrungen geht es im September im ehemaligen Todesstreifen der deutsch-tschechischen Grenze. Mit den Mitteln des Malens und der Fotografie soll die großartige Natur rund um die Gemeinden Bärnau, Branka, Halže und Obora diesseits und jenseits der Grenze erlebt werden. Bis 1945 stand hier die Streusiedlung Paulusbrunn/Pavluv Studenec, ein verlorener Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben. Beim Bau des Eisernen Vorhangs wurde in den 1950er Jahren der Ort geräumt und abgetragen. Die Kirche blieb als Ruine erhalten. Der Verlauf der Goldenen Straße lässt sich bis heute auf dem ehemaligen Ortsgebiet verfolgen.

Eingeladen zu den zwei bis drei "Kunstsamstagen" sind Maler und Fotografen - geübt oder ungeübt - aus Deutschland und Tschechien. Begegnungsort des grenzübergreifenden Projektes ist der Kulturstadel "Windschnurrn" in Hermannsreuth in der Gemeinde Bärnau. "Grenzüberschreitung ist seit zehn Jahren mein Thema", sagt Magdalena Keilhauer, Leiterin des Andra-Danu-Verlags, der seinen Sitz im Kulturstadel hat, ebenso wie der Verein "Kultur-Grenzenlos". Im "letzten Haus auf deutscher Seite" sollen sich Menschen treffen, austauschen, fachsimpeln. "Ich stelle das Podium zur Verfügung, um einfach mal etwas auszuprobieren." Gemeinsam mit Rainer Christoph, Leiter der Arbeitsgemeinschaft "Böttgerweg" des Vereins "Via Carolina - Goldene Straße", entwickelte Magdalena Keilhauer die Idee zur kreativen Begegnung.

An den Kunstsamstagen, die übrigens nicht angeleitet werden, sollen sich die Teilnehmer entspannen, Freude spüren und ins Gespräch kommen - über das Leben, die Natur, über Techniken in Fotografie und Malerei. Es geht darum, Landschaft zu malen, mit Pinsel, Bleistift und Fotoapparat. Die Akteure erwartet eine besondere, pure Natur, abgeschirmt von Düngung und großen Eingriffen des Menschen. Eine Landschaft, die Weite zeigt, die Weite des tschechischen Grenzraums. Der Lions-Club "Goldene Straße" Weiden übernahm die Schirmherrschaft für die Kunstsamstage.

Das Projekt soll keine Massenveranstaltung sein, die Organisatoren wünschen sich explizit einen kleineren Kreis mit maximal 10 bis 15 Teilnehmern. Sollte das Interesse groß sein, sei eine Wiederholung möglich.

Zwei Maler spielen bei diesem Projekt eine Rolle: Professor Rudolf Böttger und Friedensreich Hundertwasser. Rudolf Böttger ist der Sohn des Tachauer Bezirksobmanns Dr. Josef Böttger, dem eine 2016 restaurierte Säule am ehemaligen Mittelpunkt von Paulusbrunn gewidmet ist. Geboren am 4. Juli 1887 in Tachau (heute Tachov) wurde der junge Böttger durch die von seinen Eltern selbstverständliche Auseinandersetzung mit Literatur und Musik geprägt.

Außerdem war er sehr naturverbunden. So berichtet er von "unzähligen Wagenfahrten, wo er immer am Kutschbock sitzen durfte", von Spaziergängen und Wanderungen. Am Meierhof des Fürsten von Windisch-Graetz beteiligte er sich heimlich an der Arbeit. "Das alles machte mir die Natur vertraut." Damit verbunden war eine bereits früh ausgeprägte künstlerische Ader. In seinen Memoiren berichtet er: "Ohne jede Anleitung zeichnete und aquarellierte ich drauf los vor der Natur im Freien und in Innenräumen, es war einfach meine Freude an der Wiedergabe dessen, was mir schön erschien."

Nach dem beruflichen Umzug seines Vaters nach Wien und München studierte er nach dem Abitur an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1912 war er als freischaffender Künstler in der Steiermark ansässig. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahm er Studienreisen nach Italien und andere Länder. Böttgers Hauptwohnsitz war in Wien, wo er sich als Genre-, Landschafts-, Porträt- und Stillleben-Maler betätigte. Den Sommer verbrachte er meist in seinem Geburtsort Tachau. Dort fühlte er sich besonders im Franziskaner-Kloster (heute Museum Cesky les) wohl. Hier setzte er sich mit der Natur, der Landschaft und den in ihr arbeitenden Menschen künstlerisch auseinander. Der Künstler, der mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Regensburg und wirkte mit seinen Arbeiten bis nach Floß (Landkreis Neustadt/WN).

Der Künstler und Philosoph Friedensreich Hundertwasser gilt auch als Umweltschützer der ersten Stunde, er nahm häufig offensiv Stellung für die Natur. Bereits 1958 forderte er: "Freie Natur muss überall dort wachsen, wo Schnee und Regen hinfallen; wo im Winter alles weiß ist, muss im Sommer alles grün sein." Genau das passierte, auch wenn es makaber klingt, im Todesstreifen.

In seinem sieben Punkte umfassenden Friedensvertrag mit der Natur forderte er unter anderem: "Nur wenn Du den Baum liebst wie Dich selbst, wirst Du überleben." Markante große Bäume stehen noch aus der Zeit der deutschen Bevölkerung in Paulusbrunn. "Alles, was waagrecht unter freiem Himmel ist, gehört der Natur", forderte Hundertwasser, dazu gehöre auch die Toleranz der Spontanvegetation. Beides findet man noch in der ehemaligen Todeszone, hier griff der Mensch auf tschechischer Seite nicht ein. Sollte das Wetter an den Projektsamstagen ohne Sonne sein, trifft des Künstlers Wort zu: "An einem Regentag beginnen die Farben zu leuchten. Deshalb ist ein trüber Tag, ein Regentag, für mich der schönste Tag."

Die Buchung von drei Projektsamstagen kostet 30 Euro, Einzeltermine je 12 Euro. Darin enthalten sind Kaffee und Kuchen im Kulturstadel "Windschnurrn". Geplante Termine sind der 8., 15. und 22. September jeweils von 10.30 bis 16 Uhr. Beim ersten Treffen wird in die Thematik eingeführt. Eine kurzweilige Reflexion über Grenzerfahrungen durch den Tachauer Rudolf Tomsu steht beim zweiten Treffen auf dem Programm.

Eine ausführliche Beschreibung gibt es im Internet auf www.goldene-strasse.de (Rubrik Neuigkeiten) sowie auf www. windschnurrn.de. Weitere Auskünfte und Anmeldungen nimmt Magdalena Keilhauer vom Kulturstadel (In der Windschnurrn, Hermannsreuth 29, 95671 Bärnau) entgegen (Telefon 09635/924689, E-Mail info[at]windschnurrn[dot]de).

Weites Land: Die Natur links und rechts des „Böttgerwegs“ ist weitgehend unberührt von menschlichen Eingriffen. Rainer Christoph
Weites Land: Die Natur links und rechts des „Böttgerwegs“ ist weitgehend unberührt von menschlichen Eingriffen.
 
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