18.11.2020 - 14:07 Uhr
HohenfelsOberpfalz

Soldaten-Training: Drei Kilometer hinter Schmidmühlen beginnt der Kosovo

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Vorübergehend liegt der Kosovo mitten in der Oberpfalz: Auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels trainieren Soldaten aus fünf Nationen für einen Einsatz am Balkan.

Training unter realistischen Bedingungen, da fliegen auch schon mal Steine aus den Reihen der Demonstranten. Die übenden Sicherheitskräfte versuchen, die Ordnung im kosovarischen Dorf Mitrovice wiederherzustellen und die Menschen zu beruhigen.
von Paul BöhmProfil

Es ist das erste Mal, dass Soldaten der Bundeswehr (3. Feldjägerregiment aus München) mit den Amerikanern eine Ausbildung von Truppen verschiedener Nationen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels veranstalten. Im Joint Multinational Readiness Center (JMRC) bereitet sich das 28. Kontingent der KFOR auf einen Sicherungseinsatz im Kosovo vor. Dabei trainieren deutsche Soldaten gemeinsam mit Kameraden aus Albanien, Italien, Moldawien und den Vereinigten Staaten. Die KFOR (Kosovo-Force) ist eine Einsatzmission multinationaler Truppen, bestehend aus aktiven Soldaten aus den Vereinigten Staaten (die zudem auch Reservisten entsenden), von Nato-Mitgliedsstaaten und anderer verbündeter Länder. Die KFOR-Truppe wird derzeit von 27 Staaten gestellt und umfasst etwa 3500 Soldaten. Sie arbeitet im Kosovo eng mit Missionen der Vereinten Nationen (UNMIK) und der Europäischen Union (EULEX Kosovo) zusammen.

Realistisches Szenario

Das JMRC leitet das für die US-Armee in Europa spezifische Training, das in dieser Woche endet. Dazu gehört auch eine realistischen Einsatzübung – die Auflösung einer Demonstration. „Hier haben die Soldaten die Möglichkeit, das Erlernte vor ihrem eigentlichen Einsatz nochmals zu festigen“, erklärte Oberstleutnant Michael Mosing, ein Planungsoffizier im Hauptquartier der US Army. Bei dieser Übung assistierte erstmals eine deutsche Einheit dem JMRC. Laut Mosing ist die die Bundeswehr für eine slowenische Einheit eingesprungen. Die Anreise der deutschen Soldaten sei mit Blick auf die Corona-Einschränkungen einfacher zu regeln gewesen.

Hauptziel der Ausbildung in den verschiedenen Hohenfelser Übungsdörfern war es, Unruhen unter Kontrolle zu bringen und sich dabei selbst so wenig wie möglich zu gefährden. Nach einem Training mit realistisch eingespielten Rollenszenarien mussten die Sicherheitskräfte einen simulierten Aufstand in dem kosovarischen Dorf Mitrovice (die Endung auf "e" ist hier Absicht) unter Kontrolle bringen. Wie Leutnant Marcel Roters vom Feldjägerregiment 3 sagte, wollte man die Soldaten körperlich und psychisch auf die Bedingungen einstellen, die sie bei ihrem Einsatz im Kosovo vorfinden können: „Wenn die Einsatzkräfte in den Kosovo gehen, erleben sie solche Situationen, wie wir sie in Hohenfels realistisch trainieren konnten. Sie wissen dann, was zu tun ist und wie sie reagieren müssen." Dabei habe man Erfahrungen zurückliegender Einsätze einfließen lassen. Die Vorbereitung sei wichtig, denn "es gibt niemanden, der uns dort unterstützt“.

In Hohenfels: Großübung mit Corona-Maske

Hohenfels

Soldaten jetzt gut vorbereitet

Roters sieht die Einsatzkräfte jetzt für ihre Mission gut gerüstet. "Unser Ziel der Einsatzbereitschaft ist erfüllt." Für die Bundeswehr-Soldaten war es eine besondere Erfahrung, im multinationalen Umfeld zu trainieren. Laut Roters „eine großartige Gelegenheit, weil wir auch junge Übungsleiter in unseren Reihe haben, die viel im Umgang mit multinationalen Verbänden gelernt haben".

Im kosovarischen Mitrovice, in diesem Fall nur knapp drei Kilometer von Schmidmühlen entfernt, belagern Demonstranten am Dorfplatz einen militärischen Stützpunkt. Die Dorfstraße haben sie mit Paletten und teilweise rauchenden Autoreifen verbarrikadiert. Weil der Protest eskaliert, soll die KFOR mit Schildern und Schlagstöcken in das Dorf einrücken und die Menschenmenge unter Kontrolle bringen, ohne sich von ihr provozieren zu lassen. „Das ist ein realistisches Szenario, wie es auch heute, mehr als 20 Jahre nach Kriegsende, immer wieder vorkommen kann“, sagt Pro-Cop Wolfgang Traub, der auch als Bürgermeister des Übungsdorfes bezeichnet wird. Fast 25 Jahre war er US-Soldat, seit etwa 15 Jahren ist er im Übungsdorf auch für derartige Ausbildungsszenarien zuständig. Er sagt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Soldaten im Kosovo bei ihrem Einsatz in einen solchen Aufruhr hineingeraten und sich mit Kunststoffschildern vor Steinwürfen und Randalierern schützen müssen, ist groß."

Die Lage eskaliert

Die Demonstranten sind bei dieser Übung verkleidete Soldaten des 1. Bataillons des 4. Infanterieregiments der OPFOR-Gruppe (Opposing Force/OPFOR, die in Hohenfels stationierte Einheit, die immer in die Rolle des Gegners schlüpft). Anheizer unter den Protestierenden versuchen gezielt, die Lage eskalieren zu lassen: Faustgroße Steine aus Plastik fliegen in Richtung der Sicherheitskräfte, Schlagstöcke werden gezückt. Mit Transparenten und mit viel Geschrei fordern die Demonstranten die Selbstverwaltung ein. Die war ihnen 2013 beim „Brüssel Agreement“ versprochen worden.

Wolfgang Traub als aufmerksamen Beobachter beurteilt das Verhalten der Soldaten als gut – ihre "Zurückhaltung, nicht zu provozieren, und trotzdem die demonstrierende Menge im Zaum zu halten“. Die Sicherheitskräfte sollen die Protestierenden in einem Handgemenge auf einer Linie halten und keine Lücken zulassen. Gemeinsame Bewegungen „eng an eng“ sind die Garanten für den Erfolg – auch wenn mitten in der zweiten Corona-Welle dem einen oder anderen Soldaten die Mund-Nase-Bedeckung verrutscht oder sich das um den Hals geknotete, hochgezogene, altbewährte Dreieckstuch gelockert hat. Eine harte Ausbildung, die zusätzlich mit den Corona-Schutzvorschriften abgehalten wird, damit die Einsatzsicherheit gewährleistet ist.

Hintergrund:

Übungen im JMRC Hohenfels

Vielfältig waren die Übungsszenarien, die das ganze Jahr über im Truppenübungsplatz Hohenfels, im Joint Multinational Readiness Center (JMRC), gelaufen sind. Neben vielen kleineren Übungen gab es auch einige große, mit bis zu 4000 Teilnehmern.

  • Im August wurde mit "Saber Junction 20" eine Großübung für Luftlandestreitkräfte abgehalten
  • Im September war "Combined Resolve XIV" eine weitere Großübung mit schwerem Gerät
  • Im November gab es die 28. KFOR-Ausbildung

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