12.06.2020 - 09:10 Uhr
HirschauOberpfalz

Hirschauer Stückln und Schildbürgerstreichen auf der Spur

Jeder kennt ihn - den Begriff des Schildbürgerstreiches! In vielen Schulbüchern, besonders in Süddeutschland, werden derartige Streiche nicht den Schildbürgern, sondern den Hirschauern zugeschrieben und als Hirschauer Stückl‘n bezeichnet.

Nachdem er 1996 bei einer Fernsehsendung erfahren hatte, dass die Stadt Schildau die ihren Bürgern nachgesagten Streiche touristisch vermarktet (z.B. durch einen Schildbürgerlehrpfad, Museum, wissenschaftliches Kolloquium), machte sich Werner Schulz (r.) auf nach Schildau, um den Ursprüngen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Schildbürgerstreichen und Hirschauer Stückl‘n auf den Grund zu gehen. Im Geschichtsvereinsvorsitzenden Wigand Cernik (l.) fand er einen kompetenten Ansprechpartner.
von Werner SchulzProfil

„Die Hirschauer waren dumm”, steht zum Beispiel in einem Zweitklasslesebuch, in dem geschildert wird, wie die Hirschauer Salz säen. Sie bauten wie die Schildbürger ein Rathaus ohne Fenster, trugen das Licht in Säcken und Eimern hinein, zogen eine Kuh auf die mit Gras bewachsene Stadtmauer usw. usw..

Das Los, wegen ihrer Narrenstreiche in sog. Stichel-Schwänken gehänselt zu werden, tragen Schildbürger und Hirschauer seit Jahrhunderten. „Schilda: Eyn Stätteleyn, so sich mit Hirschau vexieren (hänseln) lassen muß. Man saget den dortigen Burgern allerley Streich nach, welch Schwänk ein feyn Bücheleyn, genennet das Lalebuch (1597), es beschreybet”. So steht es im 1632 im Itinerarium Germaniae von Martin Zeiller. Dass mit Hirschau die Stadt in der Oberpfalz gemeint war, wird in der 1650 von Martin Zeiller und Mathäus Merian verfassten Topographia Superioris Saxoniae belegt: „Es seyn die von Schilda, wie die von Hirschau in der Obern Pfaltz wegen ihrer einfältigen, lächerlichen Thaten, so man von ihnen begangen erzehlet, vor Jahren berühmt gewesen...”. Im 1744 von Johann Friedrich Gleiditschen verfassten Neuen Europäischen Hirstorischen Reise-Lexicon steht: „Schilda: Dieses Chur-Sächsische, zwischen Torgau und Oschatz, 5 Meilen von Leipzig gelegene und in letzteres Amt gehörende Städtchen – von deren Einwohnern sind viele nebst denen von Hirschau in der Obern-Pfaltz wegen ihrer allzu großen Klugheit berühmt...”.

1597 erschien das Lalebuch ohne Angabe des Verfassers und des Druckortes. Es schildert – scheinbar ernsthaft – die Torenstreiche einer süddeutschen Dorfgemeinde, Schwänke, die durch ihre geschickte Nacherzählung zum literarischen Volksbesitz wurden. Literaturhistoriker glauben den Nachweis führen zu können, dass Hirschau hinreichend verdächtig erscheint, „wesentliche Vorbilder” gestellt zu haben für das Lalebuch, die „Odyssee des deutschen Volkstums”. Im 17. Jahrhundert galt Hirschau, wie zahlreiche Bücher und Presseartikel z.B. in der Franckfurter Relation belegen, als Urheimat des Lale- und Schiltbürgerbuches. Das 1598 erschienene Schiltbürgerbuch ist ein unberechtigter Nachdruck des Lalebuches. Im Text ist lediglich jedes Laleburg durch Schiltburg bzw. Schilde ersetzt und die Vorrede abgeändert.

Beim “Wissenschaftlichen Kolloquium 2005” hatte Werner Schulz (2.v.l.) die Ehre, im Sitzungssaal des Schildauer Rathauses über die „Hirschauer und ihre Stückl‘n” zu sprechen. Außer ihm waren ausschließlich Universitätsprofessoren als Referenten eingeladen. Vor dem Rathaus wurde er von damaligen Bürgermeister Martin Böttger (2.v.r.), Geschichtsvereinsvorsitzendem Wigand Cernik (l.) und Pfarrer Gerhard Schollmeyer (r.) begrüßt.

In Schildau forscht seit Jahren der Geschichtsverein nach den Ursprüngen der Schildbürgergeschichten. Längst ist man sich sicher, dass den Schildbürgern die Torheit nur angedichtet wurde. Wissenschaftler glauben, den Hofrichter zu Wittenberg, Hans Friedrich von Schönberg, als Urheber der üblen Nachreden und Verfasser des Schiltbürgerbuches entlarvt zu haben. Er benutzte das Lächerlichmachen als politische Waffe gegen die widerborstigen Schildauer. Trotz der bescheidenen Größe ihres Ortes waren sie landtagsfähig und begehrten gegen die Privilegien der Aristokratie auf, auf deren Seite Schönberg stand.Wer den Hirschauern ihre Stückl‘n angedichtet haben könnte, ist bis heute unerforscht. Waschechte Hirschauer können nicht glauben, dass ihre Vorfahren derart törichte Menschen waren. Kontakte nach Schildau veranlassen zur Annahme, dass man auch den Hirschauern die Dummheiten nur angedichtet hat. Jedenfalls könnte es im 14./15. Jahrhundert interessierte Kreise gegeben haben, die die Hirschauer um Privilegien beneideten, die ihnen Kaiser Karl IV. zwischen 1353 und 1373 zuerkannte, so zum Beispiel das Einrichten eines Wochenmarktes, die Anordnung, dass die Goldene Straße durch den Ort führte und die Erteilung einer Freiung für Neuzuziehende, die auf zehn Jahre von sämtlichen Steuern und Abgaben befreit blieben.Es ist verständlich, dass Schildauer wie Hirschauer nicht erbaut waren, wenn sie überall als Dummköpfe belächelt zu werden. Um die Ehre der Schildaer zu retten, verfasste Christian Schöttgen 1797 seine Schrift zur „Vertheidigung der Stadt Schilda. Wider die gemeinen doch ungebührlichen Auflagen”. Allein es half nichts!

Den Hirschauern erging es nicht anders: Im 1873 erschienenen Büchlein „Der Wiener Dialikt - Lexikon der Wiener Volkssprache” steht zu lesen: „Hirschauerstückl nennt man eine besonders dumme Handlung, einen dummen Streich.”

Dass sie ein Rathaus ohne Fenster gebaut und dann das Licht mit Säcken und Eimern ins Gebäude tragen wollten, wird sowohl den Hirschauern als auch den Schildauern nachgesagt. Hier eine Szene aus dem Festspielstück des Jahres 2019 "Die Erbschaft".

Dabei wollten die Hirschauer den Begriff Hirschauer Stückl‘n nicht mit törichten Handlungen in Verbindung bringen lassen. Aus ihrer Sicht waren damit die kunstvollen Drechslerarbeiten und gediegenen Schuhwaren gemeint, die in der gewerbereichen Stadt gefertigt wurden und auf allen Jahrmärkten in der Oberpfalz gefragt waren. Die Hirschauer suchten nach geeigneten Mitteln, sich gegen die üblen Nachreden zu wehren. Davon erzählen die sog. „Rache-Stückl‘n”, über die Johann Hübner 1796 schreibt: "Die Einwohner machen manchem, der sie mit den Hirschauer Stückl‘n vexieret (hänselt), eine solche Kurzweil dafür, dass ihm das Lachen insgeheim vergeht". So erging es z. B. dem Rittmeister, der ein Hirschauer Poß erleben wollte und dessen Stiefel der Diener im Gasthof während der Nacht durch Abschneiden der Vorfüße zu Pantoffeln umfunktionierte. Außer den Stichel-Schwänken und Rache-Stückl‘n gibt es eine dritte Kategorie – lustige Begebenheiten, die über die Hirschauer erzählt werden. Eine davon ist die des zahlungsunwilligen Karussellbesitzers, dessen Orgel man im Feuerwehrhaus einsperrte. Als die Feuerwehr bei Dunkelheit nach Gebenbach ausrücken musste, geschah das mit allen dort abgestellten Fahrzeugen. Als das erste Gefährt den Hang der Steinmauer hinunterfuhr, schrie der Kutscher nach der Bremse. Einer der müden Schläfer fand einen Handgriff und drehte drauf los. Da erscholl das lärmende Gestreich des Orchestrions: „Wir gehn nach Lindenau, da ist der Himmel blau”. Die Brandleider waren alles andere als erbaut, als ihnen ein Musikinstrument zu Hilfe kam, aber dafür strengten die Hirschauer alle Kräfte an, das Feuer einzudämmen. Peinlich war die Sache doch und die Schlafhauben, welche den Streich verbrochen, mussten zuhause oft Spott und Schelten hören für ihre Unvorsichtigkeit!”

Abschließend können folgende Erkenntnisse (vorläufig) festgehalten werden:

1. Die historischen Hirschauer Stückl‘n spielen auf jeden Fall lange vor dem Erscheinen des Lale- und Schiltbürgerbuches, also vor 1597.

2. Während das Schildbürgerbuch bei Literaturwissenschaftlern als Roman gilt, gibt es über die Hirschauer Stückl‘n nur Stückl-Sammlungen. Die längste stammt von Rudolf Kubitschek. Sie umfasst 73 Stückl‘n und ist 1943 unter dem Titel „Hirschauerstücklein, Geschichten aus dem Böhmerwald“, erschienen. Kubitscheks Sammlung ist geeignet, Zweifel aufkommen zu lassen, ob die Hirschauer Stückl‘n dem Hirschau in der Obern Pfaltz oder jenem Hirschau in der Nähe des heutigen Domazlice (Taus) zuzuschreiben sind. Die von dort stammende, ehemalige Leiterin der Realschule Auerbach, Schwester Beata Wittmann, bestand jedenfalls 1999 darauf, dass ihr Hirschau die Heimat der Stückl‘n sei. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit und berichtete, dass im (nicht mehr existierenden Rathaus) eine Vielzahl von Fresken zu sehen waren, auf denen Hirschauer Stückl‘n abgebildet waren.

3. Im Schildbürgerbuch wird einleitend erzählt, dass die Schildbürger ihre Torheit selbst gewählt hatten. Bei der losen Sammlung Hirschauer Stückl‘n fehlt eine derartige Erklärung für die Taten.

4. Das Schildbürgerbuch endet damit, dass diese sich über die ganze Erde verstreuten, nachdem sie ihren Ort – wegen der vergeblichen Jagd nach dem Maushund – niedergebrannt hatten. Kubitschek lässt die Hirschauer jämmerlich enden, nämlich nach der Christmette in einem See ertrinken!

5. Schildbürgerstreiche und Hirschauer Stückl‘n sind im Grunde etwas anderes, als nur lustige Ulk- und Narrengeschichten. Sie haben mehr Gehalt, mehr Hintersinn! Dr. Erika Lindig vom Institut für Volkskunde an der Uni Regensburg fordert daher: „Selbstverständlich muss werden, den Schildbürgerstoff, damit auch die Hirschauer Stückl’n, aus dem Dunstkreis der sog. Dummenschwänke zu lösen und als eigenständige Dichtung zu behandeln.”

Den Schildauern, die ein Schildbügermuseum und einen Schildbürgerlehrpfad eingerichtet haben und alljährlich zu wissenschaftlichen Kolloquien mit Rahmenprogramm einladen, scheint dies gelungen. Darum macht Dr. Erika Lindig ihnen das Kompliment: “Auf jeden Fall ist durch die bewusste Traditionsbeziehung zum Schiltbürgerbuch von 1598 in Schildau verwirklicht, wovon andere „Schildbürgerorte nur träumen.”

In Hirschau hat sich 2004 unter dem Vorsitz von Altbürgermeister Hans Drexler ein Festspielverein gegründet. Dieser hat es möglich gemacht, dass es seit 2005 auf der Freilichtbühne im Innenhof des alten Pflegschlosses im Zwei-Jahres-Turnus Hirschauer Stückl-Festspiele gibt, zuletzt 2019. Schon jetzt steht fest, dass dieses Mal aus dem Zwei- ein Drei-Jahresturnus wird. Die nächsten Stückl-Festspiele mit der Komödie „Die Pfingstorgel“ finden erst im Sommer 2022 statt. Wegen der Corona-Pandemie muss das für heuer geplante Abenteuerstück „In 80 Tagen um die Welt“ um ein Jahr auf 2021 verschoben werden.

Die Kontakte von Werner Schulz (6.v.r. auf Bühne) nach Schildau führten dazu, dass er 1998 gemeinsam mit den damaligen stellv. Bürgermeistern Mathilde Lang (3.v.r.) und Karlheinz Schwandner (4.v.r.) und dem Musikzug zu den imposanten Jubiläumsveranstaltungen anlässlich der Feiern „400 Jahre Schildbürgerbuch” in das sächsische Städtchen eingeladen wurde.
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