15.11.2019 - 08:40 Uhr
Gressenwöhr bei VilseckOberpfalz

Bei Wind und Wetter: 92-jährige trägt Zeitung aus

Während alle anderen noch schlafen, ist sie schon bei der Arbeit: Anneliese Roppert ist auch mit 92 Jahren jeden Morgen in den Straßen von Gressenwöhr bei Vilseck unterwegs. So sorgt sie für Lesestoff zwischen Kaffee und Croissant.

Anneliese Roppert trägt mit 92 Jahren, seit 20 Jahren die Amberger Zeitung in Gressenwöhr bei Vilseck aus.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Es ist ein Herbsttag im Oktober und das erste Mal seit langem, dass das Thermometer unter die Null fällt. Minus vier Grad um fünf Uhr morgens. Wie es sich für eine klirrend kalte Nacht gehört, ist der Himmel in Gressenwöhr bei Vilseck an diesem Morgen klar. Es sind keine Wolken, aber viele Sterne zu sehen. Unten tauchen die Straßenlaternen die Wege abschnittsweise in bernsteinfarbenes Licht. Dazwischen Dunkelheit und überall Stille. Der Ort und seine Menschen schlafen noch. Mit einer Ausnahme: Anneliese Roppert. Die 92-Jährige ist die Zeitungsausträgerin in Gressenwöhr.

Bei Wind und Wetter unterwegs

"Ich habe gedacht, heute wird es kälter", freut sich die schmale Frau, als sie ihre grauen Stoffhandschuhe wieder von den Fingern streift und sie zurück in ihren beigefarbenen Rollkoffer packt. "Die brauche ich heute nicht", sagt sie. Die Rentnerin ist die Kälte in den frühen Morgenstunden gewohnt. Seit 21 Jahren, an sechs Tagen in der Woche und "egal, ob es stürmt oder schneit", zieht sie ihre Runde. Früher war das Wetter schlimmer, erklärt sie. Unter einem großen Baum am Ortsausgang von Gressenwöhr Richtung Bürgerwald beginnt ihre Tour. Dort lagert in einer Holzkiste jeden Morgen ihr Stapel Zeitungen, den sie zuerst in den Rollkoffer verfrachtet. Als ob ihre Lebenserfahrung schwer auf ihren Schultern wiegt, geht die zarte Frau etwas gebückt. In ihrem Gesicht zeichnen sich Geschichten und Erlebnisse der vergangenen 92 Jahre ab. Sie trägt ihre schwarzen Winterschuhe und hat ein grünes Kopftuch mit weißem Muster übergezogen. Darüber hat sie eine Warnweste mit Leuchtstreifen an. "Im Winter ist es mit den Autos gefährlich. Deshalb brauche ich die. Im Sommer macht es schon mehr Spaß", gesteht sie. Entgegen ihrer schmächtigen Erscheinung marschiert sie schnellen und bestimmten Schrittes los. Weg von der abgelegenen Ablagestelle, Richtung Ortsmitte.

"Ich kenne die Menschen und sie kennen mich"

Die Rollen ihres Koffers rattern auf der Straße durch die Stille des Morgens. An der Kreuzung mit der Kapelle wird zuerst links abgebogen. Ohne Taschenlampe geht bei der Zeitungsausträgerin gar nichts. Das warme Licht der Laternen beleuchtet zwar die Gehwege, aber nicht die Briefkästen an den Häusern. Obwohl sie die wahrscheinlich auch im Dunkeln finden würde. Anneliese Roppert kennt nicht nur ihre Route ganz genau, sondern auch jeden Hausbewohner im Ort. Und natürlich weiß sie, welche Gressenwöhrer zum Frühstück eine Ausgabe der Tageszeitung vorfinden wollen: "Ich kenne sie und sie kennen mich. Manchmal kriege ich etwas zu Weihnachten oder die Leute nehmen mich mit nach Vilseck, weil ich kein Auto habe", sagt sie. Heute haben sich glitzernde Eisblumen an den Postkästen gebildet, Anneliese Roppert schiebt das erste Exemplar in ein Postrohr.

Anneliese Roppert trägt mit 92 Jahren, seit 20 Jahren die Amberger Zeitung in Gressenwöhr bei Vilseck aus.

Rund 1000 Zusteller

Insgesamt sind rund eintausend Zeitungszusteller für Oberpfalz-Medien als Helden der Nacht unterwegs. Auch wegen der Vertretungen wechselt die genaue Zahl fast täglich. An diesem Tag waren insgesamt 937 Zusteller im Einsatz. Das Alter aller Zeitungsausträger im Verlag bewegt sich zwischen 19 und 96 Jahren. Sie verteilen bis sechs Uhr morgens sämtliche Zeitungen. Angeliefert wird meist an den Bushaltestellen, aber auch an anderen strategisch günstigen Punkten in den Orten. Die Amberger und Sulzbach-Rosenberger Zeitungen werden als erstes gedruckt. Ihre Exemplare liegen für die Zusteller oft schon kurz nach Mitternacht zur Abholung bereit. Andere Ausgaben landen erst zwischen drei und fünf Uhr morgens in ihren Orten.

Wie ein Heinzelmännchen

Mittwochs und samstags braucht die Austrägerin in Gressenwöhr länger für ihre Tour - wegen der Reklame. Dann ist sie fast eineinhalb Stunden unterwegs. Sonst schafft sie es in unter einer Stunde. Verschlafen hat sie noch nie - soweit sie sich erinnern kann. Dafür bleibt sie am Sonntag, ihrem freien Tag, lange im Bett liegen. "Da schlafe ich mich mal so richtig aus", sagt sie. Manchmal hat die Austrägerin eine Begleiterin - Klara, ihre rot-getigerte Katze. Zwischen Schatten und Lichtkegeln springt das Tier hin und her. Ganz so, als wolle es heimlich auf ihr Frauchen aufpassen. Wie ein Heinzelmännchen schließt die Zeitungsausträgerin im Vorbeigehen auch mal offen gelassene Gartentore. Zeitung für Zeitung wirft sie in die Postkästen ein. Manchmal muss sich die kleine Frau strecken, um hinzukommen. Trotz ihrer schmächtigen Figur zeigt sich ihr eiserner Wille im flotten Tempo, mit dem sie den Rollkoffer hinter sich herzieht. Mal mit beiden Händen, mal nur mit einer Hand. Am Ortseingang macht sie kehrt, geht den ganzen Weg zurück und nun bergauf, diesmal rechts von der Kapelle. Vereinzelt brennt in den Häusern schon Licht.

Anneliese Roppert trägt mit 92 Jahren, seit 20 Jahren die Amberger Zeitung in Gressenwöhr bei Vilseck aus.

Nie ans Aufhören gedacht

Im Laufe der Jahre sind es weniger Zeitungen geworden, die sie verteilen muss. Damals, vor 21 Jahren, wollte sie sich vor allem ihre kleine Rente aufbessern. Heute ist der Job mehr als nur Arbeit. Wenn sie nichts mehr machen würde, würde sie sich vollkommen wertlos vorkommen, so könne sie wenigstens noch etwas Gutes tun, sagt die 92-Jährige. Eine Aufgabe, die sie gerne mache, habe sie darin gefunden. Mit dem Rollkoffer behält Anneliese Roppert die Zügel ihres Lebens fest in der Hand.

Die letzte Zeitung der Runde bekommt ihr Sohn Erich. Der wohnt, genau wie sie selbst, ganz in der Nähe der Zeitungsstation. Auf dem Rückweg nimmt die Rentnerin eine Abkürzung durch einen schmalen Feldweg. Die Luft wandelt sich von eisig zu feucht und der Himmel färbt sich nach und nach grau-blau. Zurück an der Holzbox packt Anneliese Roppert noch die Plastikfolie, in die die Zeitung gewickelt war, ein. Dann macht sie sich auf den Weg in die warme Stube, um sich die heutige Zeitung anzuschauen. "So schöne Störche", schwärmt die Naturfreundin vom heutigen Titelblatt. Dass noch viele klirrend kalte Morgenstunden kommen werden, da ist sich die 92-Jährige sicher, denn ans Aufhören hat sie noch nie gedacht.

Anneliese Roppert trägt mit 92 Jahren, seit 20 Jahren die Amberger Zeitung in Gressenwöhr bei Vilseck aus.

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