02.01.2020 - 16:39 Uhr
HirschauOberpfalz

Hirschau trauert um Betty Bösl

Die Stadt Hirschau ist um eine hoch verdiente, weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte und beliebte Persönlichkeit ärmer. Am Montag verstarb Ehrenbürgerin Betty Bösl – die „Mutter und Seele der Caritas-Sozialstation“.

Betty Bösl ist am Montag im Alter von 93 Jahren im BRK-Seniorenwohn- und Pflegeheim St. Barbara in Hirschau verstorben.
von Externer BeitragProfil

Am 27. Februar 1926 als ältestes von drei Kindern der Eheleute Georg und Barbara Reil geboren, besuchte die junge Betty nach ihrem Schulabschluss die kaufmännische Berufsschule, um dann mit ihrem Vater den Holzbaubetrieb Reil zu gründen. Gut 67 Jahre war sie mit ihrem 2014 verstorbenen Ehemann Willi Bösl verheiratet. Ihm war sie während seiner Amtszeit als Bürgermeister (1958 bis 1984) stets ein starker Rückhalt. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, die mit ihren Ehemännern, vier Enkel- und acht Urenkelkindern um die Verstorbene trauern.

Die Sozialstationsära Betty Bösls begann 1977. Nach einem Frauenbund-Altenpflegehilfekurs bat Stadtpfarrer Völkl Betty Bösl, die seit 1976 familienpflegerische Einsätze koordinierte, um die Organisationsleitung. Mit ihrem Ja war die „Zentrale für ambulante Pflegedienste“, wie die Sozialstation ursprünglich hieß, geboren. Aus vier Beschäftigten wurden innerhalb von zehn Jahren 30.

Der gesamte Dienstbetrieb wurde bis 1987 im Privathaus Bösl abgewickelt, wo auch alle Materialien lagerten – selbstverständlich alles mietfrei. Bis Anfang der 80er Jahre diente Betty Bösls unentgeltlich zur Verfügung gestellter R 4 als Einsatzauto. Bei ihrem Abschied übergab sie 50 Dienstautos. Das Personal legte damit pro Jahr circa 650.000 Kilometer zurück, um die Patienten zu betreuen bzw. auf dem Sektor Familienhilfe zu helfen. Dafür wurden die Hirschauer „Ersatz-Muttis“ in der gesamten Diözese Regensburg angefordert.

Mit dem ihr eigenen Engagement machte sich Betty Bösl an den Bau eines Stationsgebäudes. Unterstützt von den heimischen Firmen und der „Glücksspirale“ konnte sie 1986/87 und 1992/93 in zwei Bauabschnitten einen Gebäudekomplex mit Verwaltungs-, Schulungs- und Lagerräumen sowie einer Dienstwohnung und 30 Garagen errichten – all dies schuldenfrei.

Pioniergeist bewies sie 1990 mit der Einführung von Lehrgängen zur „Heranbildung von Hilfskräften für die hauswirtschaftliche Versorgung in der Altenbetreuung“. Diese wurden als Modellprojekt für ganz Deutschland anerkannt. Über 500 Frauen nutzten den Abschluss zum Einstieg ins Berufsleben. Wert legte sie darauf, ihre Mitarbeiterinnen ausschließlich in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen zu beschäftigen.

Staatssekretär Rudolf Kraus, bei der Bundesregierung zuständig für die Einführung der Pflegeversicherung, suchte regelmäßig Betty Bösls Rat, der – nach seinen Worten – Eingang in die Gesetzgebung gefunden hat. Mit Weitblick hatte sie Anfang der 80er Jahre die Aktion „Essen auf Rädern“ in den Leistungskatalog der Station aufgenommen und 2005 die Aktion „Lichtstrahl“ zur Betreuung Demenzkranker ins Leben gerufen.

Als sie kurz vor ihrem 80. Geburtstag in den Ruhestand ging, hatte sie über 60.000 Stunden ehrenamtlich zum Wohle der Alten, Kranken und Schwachen geleistet, nicht mitgezählt der Bereitschaftsdienst, den sie all die Jahre rund um die Uhr leistete. Im Dezember 2005 verabschiedete sie sich von 65 Mitarbeitern und hinterließ ein schuldenfreies Gebäude im Wert von mehr als 650.000 Euro sowie eine von ihr angesparte Summe von 1,5 Millionen Euro.

Betty Bösl diente ferner dem Katholischen Frauenbund ab seiner Gründung im Jahr 1963 bis 1986 als zweite bzw. erste Vorsitzende. 1973 gab sie den Anstoß zur Gründung des Ortsverbandes der CSU-Frauen-Union, dessen stellvertretende Vorsitzende sie bis 1982 war.

Für ihr verdienstvolles Wirken auf sozialem Sektor erhielt sie zahlreiche Ehrungen, etwa 1988 das Bundesverdienstkreuz am Bande, später die Bayerische Staatsmedaille für besondere soziale Dienste, die Bezirksmedaille der Oberpfalz und die Caritas-Ehrennadel in Gold. 1993 wurde sie Ehrenbürgerin von Hirschau.

Der Trauergottesdienst für Betty Bösl am Samstag, 4. Januar, beginnt um 10 Uhr in der Stadtpfarrkirche. Am Freitag, 3. Januar, ist um 17.30 Uhr Aussegnung in der Friedhofshalle, anschließend Sterberosenkranz in der Pfarrkirche.

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