22.08.2019 - 10:45 Uhr
HohenfelsOberpfalz

Wehmütige Erinnerungen

Im Herbst 1951 fällt Lutzmannstein der Westerweiterung des Truppenübungsplatzes Hohenfels zum Opfer. Heutige Besucher schwärmen von einem magischen Ort.

Viele schöne und von Sammlern begehrte Postkarten künden von einem ganz besonderen „magischen Ort“.
von Josef SchmaußerProfil

Nach der Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht im Deutschen Reich im März 1935 wurde für die im südbayerischen Raum aufgestellten Verbände des VII. Armeekorps ein eigener Truppenübungs- und Schießplatz gefordert. Bereits 1910 war der Truppenübungsplatz Grafenwöhr entstanden. 1937 fiel die Entscheidung für ein 10 600 Hektar großes Gebiet zwischen Lauterach, Vils und Forellenbach, dem neuen Truppenübungsplatz Hohenfels.

Begründet wurde die Gebietsauswahl unter anderem mit dem chronischen Wassermangel (Verkarstung), dem dadurch gehemmten Landbau und der hohen Kindersterblichkeit. Insgesamt mussten 1622 Einwohner aus 60 Ortschaften und Weilern ihre 247 Anwesen verlassen. Im April 1939 begann die militärische Übungstätigkeit.

Schon während des II. Weltkrieges entstand auf dem Gelände des Übungsplatzes ein deutsches Flüchtlingslager und ein Lager für verschleppte Personen aus den Ostgebieten. Noch 1948 glaubte man, die militärische Ära des Platzes sei ein für alle Mal vorbei. Alte Höfe wurden zum Teil wieder besiedelt, neue Höfe entstanden.

Doch die große Politik stellte diese Entwicklung unversehens auf den Kopf. Eckehard Griesbach, der je ein Buch über die Übungsplätze Hohenfels und Grafenwöhr verfasst hat, zitiert: "Mitten in die Bemühungen zur Wiederbesiedlung und Eingliederung des Truppenübungsplatzes in das agrarische Gefüge des Landkreises Parsberg traf im Frühjahr 1951 zuerst das Gerücht und dann die Bestätigung einer Neubelegung des Truppenübungsplatzes durch die amerikanische Besatzungsmacht ein. (....) Mehr noch: Neben dem alten Platz wurde eine Erweiterung nach Westen gefordert, die zusätzlich 4125 Hektar umfassen sollte." Letztendlich betrug die Erweiterung an die 6000 Hektar. "In den betroffenen Gemeinden herrschte (...) große Bestürzung, Versammlungen, Proteste und Abordnungen konnten jedoch den Beschluss nicht mehr abwenden. Die Räumung von insgesamt 345 Bauernhöfen musste während der Erntezeit bis zum 15. November 1951 durchgeführt sein."

Lutzmannstein war mit seinen rund 300 Einwohnern der größte Ort des Erweiterungsgebietes. Die ehemalige Burg, das Schloss, die Kirche St. Maria und St. Lucia, das Torhaus (in dem stets eine Schausteller-Familie aus Neumarkt überwinterte) und die Ottilienkapelle sind auf vielen historischen Postkarten dokumentiert und zeigen die schmucken Bauwerke und die schöne Lage des Ortes. Auszüge aus Schüleraufsätzen aus dem Erweiterungsgebiet, veröffentlicht in der Heimatzeitschrift "Die Oberpfalz, Dezember 1951" zeigen das harte Los der Bevölkerung. "Schon einige Tage nach Bekanntwerden der traurigen Nachricht kamen Holzhändler und kauften unser lang geschontes Holz. Es ist alles ganz kahl und sieht aus, als ob schon Krieg gewesen wäre. (...) In jedem Gesicht sieht man die Sorge: ,Wo wird unsere neue Heimat sein?' (...) Wir werden noch viele Tränen weinen, bis wir uns unter fremden Leuten eingewöhnt haben", schrieb der 13-jährige Georg. Ein anderes Kind hielt fest: "Der Vater ist ganz besorgt. Tag für Tag sucht er für uns eine neue Heimat. (...) Oh, ist das ein Unglück! Wie oft sah ich die Mutter heimlich weinen!" "Bald gehen wir hier das letzte Mal zur Schule!", schrieb Wally Schmauser, 8. Klasse, aus dem nahen Pielenhofen. "Nun sollen wir fort und müssen das so nett hergerichtete Schulhaus für immer verlassen. Wer soll das verstehen?"

Noch vor wenigen Jahren bot Lutzmannstein den Besuchern der zweijährlich stattfindenden Heimattreffen, oftmals initiiert vom unvergesslichen Pfarrer Hans Eichenseer (aus dem nahen Krumpenwinn), ein trauriges Bild. Zerstörte Anwesen, wucherndes Gestrüpp überzog die meisten Gebäude. Fremde und ehemalige Einheimische schwärmen von einmaligen Ausblicken und Erinnerungen. Der Blick reicht zum Beispiel von der ehemaligen Ottilienkapelle bis zum Arber. Die freigelegte Grotte oberhalb des Ortes begeisterte beim letzten Treffen am Sonntag, 21. Juli 2019, die Gäste. Das zum Teil renovierte Schloss mit Schlossgarten lässt Erinnerungen wach werden.

Zusammen mit dem benachbarten Truppenübungsplatz Grafenwöhr bildet Hohenfels das größte Übungsgelände der US-Streitkräfte in Europa. Dr. Albert Böhm von der Umweltabteilung der US-Army stellt die Kriterien für die Schutzwürdigkeit und das Engagement für den Umweltschutz auf dem Übungsplatz vor. Er arbeitet mit seinem Team für die "Environmental Division (ED)", welche das Management aller Aspekte des Umweltschutzes auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels umfasst. Die seit Jahrzehnten fehlende, intensive Bewirtschaftung (kein Dünger-, Herbizid- oder Pestizid-Einsatz) macht das Areal zum Rückzugsgebiet für seltene Tier- und Pflanzenarten. Neben dem Artenschutz ("Fledermaushäuser" in verschiedenen Orten) wird in den vergangenen Jahren vermehrt Wert auf das kulturhistorische Erbe gelegt. Zeitzeugen-Gespräche, Archivierung von Dokumenten und Bildern aus dem Gebiet und sogenannte Hausposter lassen die Vergangenheit lebendig werden und bleiben.

Der Vater der Schwestern Ingrid Blodig und Edeltraud Gleißner, Lehrer Egon Gleißner, vermisst in Russland seit Januar 1943, hat unvergessliche Fotos der alten Heimat hinterlassen. Heute sind sie unentbehrliche Zeitdokumente.
Ein Beispiel für das erfolgreiche Duo Militär und Naturschutz: Die Kirche St. Maria und St. Lucia wird momentan zu einem neuen Fledermausquartier wiederaufgebaut. Ein Stück Heimat entsteht damit wieder für die Ausgesiedelten.
Albert Reich fertigte in den 1930er Jahren diese romantische Federzeichnung von Lutzmannstein an.
Eine Karte des gesamten Übungsplatzes, gezeichnet vom Schmidmühlener Heimatforscher Franz Xaver Eichenseer.
Zwei Heimatfreunde, die immer wieder Lutzmannstein besuchen: Der Schmidmühlener Paul Böhm, der unzählige Fotos und Berichte geschrieben und gesammelt hat, und der Heimatpfleger der Gemeinde Ursensollen, Josef Schmaußer, dessen Vorfahren aus Kittensee, später Frabertshofen, stammen.
Zweimal Böhm, doch nicht verwandt: Dr. Albert Böhm (links) und Paul Böhm. Beide engagieren sich auf ihre Art für die Belange „des Plotzes“, wie die Einheimischen kurz sagen.
Die Schwestern Ingrid Blodig und Edeltraud Gleißner vor dem ehemaligen Schulhaus in Lutzmannstein.

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