24.04.2020 - 15:28 Uhr
HohenburgOberpfalz

Hohenburg im April 1945: Der Krieg direkt vor der Haustür

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"Wir konnten es ganz deutlich sehen, dass die Hohenburger Brücken für eine Sprengung vorbereitet wurden": Karolina Wein war im April 1945 16 Jahre alt. Sie erinnert sich heute noch gut an die dramatischen letzten Kriegstage.

Von dieser Stelle aus hat die heute 91-jährige Karolina Wein die Geschehnisse der letzten Kriegstage 1945 in Hohenburg miterlebt.
von Paul BöhmProfil

Die Kriegsnachrichten überstürzten sich Ende April 1945 auch in Hohenburg. Fast täglich waren über die Volksempfänger Warnmeldungen über anfliegende Bomberverbände und Tiefflieger zu hören. Würzburg und Nürnberg waren da bereits gefallen. Amerikanische Truppen der 65. Infanteriedivision zogen gegen Neumarkt, das durch einen verheerenden Luftangriff dem Erdboden gleich gemacht worden war. Diese Nachrichten brachten ausgebombte Familien, Flüchtlinge und zurückweichende Wehrmachtseinheiten ins beschauliche Lauterachtal.

16 Jahre ist damals Karolina Wein gewesen, als der zweite Weltkrieg auch nach Hohenburg gekommen ist.

Immer neue Gerüchte

"Ich bin damals 16 Jahre alt gewesen. Da haben wir jeden Tag von unserer Haustür aus auf die obere Lauterachbrücke geschaut, wer da alles durchgezogen ist", erzählt Karolina Wein. Sie steht dabei heute exakt an der gleichen Stelle wie damals, im Jahr 1945. Soldaten und Flüchtlinge brachten immer neue Gerüchte mit. Viele waren falsch, "aber denen wurde am meisten geglaubt", erzählt Wein. Auch in Hohenburg wurde es bedrohlich, denn im Ort und in der Umgebung standen immer noch SS-Verbände. "Wir konnten es ganz deutlich sehen, dass die Hohenburger Brücken für eine Sprengung vorbereitet wurden. Der Volkssturm hatte zwar beschlossen, den aussichtslosen Kampf abzulehnen, konnte sich letztendlich aber nicht durchsetzen", berichtet Wein.

Diese alte Aufnahme ist handschriftlich mit der Jahreszahl 1937 datiert. Aufgedruckt ist auch der Name des Platzes: Wie in so vielen anderen Orten hatten auch die Hohenburger den Marktplatz in „Adolf-Hitler-Platz“ umgetauft. Doch das wurde nach dem Krieg schnell geändert.

Hohenburg in Angst

Furchteinflößend standen überall die massigen Hindernisse der Panzersperren an den Straßen und Wachen an den zur Sprengung bereiten Brücken. "Es kam Unruhe auf in der Bevölkerung", schildert Karolina Wein aus ihren Erinnerungen: "Wir bekamen es mit der Angst zu tun. ,Was ist, wenn sich der Krieg ins Tal herunter wälzt und Hohenburg verteidigt wird?', hat meine Mutter gefragt." Die Hohenburger Josef Stadlbauer und Schreiner Weigl hatten sich das "Fuchsenloch" an der oberen Seite des Kupferfelsens als Schutzort eingerichtet.

Eine nervös wirkende Flak-Abteilung war noch wenige Tage vor dem Eintreffen der Amerikaner rund um Hohenburg in Stellung gegangen. Sie richtete die Rohre ihrer Vierlingsflak auf den Markt. Die Familie Dieling (Hausnummer 152) zog mit dem Notwendigsten nach Lammerthal und auf die Hammermühle, um aus der Nähe der Panzersperren zu kommen: So beschreibt der Hohenburger Hauptlehrer Friedrich Spörer die Ereignisse der letzten Kriegstage. "Auf einmal war auch der Krieg direkt vor unserer Haustüre angekommen", sagt Karolina Wein. "Am 19. April 1945 suchten erneut zwei Flieger die Gegend ab. Man war allmählich vorsichtiger geworden und verdrückte sich meist rasch in die Keller, besonders wir im Ort."

Diese Idylle ist trügerisch. Die dahinter liegende Lauterachbrücke wurde in den letzten Kriegstagen von abrückenden SS-Einheiten noch gesprengt. Der junge Bursche im Kahn ist der Hohenburger Hans Gmach im Sommer 1944 beim Paddeln auf der Lauterach

Die silbern glänzenden Flugzeuge zogen über dem Burgberg eine scharfe Kurve - und dann prasselte schon ein Feuerstrahl auf die Häuser bei Kalb, Grüner, Baumer, auf die Dieling-Werkstatt und den Reindl bei der oberen Lauterachbrücke ein. Kurz vorher war hier noch ein Militärfahrzeug drüber gefahren. "Als wir uns später aus dem Haus trauten, quoll eine dicke schwarze Rauchwolke über den ganzen oberen Markt. Von unserem Haus hat es so ausgesehen, als ob der ganze Markt in Flammen stehen würde", beschreibt Karolina Wein den Fliegerangriff. Es sollte mehrere Jahre dauern, bis die letzten Schäden beseitigt wurden.

Glück im Fliegerangriff

"Glück hatte damals meine Freundin Barbara Bruckmüller aus dem Markt. Sie wollte über den Hühnersteig, den Lauterachsteg, auf die Wiese hinter dem Rathaus gehen, als plötzlich ein Flugzeug über den Burgberg brummte und mit Bordwaffen in den Markt zu feuern begann. Sie duckte sich hinter einen Holzstoß an der Lauterach. Wie sich später herausstellte, steckten die Projektile der Bordwaffen in den Holzscheiten, hinter denen sie gelegen war. Als die beiden Lauterachbrücken zur Sprengung vorbereitet wurden, versuchte Bürgermeister Michael Dieling, auf den befehlenden Offizier einzureden - ein längerer Disput. Der Bürgermeister wollte die Sprengung verhindern. Auf seinen Vorhalt, dass das Wasser dort so seicht sei, dass selbst Kinder durchwaten könnten und dies für Panzer und Fahrzeuge kein Hindernis sei, bekam er die Antwort: "Hohenburg hat sowieso noch nichts vom Krieg abbekommen, die Brücken werden gesprengt."

Der damalige Bürgermeister Michael Dieling übergab den Markt Hohenburg mit weißer Fahne am 23. April 1945 an die Amerikaner.

Letzte Verzweiflungstaten

Als am Sonntag, 22. April 1945, abends gegen 16 Uhr die letzten Kräfte der Wehrmacht abzuziehen schienen, kam eine Abteilung Soldaten in die Altach zurückgelaufen und legte sich geduckt hinter dem Kupferfelsen, um die Brücke noch schnell zu sprengen. "Dabei wurden die Dächer vom Reindl-Haus, Seiler, Höllriegl, Schmiethamer, Hölzl und Donhauser arg beschädigt", berichtet Karolina Wein über die Sprengung der oberen Lauterachbrücke. "Beim Steinbruch von dem Stettkirchener Keller zündeten die Soldaten eine starke Ladung in der Straße und legten durch eine Sprengung unmittelbar beim Kellerhaus drei große Linden über die Straße", kann man bei Spörer nachlesen.

Nicht weit weg vom Haus der Familie Wein wollten noch einige linientreue Volkssturmmänner mit der endgültigen Schließung der Sperre beginnen, als in großer Eile eine Fuhrwerks- und Heereskompanie mit über 20 Wägen den Schleicherberg bei der Salvatorkirche mit der Meldung vorbeikam: "Schaut, dass ihr weiterkommt, hinter uns kommen schon die Amerikaner. Sie erschießen jeden, den sie an der Sperren arbeiten sehen."

Jakob Donhauser war in der Dämmerung aus Lammerthal in den Markt gekommen und berichtete: "Droben in Thonhausen ist schon alles voll Panzer und die ersten Soldaten sind schon in Berghausen eingerückt." Am Montag, 23. April 1945, musste sich der Reiterbauer Josef Spies aus Berghausen ganz vorn auf einen Panzer setzen und den Weg nach Lammerthal weisen. Hier bezogen die Amerikaner erneut Stellung, ehe sie nach Hohenburg ins Lauterachtal fuhren.

In den ersten Wochen des Jahres 1945 machten die Amerikaner schon Luftaufnahmen von Hohenburg.

Kreuzermüller als Kühlerfigur

Auch in Allersburg setzten die amerikanischen Soldaten nach einer kurzen Pause den Kreuzermüller Donatus Lorenz als lebende "Kühlerfigur" auf einen Spähwagen und fuhren vorsichtig nach Hohenburg ein. Über die Hammermühle und die Seepoint rückten sie in Hohenburg ein und verlangten, den Bürgermeister zu sprechen. Auf der anderen Seite kamen unterdessen erste amerikanische Panzer und Infanterie über die Altach nach Hohenburg. Wie Karolina Wein erzählte, fuhren die von Lammerthal herunterkommenden Spähwagen und Panzer nicht direkt in den Markt. Die schweren Fahrzeuge zwängten sich durch den engen Weg entlang des Kalvarienberges in Richtung Stettkirchen, wo sie mehr als einmal über den Hang abzurutschen drohten.

Für ihren weiteren Vormarsch nach Adertshausen nahmen die Soldaten den Postwagenführer Armin Kaufmann als Wegweiser auf dem Spitzenfahrzeug mit. Bei der Straßensprengung in Stettkirchen stoppte der Vormarsch: Hier vermuteten die Amerikaner wohl einen Hinterhalt. Erst als sie eine verstärkte Abteilung mit Panzern aus Allersburg nachgeführt hatten, setzten sie ihren Weg nach Adertshausen und Schmidmühlen fort.

"Vor den Polen hatten wir mehr Angst als vor den Amerikanern", erinnert sich Karolina Wein. Für Hohenburg war der Krieg noch lange nicht vorbei. "Immer wieder fuhren amerikanische Marschkolonnen durch das Lauterachtal in Richtung Schmidmühlen und in den Truppenübungsplatz. Im Ort wurde auch eine Militäreinheit stationiert."

Ihre Ankunft bedeutete vor allem auch das Nachlassen der fast täglichen Plünderungen durch Polen in Hohenburg und den umliegenden Dörfern und Weilern. Diese freigekommenen "Displaced Persons" aus dem Übungsplatz "holten das Vieh aus den Ställen und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war", sagt die Zeitzeugin.

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