21.04.2020 - 10:06 Uhr
HohenburgOberpfalz

Fledermäuse als Virenschleudern? "Totaler Humbug"

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Die Fledermäuse seien Schuld. Sie hätten das Coronavirus überhaupt erst auf den Menschen übertragen – eine reichlich fadenscheinige Ereigniskette. Hohenburgs Fledermaus-Betreuer Rudi Leitl widerspricht vehement. Er ist damit nicht allein.

In Hohenburg lebt die einzige reproduzierende Kolonie von Hufeisennasen-Fledermäusen in Deutschland.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Nein, eine Fledermaus möchte man derzeit wirklich nicht sein. Der Ruf der Tiere ist in diesen Wochen am Boden. Auf ledrigen Schwingen hat sich das Gerücht festgebissen, die Fledermäuse seien der Ursprung der Corona-Pandemie. Auslöser, Brutstätte und Überträger in einem. Für Rudi Leitl, den Betreuer des Fledermaushauses in Hohenburg, ist das "totaler Humbug". Über eine Webcam kann man das Geschehen im Fledermaushaus verfolgen. Tier an Tier hängen die Fledermäuse an Wand und Decke. Friedlich wirken sie. Von Zeit zu Zeit kommt eine winzige Kralle zum Vorschein und kratzt sich den ausgefalteten Flügel. Draußen ist Tag, drinnen nächtigen die Fledermäuse. Wie die Auslöser einer weltumspannenden Virus-Erkrankung sehen sie nun wirklich nicht aus. Ob das täuscht?

Wissenschaftler in Hohenburg

Wenn von Fledermäusen die Rede ist, dann sind oftmals die Worte Viren und Immunsystem nur einen Zungenschlag entfernt. Das ist kein Zufall. 2011 machte Leitl Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wissenschaftlern. Sie wollten erfahren, welche Viren Fledermäuse nun in sich tragen. Schon damals war vom Coronavirus die Rede. Das liegt einfach daran, dass es unzählige Coronaviren gibt und gab. Dazu zählte etwa der SARS-Erreger Anfang der 2000er-Jahre. Aber eben auch SARS-CoV-2, das aktuelle, das pandemische Coronavirus.

Unsere Hufis sind absolut clean.

Rudolf Leitl

Rudolf Leitl

Unter den vielen Forschern, die sich 2011 für Leitls Hufeisennasen-Fledermäuse interessierten, war auch ein junger Mann, der damals noch in Bonn das Institut für Virologie leitete, Christian Drosten. Vor Ort in Hohenburg war er nie, auch deshalb, weil die Oberpfälzer Hufeisennasen-Kolonie für die Wissenschaftler rasch uninteressant geworden war. Leitl hatte ihnen regelmäßig den frischen Kot der Tiere geschickt. Das Ergebnis: "Unsere Hufis sind absolut clean", sagt Leitl. "Später wurden sie auch noch auf Parasiten untersucht." Nichts. Im wissenschaftlichen Abschlussbericht taucht Hohenburg gar nicht erst auf. "Die haben eben keinerlei Viren gefunden."

Einzigartiges Immunsystem

Warum sind aber ausgerechnet Fledermäuse für Virologen so interessant? Das Immunsystem der Tiere unterscheidet sich grundlegend von dem des Menschen. Wir bilden, wenn wir uns mit einem Virus anstecken, Antikörper aus, um dieses zu bekämpfen. Fledermäuse dagegen, so erklärt es Rudi Leitl, "weisen so gut wie keine Antikörper auf. Man spricht von einer Super-Immunität." Das bedeutet: Eine Fledermaus ist in der Lage, schwerste Verletzungen auszuheilen und von Krankheiten zu genesen, die für andere Spezies tödlich wären, etwa Tollwut. Wie genau sie das machen, bleibt noch immer unerforscht.

Denkbar ist Folgendes: Wenn Fledermäuse fliegen, erhöht sich ihre Körpertemperatur auf etwa 41 Grad. "Dadurch denaturieren die Eiweiße, wie auch beim Menschen. Das ist vergleichbar mit dem Fieber", sagt Leitl. "Die Vermutung ist jetzt, dass die Viren bei Fledermäusen durch die regelmäßigen hohen Temperaturen immer wieder abgetötet werden." Dagegen spreche allerdings, dass sie nach wie vor Viren in sich trügen, die überleben. Eine andere Theorie geht von sogenannten "interferon pathways", also Protein-Bahnen, in den Fledermäusen aus. Diese funktionieren, vereinfacht ausgedrückt, wie ein Anti-Viren-Schutzschirm, der nicht nur in Folge einer Infektion aufgespannt wird, sondern permanent aktiv ist.

Zu Unrecht gebrandmarkt?

Dass weltweit einige Fledermäuse nun - ohne selbst zu Schaden zu kommen - das neuartige Coronavirus in sich tragen, ist unbestritten. Fungieren die Tiere also auch als direkte Überträger auf den Menschen? Äußerst unwahrscheinlich. "Fast unmöglich", lautet Leitls Fazit. Er ärgert sich gewaltig über die derzeitige Berichterstattung in Bezug auf Fledermäuse. Vor kurzem habe er einen Bericht gelesen, in dem US-amerikanische Forscher fordern, Fledermäuse zu bekämpfen, um das Coronavirus einzudämmen. "Die haben scheinbar überhaupt nichts verstanden", schimpft Leitl. "Das ist absolut kurzsichtig."

Mit seiner Einschätzung, die Fledermäuse würden zu Unrecht gebrandmarkt, steht er nicht alleine da. Schottische Forscher haben erst in der vergangene Woche herausgefunden, dass Fledermäuse tatsächlich über ein einzigartiges Immunsystem verfügen. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass sie ihre Viren auf Menschen übertrügen, sei "nicht höher als bei anderen Tieren auch", schlussfolgerte daraufhin die britische Wochenzeitung The Economist und titelte durchaus salopp: "Doch nicht schuld".

Scheu und verspielt: Die Fledermäuse von Hohenburg

Hohenburg

So manchen Hohenburger mag dieses Fazit beruhigen. "Die Leute haben Angst", erkennt Leitl, "müssen sie aber überhaupt nicht." Fledermäuse seien nicht gefährlicher als in den vergangenen 100 000 Jahren. Beim intensiven Kontakt mit Tieren gehe man aber immer ein Risiko ein. "Dessen sollte man sich schon bewusst sein", so Leitl. "Das gilt aber für alle Tiere." Und nicht nur für seine 275 Hohenburger Hufeisennasen. Und die sind ja sowieso alle total clean.

Hintergrund:

Die Hohenburger Hufeisennasen

Die Große Hufeisennasen-Fledermaus zählt zu den gefährdeten Arten. Rudi Leitls Kolonie in Hohenburg ist die einzige in Deutschland, die selbst für Nachwuchs sorgt. 2003 gab es gerade einmal 37 Exemplare. Durch ein ausgefeiltes Schutzprojekt des Landesbund für Vogelschutz wuchs die Kolonie wieder deutlich und umfasst heute über 250 Tiere. Entscheidend für den Erhalt der Art war die Ansiedelung des Rotviehs, einer alten Rinderrasse. Sie hinterlässt im Wald ihre Kuhfladen. Darin können sich Insekten bilden, die dann wiederum als unentbehrliche Nahrungsgrundlage für die Fledermäuse dienen. Für den langfristigen Erhalt der Art seien allerdings weitere Kolonien notwendig. Übrigens: Die Hufeisennasen-Fledermaus verdankt ihren Namen ihrer charakteristischen Nasenform, die im vorderen Bereich an ein Hufeisen erinnert. (blf)

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Kommentare

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Hans Weber

..."schlussfolgerte daraufhin die britische Wochenzeitung"..."doch nicht schuld".

Man sollte sich hüten, einer britischen Wochenzeitung Glauben zu schenken.

Wenn die Fledermäuse "unbestritten" das Coronavirus in sich tragen, reicht diese Feststellung, um damit die logische Konsequenz, Abstand von diesen Tieren und Ihren Ausscheidungen zu halten.

Da gibt es nicht´s mehr zu verteitigen und zu "Glauben".

23.04.2020