12.06.2020 - 10:53 Uhr
HirschauOberpfalz

110 Jahre alte Mariensäule ursprünglich dekoratives Brunnenbeiwerk

Das ganze Jahr hindurch fällt sie nur den Wenigsten auf. Nur einmal im Jahr, am 31. Mai, steht sie im Mittelpunkt: Die Mariensäule auf dem Bischof-Bösl-Platz nördlich der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Die ursprüngliche Mariensäule. 1982 warf sie ein Sturm um. Dabei wurde die aus Keramik gefertigte Marienfigur komplett zertrümmert. Ein Wiederherstellen war unmöglich
von Werner SchulzProfil
Maria ist die Schutzpatronin der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Nördlich der Kirche steht auf dem Bischof-Bösl-Platz eine Mariensäule. Sie feiert dieses Jahr ihren 110. Geburtstag, wie ein ovales Kupferschild mit der Aufschrift „ANNO DOMINI 1910“ belegt
Ein Foto aus den 1920-er Jahren: Die Familie Schertl posiert neben der Mariensäule und dem davor befindlichen Brunnen. Links zu sehen das einstige Knabenschulhaus, rechts die damalige Sakristei der Pfarrkirche

Dort endet an diesem Abend normalerweise die Lichterprozession, mit der die Gemeindemitglieder nach der letzten Maiandacht den Marienmonat Mai beschließen. Zum Bedauern von Pfarrer Johann Hofmann kann diese Tradition wegen der Corona-Pandemie heuer nicht fortgesetzt werden. Dabei hätte die Mariensäule dieses Jahr aus zwei Gründen besonderes Augenmerk verdient: Erstens feiert sie ihren 110. Geburtstag. Zweitens kann dank der Recherchen von Stadtheimatpfleger Sepp Strobl die Entstehungsgeschichte des Denkmals nachvollzogen werden. Beim 100-Jährigen sah sich Ex-Stadtpfarrer Bergmann außer Stande, Informationen darüber zur Verfügung zu stellen. Es fänden sich keine historischen Quellen.

Sepp Strobl wurde fündig. Nun steht fest: Die Marienstatue ist ursprünglich ein dekoratives Beiwerk zu einem der zehn Brunnen, die es bis 1952 in der Hirschauer Innenstadt gab. Ihre Existenz verdankt sie Stadtpfarrer Johann von Gott Hiederer, der von 1907 bis 1933 in der Pfarrei wirkte. Namens der Kirchenverwaltung stellte er am 27. Oktober 1909 an den Magistrat der Stadt den Antrag, „auf dem freien Platz zwischen Schulhaus & Kirche einen Brunnen herzustellen“. Tags zuvor hatte die Kirchenverwaltung getagt. Pfarrer Hiederer, so das Protokoll, erklärte dabei, dass es schon längst ein Bedürfnis gewesen sei, in unmittelbarer Nähe der Kirche einen Brunnen zu besitzen. Zur Kirchenreinigung werde allwöchentlich viel Wasser gebraucht, das man ziemlich weit herholen müsse, entweder vom sog. Katzen- oder vom Rathausbrunnen. Ein besonders großes Quantum werde zu den Wasserweihen an den Samstagen, an Dreikönig sowie an den Kar- und Pfingstsamstagen benötigt. Auch für eine Brandgefahr sei ein Brunnen in unmittelbarer Nähe der Kirche nötig. Es sei ein günstiger Augenblick für die Brunnenherstellung gekommen, da für das Knabenschulhaus der Bau einer Waschküche geplant sei. Daher sollte der Brunnen zwischen Kirche und Schulhaus errichtet werden.

Öden Platz beleben

Die Kosten sollten zur Hälfte die Kirchenverwaltung und die Schulstiftung resp. der Stadtmagistrat tragen. Außerdem möge der Magistrat auf seine Kosten den Abwasserkanal an den städtischen Kanal im Westen der Kirche anschließen. Hiederer verwies darauf, dass der gegenwärtige Schulhauskanal seit über einem Jahr verlegt und schadhaft sei, daher ohnehin einer gründlichen Reparatur bedürfe. Die Stadt möge auch den Unterhalt des Brunnens übernehmen, da dieser sicherlich den Charakter eines öffentlichen Stadtbrunnens erhalten werde. Pfarrer Hiederer erklärte sich bereit, die Kosten vorzustrecken, welche die Kirchenstiftung treffen. Nach und nach sollten sie durch Spenden gedeckt werden, so dass die Kirchenstiftung keine Auslagen habe. Abschließend erklärt Pfarrer Hiederer, dass er gerne die Herstellungsarbeit leiten werde. Er gedenke, „später dem Brunnen einen dekorativen Charakter dadurch zu verleihen, dass er hinter demselben eine Marienstatue anbringen wird & so der öde Kirchenplatz durch diesen zu schaffenden „Marienbrunnen“ etwas belebt wird.“

Bei Sturm zerstört

1910 wurden die Projekte in die Tat umgesetzt. Jedenfalls ist auf dem 2,80 Meter hohen Betonsockel, auf dem die eineinhalb Meter hohe Statue steht, ein ovales Schild aus Kupfer angebracht mit der Aufschrift „ANNO DOMINI 1910“. Am Betonsockel finden sich die Jahreszahlen 1982 und 2000. Im Oktober 1982 warf ein Sturm die Mariensäule um. Dabei wurde die aus Keramik gefertigte Marienfigur komplett zertrümmert. Ein Wiederherstellen war unmöglich. Deshalb beauftragte 1982 der Stadtpfarrer Edwin Völkl den Weidener Bildhauer Günter Mauermann mit der Anfertigung einer neuen Statue. Sie wurde am 31. Mai 1983 zum Abschluss der Lichterprozession eingeweiht. Im Laufe der Jahre verblasste die Marienfigur immer mehr. Stadtpfarrer Norbert Demleitner veranlasste im Jahr 2000 eine Restaurierung der Statue. Malermeister Josef Grünwald löste diese Aufgabe bravourös. Er verpasste der Patronin der Stadtpfarrkirche einen neuen, bis heute gut erhaltenen Farbanstrich.

Paul Freimuth, in den 1960-er Jahren 2. Bürgermeister der Stadt, posiert als Jugendlicher neben dem Marienbrunnen.

Der „Marienbrunnen“ war bis zum Jahr 1952 wie neun weitere in der Innenstadt in Betrieb. Hirschau erhielt erst in diesem Jahr die Wasserleitung. Um Geld zu sparen, holten viele ihr Wasser statt aus der Leitung weiter aus den Brunnen – Grund genug für den Stadtrat, alle Brunnen still zu legen.

Angebot von Pfarrer Hiederer, hinter dem Marienbrunnen die Mariensäule zu errichten, um den „öden Kirchplatz“ etwas zu beleben.
Schreiben der Kirchenverwaltung vom 27. Oktober 1909 an den Magistrat der Stadt wegen Errichtung eines Brunnens zwischen Pfarrkirche und Knabenschulhaus.
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