Hohenburg
16.11.2018 - 13:23 Uhr

Arme Seelen, reicher Dialekt

"Schön" sterben zu können, das war früher wichtig. Was das bedeutet, erklärt Heimatpfleger Josef Schmaußer in Hohenburg. Und auch, warum es die Allerheiligen-Spitzel gibt.

Ein Allerheiligen-Spitzel bekamen früher am Allerseelentag Arme und Kinder geschenkt. Bild: exb
Ein Allerheiligen-Spitzel bekamen früher am Allerseelentag Arme und Kinder geschenkt.

Seniorenbeauftragte Stilla Gradl und ihr Team hatten den Vortrag für die Senioren der Marktgemeinde im Sportheim organisiert. Heimatpfleger Josef Schmaußer (Hohenkemnath) plauderte über das Brauchtum zwischen Allerheiligen und dem Beginn des Advents.

"Wenn im Herbst scheinbar die Natur abstirbt und eine ruhigere Zeit anbricht, dann gedenken auch wir Christen unserer lieben Verstorbenen", so eröffnete Josef Schmaußer den Abend. Am Allerseelentag beschenkte man früher Arme und Kinder mit einem Allerheiligen-Spitzel. Die Empfänger dankten mit "Vergelt's Gott!" und dem Zusatz "für die Armen Seelen". Allein auf diesen Satz kam es an - in einer Zeit, als Religion noch fest in den Alltag verwoben.

"Schön gestorben"

",Schön gestorben' hieß früher, dass man wohlvorbereitet mit dem Empfang der Sterbesakramente vor seinen Schöpfer trat", erklärte Schmaußer. Nichts fürchteten die Menschen mehr, als den plötzlichen, überraschenden Tod, der keine Zeit zur Vorbereitung und zur Einstimmung auf das Sterben ließ. Schmaußer zeigte Beispiele für Arme-Seelen-Marterln: Viele davon forderten früher Vorbeigehende auf, für die "Arme Seele im Fegefeuer" ein Gebet zu sprechen - manche tun das bis heute. Der Heimatkundler erinnerte an viele weitere Rituale, Bräuche und Sprüche rund um den Tod. War zum Beispiel ein Bauer gestorben, wurde, bevor der Sarg aus dem Haus getragen wurde, das Vieh im Stall aufgetrieben.

Mit dem Spruch "Über das Sterben reden ist noch lange nicht gestorben", führte der Referent in das zweite Thema des Abends ein: die Namenstage im November. "St. Martin setzt sich schon mit Dank zum warmen Ofen auf die Bank", oder "St. Martin ist ein harter Mann, für den, der nicht bezahlen kann", hieß es früher am 11. November. In der heutigen Zeit kann der zweite Spruch von vielen jüngeren Menschen kaum mehr gedeutet werden. Der Martinstag war einst ein wichtiger Zins- und Abgabetag. Bezahlt wurde meist in Naturalien für den Lehensherrn, auch mit lebendigen Gänsen. Wahrscheinlich kommt daher die Martinsgans, vermutete Schmaußer - zusammen mit der Legende des Heiligen Martin, der sich einst in einem Gänsestall versteckt haben soll, weil er sich der Aufgabe eines Bischofs nicht gewachsen fühlte.

Das Drangeld an St. Martin

An St. Martin gab es für die Dienstboten auch das "Ding- oder Drangeld". Nahmen die Knechte und Mägde das Drangeld, meist 20 Mark, an, dann war das ein Versprechen, auch über Lichtmess (2. Februar) hinaus auf dem Hof zu bleiben. Dies gab Dienstherrn und Knechten eine gewisse Sicherheit. Diesen Vorgang nannte man früher auch Leihkauf. Über den Heiligen Hubertus, den Leonhard, die Elisabeth und über das "heilige Madl Katharina" bis zum Apostel Andreas sind laut Schmaußerim November viele Namenstage lebendig geblieben.

Ohne das Erinnern an alte Dialektwörter, besonders die aus der Landwirtschaft sind vom Vergessen bedroht, verläuft keine Veranstaltung von Josef Schmaußer. Ein Hohenburger wusste ein bisher unbekanntes Wort: "Gölln" für Hals und Kopf. "Iatz host vor lauter Neugier schou wieder dein Gölln as'm Fensta gsteckt", sagte man früher.

Zum Schluss ging der Heimatpfleger zum Thema Advent über. Für Schmaußer ist das Nichts-Erwarten-Können ein Grundübel unserer Zeit. Sein Appell: "Mit den Bräuchen bringen wir unseren Kindern die Geheimnisse der doch noch ruhigen Zeit im November und dann im Dezember und auch die Geheimnisse der Weihnachtsbotschaft näher. Versuchen wir, dass wir uns wieder mehr auf das Wesentliche dieser so geheimnisvollen Zeit besinnen."

Heimatpfleger Josef Schmaußer aus Hohenkemnath gab bei den Senioren in Hohenburg Einblick ins Brauchtum rund um Allerheiligen. Bild: schß
Heimatpfleger Josef Schmaußer aus Hohenkemnath gab bei den Senioren in Hohenburg Einblick ins Brauchtum rund um Allerheiligen.
 
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