14.07.2020 - 08:00 Uhr
Hütten bei GrafenwöhrOberpfalz

Handwerker wird zum "Kopf"-Werker

Jung-Unternehmer und Feinmechanikermeister Jörg Zechmayer über Erfolgsfaktoren im Mittelstand, die Frage ob das Handwerk von der Industrie lernen kann und warum Job-Räder für ihn eine gute Idee sind.

Fertig zur Auslieferung: Jörg Zechmayer präsentiert ein Spritzgießwerkzeug.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

"Ausschlaggebend für den Erfolg eines Unternehmens sind die Mitarbeiter", sagt Jörg Zechmayer. Der 27-Jährige ist erst vor zwei Jahren neben seinem Vater Rainer Zechmayer in die Geschäftsführung des Familienbetriebs eingestiegen. Doch die Erkenntnis, dass ein offener Umgang mit den Kollegen wichtig ist, sei ihm von Anfang klar gewesen. Freilich dürfte ihm das nicht schwer gefallen sein. Schon als Kind und Jugendlicher arbeitete er im elterlichen Betrieb mit, machte dort seine Lehre als Werkzeugmechaniker, der 2014 der Meister im "Feinmechanikerhandwerk Schwerpunk Werkzeugbau" folgte. Da lernt man sich kennen.

Doch die Zechmayer GmbH in Hütten (bei Grafenwöhr) ist mit heute 43 Mitarbeitern längst keine kleine Klitsche mehr. Das mittelständische Unternehmen baut vornehmlich Formen für Zulieferer der Automobilindustrie: "In Autos finden Sie sowohl im Exterieur als auch im Interieur viele Dekorelemente, wie zum Beispiel Zierleisten über dem Handschuhfach. Unsere Kunden produzieren diese Kunststoffleisten und wir wiederum stellen die Formen dafür her", erklärt der Jung-Unternehmer.

"Vieles geht dabei über den Preis", gesteht Zechmayer, "doch man muss trotzdem gut sein. Unser Anspruch lautet: Zu den besten gehören - und das zu einem vertretbaren Preis." Ein Erfolgsfaktor sei für ihn daher von der Industrie zu lernen. "Unsere Strukturen unterscheiden sich naturgemäß stark vom Klischee des typischen Handwerksbetriebs, wo der Meister kurz mal in die Werkstatt ruft, um zu sagen, was zu tun ist. Wir sind industriell aufgestellt, haben durchdachte Abläufe und investieren ständig, um technologisch auf dem neuesten Stand zu bleiben."

Das klassische Bild vom Handwerker treffe auf ihn und seine Kollegen schon lange nicht mehr zu. "An der CNC-Maschine muss man heute eben auch programmieren können." Der Handwerker wandle sich seiner Anschauung nach zum "Kopf"-Werker, "es sind ganz neue Fähigkeiten gefragt." Dennoch überlebe der handwerkliche Aspekt, auch im Formenbau. "Zum Beispiel bei der Montage ist klassisches Handwerk gefragt."

Mitarbeiter zu bekommen und zu halten, die diesen vielseitigen Anspruch erfüllen, ist heute nicht mehr leicht. Für Zechmayer kommt dem wertschätzenden Umgang mit den Kollegen daher eine Schlüsselrolle zu: "Am wichtigsten ist im Gespräch zu bleiben, Bedürfnisse zu artikulieren." Das müsse beidseitig ein: "Wenn ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit einen wichtigen privaten Termin hat, dann versuchen wir das zu ermöglichen. Umgekehrt sind unsere Leute bereit, länger zu bleiben, wenn die Auftragslage es erfordert."

Auch auf andere Weise könne man den "Erfolgsfaktor Mensch" würdigen. Zechmayer nennt zwei Bildschirme an den Büroarbeitsplätzen, moderne Technik in der Werkstatt, auch scheinbar Nebensächliches: "Wir haben zum Beispiel einen Grill angeschafft, den alle nutzen können, feiern Betriebsfeste, wenn nicht gerade Corona das verhindert, oder bieten unseren Mitarbeitern Fahrräder auf Leasingbasis, als Job-Rad. Davon profitieren alle und gut für die Umwelt ist es auch." Die Umwelt als Erfolgsfaktor? Durchaus. "Unsere Dächer sind voll mit Photovoltaikanlagen, in der Produktion arbeiten wir mit Wärmerückgewinnung, eine Industriefußbodenheizung spart Heizenerige." Und Geld.

Der Erfolg hat viele Väter, fest dazu gehört Zusammengehörigkeitsgefühl. "Auch wir haben Kurzarbeit, wie viele andere. Doch wir halten als Mannschaft zusammen und blicken nach vorne." Da erkennt Zechmayer junior vor allem Positives: "Die Auftragslage verbessert sich wieder." Optimismus auf einer realistischen Basis. Das gehört zum Erfolgs-Cocktail. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten.

Noch ein anderer junger Chef im Handwerk: Fabian Kraus über frühe Verantwortung und darüber, wie wichtig die Work-Life-Balance.

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