09.05.2019 - 11:15 Uhr
Oberpfalz

Ein Heiliger baut Brücken

Johannes von Nepomuk ist der Schutzpatron von Böhmen und Bayern. Zu finden ist er oft an Brücken. Am 16. Mai ist der Gedenktag des Heiligen.

Die Nepomuk-Statue am Tirschenreuther Marktplatz trägt sogar acht Sterne.
von Rainer ChristophProfil

Er ist der Patron der Prager Musikanten und Studenten ("Unser Schutzpatron im Himmel ist der Heilige Nepomuk, steht mit seinem Sternenkränzel mitten auf der Prager Bruck"). Nicht nur ein Böhmen steht er auf den Brücken, an Wegen, vor Kapellen, Kirchen oder an Hochaltaren. Neben der Muttergottes ist er der Heilige, dem man am häufigsten begegnet. Doch keine Figur gleicht der anderen. Er steht einfach da, schweigt, hält das Kreuz im Arm, oft mit einer Palme, die an sein Martyrium erinnert. Er ist der einzige Heilige, der außer der Madonna, einen Sternenkranz trägt - er fünf, die Gottesmutter zwölf. Außer am Tirschenreuther Marktplatz: Dort ist der Nepomuk merkwürdigerweise mit acht Sternen bekränzt.

Den Kommunisten war der Heilige ein Dorn im Auge. Sie erklärten ihn als "anti-tschechisch", ließen seine Denkmäler stürzen und hofierten den revolutionären Jan Hus. Doch Nepomuk ließ sich nicht aus den Herzen der Tschechen vertreiben. "Beide Johanns - Hus und Nepomuk - bedeuten einen spezifischen Beitrag meines Landes zu Europa", sagt der frühere Botschafter Tschechiens in Deutschland, Jiri Grusa.

Geboren bei Pilsen

Jugend und Anfänge der Ausbildung des Nepomuk liegen im Dunkeln. Am Rande von Südböhmen, im rund 35 Kilometer südöstlich von Pilsen gelegenen Ort Pomuk (heute Nepomuk), wird er vermutlich als Sohn eines Welflin oder Wölflin um 1350 geboren. Der Vater, Advokat bei den Zisterziensern im Kloster Ebrach, zieht mit den Gründungsmönchen nach Böhmen. Johann studiert an der Karlsuniversität in Prag und wird 1370 als  öffentlicher Notar genannt. Gleichzeitig steht er in Diensten des damaligen Erzbischofs Johann Ocko von Vlasím. 1380 wird er Sekretär des Erzbischofs Johann von Jenstein. Im gleichen Jahr empfängt er die Priesterweihe. Übertragen wird ihm die Prager Altstadtpfarrei St. Gallus, die mit der Seelsorge für die dort ansässigen deutschen Kaufleute verbunden ist.

In den folgenden Jahren verschreibt er sich dem Rechtsstudium. Anfangs an der Prager Juristenfakultät, dann zieht es ihn 1383 nach Padua in Norditalien. Kein Wunder, denn der böhmische König und Kaiser Karl IV. ist gleichzeitig König der Lombardei. Es gibt Quellen, die Johannes 1386 in Padua als Rektor der ausländischen Studenten nennen. Gesichert ist, dass am 19. August 1387 seine Promotion zum Doktor der Rechte erfolgt. Rund zwei Jahre später kommt er zurück nach Prag. Das Erzbistum überträgt ihm wichtige kirchliche Aufgaben und Ämter. 1390 beruft ihn Johann von Jenstein zu seinem Generalvikar, überträgt ihm damit eine leitende Funktion in der Erzdiözese Prag. Es ist keine einfache Zeit. Karl IV. lebt nicht mehr, sein Sohn Wenzel IV. versucht mit allen Mitteln, die Macht des Erzbischofs zu schwächen.

Johannes verteidigt die kirchlichen Rechte, was ihm den Hass von König Wenzel einbringt. Den Gipfel erreicht die Auseinandersetzung, als der Generalvikar die Exkommunikation (Kirchenausschluss) eines königlichen Günstlings vornimmt. Hinzu kommt die heimliche Anordnung des Erzbischofs, beim zu erwartenden Ableben des Abtes Jan Racek von Prostibor im Kloster Kladrau, die Neuwahl und Ernennung eines neuen Abtes vorzunehmen. Nach dem Tode Raceks kommt er zusammen mit dem Generalvikar Nikolaus Puchník von Ĉernice der Anordnung nach.

Schwere Folter

Ansonsten wäre das Vermögen des Klosters formell an die Krone zurückgefallen. König Wenzels Pläne, seinen Kandidaten Wenzel Gerard von Burenitz zum Abt und gleichzeitig zum ersten Bischof des neuen Bistums Kladrau-Pilsen zu ernennen, sind damit durchkreuzt. Zurück in Prag werden beide Vikare verhaftet. Johannes von Pomuk wird am Abend des 20. März 1393 nach schwerer Folter von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt. Der jähzornige König soll bei allem dabei gewesen sein. Erzbischof Jenstein flieht danach eiligst nach Rom.

Die Nachricht des grausamen Todes verbreitet sich sehr schnell. Über die Hindergründe ordnet der König Stillschweigen an. Die Gerüchteküche brodelt. Johannes' Leiche wird beim Agnes-Kloster ans Ufer der Moldau geschwemmt und geborgen. Drei Jahre später lässt ihn der Nachfolger des Erzbischofs in den Prager Dom überführen. An dem massiven, aus knapp zwei Tonnen Silber gefertigten Sarg des Heiligen Johannes von Nepomuk kommt heute jeder Dom-Besucher vorbei.

Nepomuk-Kult

Ab dem 15. Jahrhundert beginnt die Verehrung. Sie wird vor allem von den Jesuiten gefördert, die ihn als Gegen-Heiligen nach der Reformation aufbauen und dafür sorgen, dass er am 25. Juni 1721 von Papst Innozenz XIII. selig gesprochen und bereits am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. als erster Märtyrer des Bußsakraments kanonisiert wird. Bereits 1693 wird die Nepomuk-Statue auf der Karlsbrücke in Prag aufgestellt. Gefertigt wird sie von dem berühmten Künstler Johann Brokoff und ist Vorbild aller Standbilder in Europa. In den Ländern der Habsburger Monarchie entsteht ein regelrechter Nepomuk-Kult. Nach der Patrona Bavariae wird Johannes von Nepomuk seit dem 18. Jahrhundert auch in Bayern als zweiter Landespatron verehrt.

Bärnau, die erste deutsche Stadt im Verlauf der "Goldenen Straße" von Prag nach Nürnberg kann gleich vier Statuen des böhmischen Heiligen aufweisen. Die größte Figur aus Sandstein steht auf einem hohen Granitpostament und verweist auf das Jahr 1722. Das heißt, sie wurde ein Jahr nach seiner Seligsprechung aufgestellt. Die zweite befindet sich in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus. Die dritte Figur im Sitzungssaal des Rathauses überwacht seit Jahrzehnten die Stadtratssitzungen. Die vierte Figur stand einst am Hammerdamm am Wegrand der Goldenen Straße, jetzt bekommt sie einen neuen Platz. Die Stadt hat eine kleine Anlage errichtet. Die Figur wird durch einen verglasten Holzkasten geschützt. Eine Infotafel, gestiftet durch den Verein "Goldene Straße" erklärt das Leben des Heiligen. Am 17. Mai wird die Anlage offiziell mit Weihe und einer kleinen Feier ihrer Bestimmung übergeben.

Schweigsam

Noch heute gibt es die Legende vom schweigsamen Beichtvater Johannes von Nepomuk. Es wird vermutet, dass sie im 15. Jahrhundert in Bayern entstand. Eine Darstellung im Prager Veitsdom zeigt Johannes als Beichtvater der Königin. Der bösartige Wenzel habe ihn gefoltert und in die Moldau werfen lassen, weil der Generalvikar nicht verraten wollte, was die Königin gebeichtet habe. Allerdings stellt sich später eindeutig heraus, dass Johannes nie Beichtvater der Königin Sophie war.

Die historischen Tatsachen belegt ein Brief des Erzbischofs Johannes von Jenstein an Papst Urban VI., in dem er sich über das Verhalten König Wenzels auf das Heftigste beschwert und die Ereignisse jener Nacht genau schildert. Erzählt wird auch von der Erscheinung von fünf Sternen nach dem Sturz des Leichnams in die Moldau. Jeder Stern steht für einen Buchstaben des lateinischen Wortes "TACUI" ("Ich habe geschwiegen").

Im 16. Jahrhundert gibt es durch diverse Berichte Irritationen über das Todesdatum. Rom fordert zudem Beweise von Wundertaten. Im Rahmen des Heiligsprechungsprozesses wird 1719 das Grab untersucht. Gefunden wird ein durch äußere Verletzungen gezeichnetes Skelett. Als die Ärzte und kirchlichen Experten die sterblichen Überreste des Märtyrers emporheben, soll aus dem Schädel ein rötliches Gewebe gefallen sein. "Die Zunge des schweigsamen Beichtvaters.". Alle Anwesenden sind sich einig, dass dies nichts anderes als ein Wunder ist, dem Heiligsprechungsprozess steht nichts mehr entgegen.

Falsches Datum

Der für die spätere Heiligsprechung zuständige Kirchenmann führt ein falsches Todesdatum an, nämlich den 16. Mai 1383. Aus diesem Grund ist bis heute der 16. Mai und nicht der 20. März, der wirkliche Todestag, der Namenstag des Johannes von Nepomuk.

1972 will die kommunistische Regierung wissen, wie es um die Legende bestellt sei. Der populäre Brückenheilige lässt ihnen scheinbar keine Ruhe. Nun soll im Gegensatz zum 18. Jahrhundert der Sachlage wissenschaftlich auf den Grund gegangen werden. Nochmals wird das Grab geöffnet und es zeigt sich, dass die angebliche Zunge Teilen der Großhirnrinde zugeordnet werden muss. Die Prager jedoch sehen darin ein "weiteres Wunder" und interpretieren die Erkenntnis mit Schwejkschen Humor: Die Reliquie weise stets darauf hin, was sich gerade in höchster Gefahr befinde. Während im 18. Jahrhundert die böhmische Zunge, sprich: Sprache, bedroht gewesen sei, gehe es unter den Kommunisten darum, nicht den Verstand zu verlieren. (cr)

Hintergrund:

Darstellungen des Hl. Nepomuk

Bild im Museum von Schwandorf: Als Angehöriger des Domkapitels trägt der Heilige Talar, Rochett (ein bis zu den Knien reichendes, mit Spitzen besetztes, weißes Leinenhemd) und ein Birett (auch Barett). Er hält ein Kruzifix. Meistens blickt er auf das Kruzifix. Als Zeichen für sein erlittenes Martyrium hält er zusätzlich einen Palmzweig. Über dem Kopf hat er einen Sternenkranz. Die Sterne entsprechen den fünf Buchstaben des Wortes TACUI („Ich habe geschwiegen“). Manchmal hält er den Finger auf den Mund, um auf sein Schweigen (Beichtgeheimnis) hinzuweisen.

Statue auf der Karlsbrücke in Prag: Noch heute ist die Figur des Brückenheiligen die wohl populärste unter den Statuen auf der Karlsbrücke. Denn das Berühren der Darstellung des unglücklichen Märtyrers auf einem unter der Statue befindlichen Relief soll Glück bringen.

Silbersarg für den Brückenheiligen im Prager Dom: 1733 verfügte Kaiser Karl VI. die Aufstellung eines Reliquienaltars im Veitsdom für Johannes Nepomuk. Hof-architekt Joseph Emanuel Fischer von Erlach zeichnete einen Entwurf, der Wiener Bildhauer Antonio Corradini fertigte das Holzmodell an. Das Silbergrabmal schuf zwischen 1733 und 1736 der Wiener Goldschmied Johann Joseph Würth.

Doppelter Nepomuk in Schönsee: An der Straße von Schönsee nach Gaisthal steht der „Doppelte Nepomuk“. Von den beiden gleichen Figuren wendet eine ihr Gesicht ostwärts nach Böhmen, die andere sieht westwärts nach Bayern. Ein europäisches Unikat ist diese Darstellung des Hl. Johannes Nepomuk. Die Doppelgestalt des Heiligen steht symbolisch für das einst doppelte Gesicht der Schönseer Geschichte, sie wurde geprägt von Böhmen und von Bayern.

Der Sturz von der Brücke ist am Sockel vieler Statuen zu finden. (cr)

Hintergrund:

Namenstag am 16. Mai

Johannes gilt als Patron der Beichtväter, Priester, Müller, Schiffer, gegen Wassergefahr und Bruch der Brücken, als Helfer in Wassernot, bei der Wiederherstellung des guten Rufs schuldlos Verdächtigter, als Schutzpatron der Stammler und Stotterer.

Eine Bauernregel zum Nepomuk-Tag besagt: „Der Nepomuk uns das Wasser macht, dass uns ein gutes Frühjahr lacht.“ Je nach Situation heißt es auch: „Heiliger Sankt Nepomuk treib uns die Wassergüsse z’ruck.“ Oder: „Heiliger Nepomuk bring‘ uns die Wassergüss‘ zurück.“ In den Weinbaugegenden sagen die Winzer: „Lacht zu Nepomuk die Sonne, dann gerät der Wein zur Wonne“. (cr)

Im Sitzungssaal des Rathauses von Bärnau wacht dieser Nepomuk.
An der Straße von Schönsee nach Gaisthal steht der „Doppelte Nepomuk“.
1733 verfügte Kaiser Karl VI. die Aufstellung eines Reliquienaltars im Prager Veitsdom für Johannes Nepomuk. Das Silbergrabmal schuf der Wiener Goldschmied Johann Joseph Würth.
Im Dom St. Veit in Prag ist diese Darstellung des Heiligen zu sehen, wie er der Königin die Beichte abnimmt.
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