06.09.2021 - 10:50 Uhr
Haselbrunn bei SpeinshartOberpfalz

Das Ende einer Biosaft-Tankstelle: Mosterei in Haselbrunn schließt

Familie Ott gibt ihre Mosterei in Haselbrunn bei Speinshart auf. Ein Schock für viele Hobbygärtner und Obstbauern, die ihre Naturschätze zur Herbstzeit stets in flüssige Vitaminbomben verwandeln lassen wollen.

Bei Maria Ott kommt beim Anblick ihrer modernen Mosterei-Anlage Wehmut auf. Familiäre Hintergründe zwingen zur Aufgabe der Kelterei.
von Robert DotzauerProfil

„Du musst mit den Bäumen reden, sonst tragen die keine Frucht“, philosophiert Maria Ott. Die langjährige Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Speinshart und Chefin der überregional geschätzten „Saftfabrik“ aus Haselbrunn schwärmt von ihren Schätzen, obgleich das aktuelle Erntejahr sehr durchwachsen ausfällt. Doch für die Gesamtheit der Hobbygärtner kommt es noch viel schlimmer. Maria Ott hat nun auch noch das Ende des Mostereibetriebes in Haselbrunn bekanntgegeben.

Mit dem 62-jährigen Führungs- und Organisationstalent hört auch der engste Familienkreis auf, der Jahr für Jahr im beginnenden Herbst das Bioobst in Saft verwandelte. Es sind familiäre Gründe, die die Obstfrau zu diesem Schritt veranlassten. Die Söhne mit ihren starken beruflichen Verpflichtungen stehen in der Hauptsaison nicht mehr zur Verfügung. Eine Entwicklung, die Maria und Ehemann Hermann Ott akzeptieren müssen. Da auch weitere Hilfskräfte ausfallen steht die moderne Obstpresse nun für immer still. „Statt 100 Prozent Apfelsaft wird es in vielen Familien mehr Apfelkuchen geben“, prophezeit sie scherzhaft.

Viele treue Kunden aus der Region von der A 9 bis zur A 93 leiden mit. „Die Ott'sche Mosterei erfüllte höchste Ansprüche“, heißt es landauf, landab. Dieses Lob gibt Maria Ott an die über 500 langjährigen treuen Kunden zurück. „Nur die Anlieferung von frisch gepflückten, sauberen und reifen Früchten war Voraussetzung für garantiert beste Qualität." Entstanden ist die Obstpresse vor mehr als 30 Jahren unter der Regie des Obst- und Gartenbauvereins (OGV) Speinshart in den Räumlichkeiten der Familie Ott in Haselbrunn.

Saft vom eigenen Obst

Schon damals war Maria Ott als OGV-Vorsitzende Triebfeder guter Einfälle. Das Besondere: Das mitgebrachte Obst der Kunden wurde an Ort und Stelle gewaschen und verarbeitet. Garantiert stammte der gepresste Saft aus der eigenen Anlieferung. Ein wichtiges Credo der Kelterei. Für diesen Service erhielt die Haselbrunner Mosterei schon vor 20 Jahren Bestnoten. Viele Jahre gehörte die Anlage bayernweit zu den Betrieben, die nach den sogenannten HAPPC-Richtlinien größten Wert auf die Einhaltung der Lebensmittelsicherheit legten.

„Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Mit einer weiteren Weisheit erinnerte Ott an ihre Begeisterung für die Gartenarbeit. Schritt für Schritt sei sie in das Leben mit der Natur hineingewachsen. „Mein Vater war Bauer. Der Schwiegervater hat mir das Veredeln von Obst beigebracht und lehrte mich, die Vor- und Nachteile von Apfelsorten zu erkennen.“ Das Wissen der Alten an die Jungen weiterzugeben, ist ihr deshalb noch heute ein besonderes Anliegen. „Das bringt dir kein Internet bei.“

Info-Quelle für die Kinder

Deshalb fällt mit der Schließung der Mosterei auch eine Informationsquelle für die Kinder weg. Schon viele Kita-Gruppen und Grundschulklassen waren in der Kelterei zu Gast, um sich ein Bild vom Werdegang des Obstes von der Blüte bis zum Obstsaft zu machen. Das anschließende Probieren der fruchtigen und naturtrüben Vitaminbomben waren die besten Beweise für die Praxis einer natürlichen Lebensmittelherstellung.

Mit Blick auf die eigenen Apfelbäume und die jährlichen Verjüngungsschnitte verriet Maria Ott eine weitere Erfahrung. „Durch den geschnittenen Obstbaum musst du einen Hut fliegen lassen können.“ Eine Weisheit, die Früchte trägt. Deshalb bedeutet der Rückzug aus der Mosterei für die 62-jährige Haselbrunnerin nicht das Ende ihres Engagements für Körper und Seele. „Mit der Arbeit im eigenen Garten erzeugt man nicht nur biologische Produkte, sondern tut auch etwas für das körperliche und geistige Wohlbefinden.“ Ein weiteres Steckenpferd beflügelt Maria Ott. Als begeisterte Imkerin leidet sie mit, wenn es um die Sorgen der Bienenzüchter geht. „Wenn es keine Bienen mehr gibt, wer bestäubt dann unser Obst?“

Die vielen guten Eigenschaften des Apfels beispielsweise fasst Maria Ott in einem „Loblied auf den Apfel“ zusammen „Eines sollst Du Dir gut merken: Wenn du schwach bist, Äpfel stärken! Äpfel sind die beste Speise, für zu Hause, für die Reise, für die Alten, für die Kinder, für den Sommer, für den Winter. Für den Morgen, für den Abend, Apfel essen ist stets labend. Äpfel glätten deine Stirn, bringen Phosphor ins Gehirn. Äpfel geben Kraft und Mut und erneuern dir dein Blut. Darum Freund, lass dir doch raten, esse frisch, gekocht, gebraten, täglich ihrer fünf bis zehn, wirst nicht dick, doch jung und schön, und kriegst Nerven wie ein Strick: Mensch, im Apfel liegt Dein Glück.“

Apfelernte 2021 im Landkreis Neustadt/WN schwächelt

Leuchtenberg
Den Wegweiser zur Obstmosterei in Haselbrunn wird es bald nicht mehr geben.
Der erste Eindruck täuscht: Die mäßige Apfelernte grämt auch Hobbygärtnerin Maria Ott.

„Statt 100 Prozent Apfelsaft wird es in vielen Familien mehr Apfelkuchen geben."

Maria Ott über das Ende ihrer Mosterei

 

 

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