18.12.2018 - 19:23 Uhr
Oberpfalz

Ein I-ah auf die Geburt des Gottessohnes

Ochs und Esel sind die tierischen Zeugen an der Krippe im Stall von Bethlehem. Warum das so ist, beantwortet das Alte Testament und interpretiert ein Bischof von Innsbruck.

Der Prophet Habakuk bezieht sich auf das intuitive Wissen der Tiere: „Inmitten zweier Tiere wirst du ihn erkennen.“

Das Jesuskind in der Krippe mit Ochs und Esel, aber ohne Maria und Josef? Kaum vorstellbar in der heutigen Zeit. Doch den frühen Christen scheinen die Eltern nicht so wichtig gewesen zu sein. Auf den ältesten Darstellungen der Geburt Christi sind ausschließlich die beiden Tiere zu sehen. Der Grund dafür ist im Alten Testament zu finden.

"Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis", steht im Buch Jesaja (Jes 1,3) geschrieben. Oder mit den Worten Martin Luthers in seiner Bibel-Übersetzung: "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk vernimmt's nicht." Auch der Prophet Habakuk (Hab 3,2) bezieht sich auf das intuitive Wissen der Tiere: "Inmitten zweier Tiere wirst du ihn erkennen." Die wenig bekannte Prophezeiung ist nicht in der hebräischen Bibel enthalten, sondern nur in der Septuaginta ("Die Übersetzung der Siebzig"; Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache, Anm. d. Red.) und ihren Übersetzungen wie der "Vetus Latina" (die ältesten erhaltenen Übersetzungen von Texten des Alten und Neuen Testaments in lateinischer Sprache; Anm. d. Red.) überliefert.

Krippen-Inventar

Schon seit Jahrhunderten gehören Ochs und Esel zum festen Inventar der Weihnachtskrippen. Sie finden sich in Glasfenstern von Kirchen und natürlich als geschnitzte Krippenfiguren. Doch im Lukas-Evangelium, das die klassische Weihnachtsgeschichte ebenfalls erzählt, tauchen diese Tiere gar nicht auf. Dort ist nur von einem Stall und einer Futterkrippe die Rede, in die Maria ihr neugeborenes Kind legt. Später kommen dann Hirten mit ihren Schafen vom nahe gelegenen Feld. Und auch in anderen Evangelien gibt es weder Ochs noch Esel.

Der Prophet des Alten Testaments, Jesaja, will mit seinem Tier-Vergleich sagen, dass die Haustiere wissen, zu wem sie gehören und von wem sie ihr Futter erhalten, aber dass das Volk Israel immer wieder vergisst, zu wem es gehört. Der Vergleich mit Tieren hat in der Bibel durchaus Tradition und klang in früheren Zeiten auch nicht so abwertend. Ochs und Esel wurden zu Symbolen der "Heidenvölker" (Esel) und des Volkes Israel (Ochse). Die beiden Tiere sind also Symbol für die ganze Welt, alle Völker stehen vor der Krippe. Im Matthäus-Evangelium sind es die Tiere, die als Ochs und Esel den neugeborenen Jesus anbeten. Der Evangelist Matthäus versteht das als Erfüllung dessen, was der Prophet Habakuk ankündigte.

Liebstes Tier

Der frühere Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher (er starb 2013), war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Das stellt er auch in seinem Buch "Fröhlich und ernst unter der Mitra" unter Beweis. Einmal wurde er gefragt, welche seine liebste Krippenfigur sei. Da er nicht sicher war, ob diese Anfrage auch an andere ging, wollte er sich keinesfalls auf die Heilige Familie beschränken und wählte den Esel. Er betonte aber, dass dies "keine Verlegenheitsentscheidung" sei. Er habe vor dem Esel einen tiefen Respekt. Eine persönliche Begegnung mit diesem Tier habe er bei seinem Sommerurlaub in Südtirol gemacht. Dort habe er ein zutrauliches und liebenswürdiges Tier kennengelernt, das zu seiner Beschämung alle seine Vorurteile revidiert habe. Aus diesem Grund versuche er, den "Krippenesel biblisch, theologisch und moralisch zu rehabilitieren".

Da das Tier außer bei Matthäus im Neuen Testament nicht vorkomme, habe der Esel schon " seine erste Funktion". Er erinnere daran, dass das Neue Testament stets mit einem Blick auf das Alte und das Alte Testament mit dem Blick auf das Neue gelesen werden müsse. Für ihn gelte das besonders für die "Kindheitsgeschichte". Die erste Botschaft des Esels laute: "Siehst du, werter Christ, wenn du keine Ahnung vom Propheten Jesaja hast, verstehst du bei der Krippe nicht einmal mich, den Esel. Tu also etwas für deine dürftige biblische Bildung. Und merke dir, manche Figur hat nur die fromme Fantasie auf die Krippe gestellt, wie zum Beispiel die plaudernden Frauen am Brunnen, den störrischen Geißbock oder den Hirten mit dem Dudelsack. Von den goldbetressten Elefanten der Weisen aus dem Morgenland, will ich gar nicht sprechen. Aber ich, als Esel, berufe mich auf den größten Propheten Israels. Ich bitte mir doch etwas Respekt aus ..."

Die zweite Botschaft des Esels sei eine unmissverständliche Moralpredigt gegen religiöse Gleichgültigkeit. Es sei der Gleichgültige, der Unbelehrbare und Indolente, der beim Propheten Jesaja weit unter dem Esel angesiedelt ist. Und so werde der Esel neben der Krippe zum Mahnmal für alle, die am Wunder der Weihnacht mit ein paar Floskeln und wenig Gefühlen vorüberhuschen würden und für das Wesen der Dinge kein Interesse hätten. "Sie haben den Kopf voll von Nichtigkeiten und Eitelkeiten, obwohl es der Herr gut mit ihnen meint." Für all diese Zeitgenossen stehe der Esel mit der ihm eigenen heiligen Sturheit neben der Krippe und sage: "Bitte, nehmt euch ein Beispiel. Ich weiß, was sich gehört ..."

Die dritte Botschaft des Esels habe einen zeitgemäßen Beigeschmack. Der Esel stehe neben dem Schöpfer als Repräsentant der leidenden und belasteten und vom Menschen schlecht behandelten Kreatur. So spreche er aus leidvollen Erfahrungen seiner Artgenossen durch Jahrtausende. "Wie seid ihr bloß mit uns umgegangen! Durch Jahrtausende haben wir euch als Volks- und Lieferwagen gedient, dabei verfügen wir nicht mal über ein PS und ihr seid auf luftverpestende Autos umgestiegen. Ja, ihr benutzt uns nur noch als Schimpfwort!"

Verwandtschaft

In der vierten Botschaft des Esels fühlte der Bischof, "selbst auf die Gefahr ausgelacht" zu werden, eine "existenzielle Verwandtschaft". "Wenn ich so als Mensch vor der Krippe stehe und mit Herz und Sinn in das Geheimnis der Heiligen Nacht eindringen will, fühle ich ein undurchschaubares Dunkel und merke, wie das meine Intelligenz übersteigt. Blicke ich jedoch auf den Esel, so scheint dieser mir zuzuzwinkern und zu sagen: Siehst du, viel gescheiter als ich, bist du auch nicht!"

Die fünfte Botschaft des Esels sei sein musikalischer Beitrag. "Vom Melodiösen her ist ein Eselsgesang auch bei viel Wohlwollen dürftig und bewegt sich maximal auf zwei Tonstufen. Beim Text gar nur auf eine Silbe I-ah." Aber gerade hier beginne die Überraschung. "Dieses "Jah", ist das nicht die letzte Silbe der Halleluja?" Und so zeige uns letztlich der Esel, dass er mit seinen bescheidenen Möglichkeiten in die Chöre auf den Fluren von Bethlehem durchaus einstimmen kann - und zwar mit der wichtigsten Silbe: ",Hallelu' heißt auf hebräisch ,lobet' und ,Jah' heißt ,Gott'." So könne der Esel also auch hebräisch und verweise auf das Zentrum allen Lobgesangs, auf den Herrn. (cr)

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