Immenreuth
06.12.2019 - 16:33 Uhr

„Die Partei“: Demokratie gegen den Willen der Mehrheit

Irrsinn oder Verantwortungsbewusstsein? Sie wollten den Eurotunnel zumauern und haben die Bürgermeisterkandidaten in Immenreuth ausgelost. Was nach Blödsinn klingt, hat ernst gemeinte Hintergründe.

Weiter als vor das Sperrgebiet am Eurotunnel sind sie nicht gekommen: Marco Kellner vom Tirschenreuther Kreisverband „Die Partei“ mit seinen Kollegen Melody Bayer und Felix Hornberger (von links). Archivbild: Kellner
Weiter als vor das Sperrgebiet am Eurotunnel sind sie nicht gekommen: Marco Kellner vom Tirschenreuther Kreisverband „Die Partei“ mit seinen Kollegen Melody Bayer und Felix Hornberger (von links).

Fragt man Marco Kellner, warum man die Satirepartei "Die Partei" wählen sollte, obwohl sie scheinbar kein Parteiprogramm zu bieten hat, sagt er: "Darf ich mit der Frage antworten, was denn im Wahlprogramm der CSU so steht?" Satire ist für den 31-Jährigen und seinen Tirschenreuther Kreisverband mehr als nur Spaß. Sie ist ein Mittel, um auf Missstände in Politik und Gesellschaft aufmerksam zu machen. Kellner zufolge haben es sich die Mitglieder zur Aufgabe gemacht, zu einer aktiveren Zivilgesellschaft anzuregen.

Satire sei dabei das beste Mittel der Wahl. Mit Spaß lasse sich eine Botschaft besser transportieren. Menschen sollten erst über eine Aktion lachen und dann über deren eigentliche Bedeutung nachdenken. "Wir verstehen uns selbst als eine Gruppe politisch interessierter Menschen. Wir wollen mit Witz und Charme eingreifen, wenn wir glauben, dass etwas in der Gesellschaft schief läuft."

Alle Bürger ansprechen

Zuletzt haben die Mitglieder in Immenreuth die Posten der Bürgermeisterkandidaten unter dem Motto "Demokratie auch gegen den Willen der Mehrheit" aus rund tausend Bürgern ohne deren Wissen ausgelost. "Wir nehmen den Bürgern das schwere Los ab, sich zur Beteiligung aufzuraffen und bürden es uns auf, dass wir ihnen den Verantwortung geben müssen", sagt Kellner scherzhaft. Ihm zufolge ist es erschreckend, dass es immer weniger Personen interessiert, was bei Gemeinderatssitzungen und Bürgerversammlungen besprochen wird, obwohl es sie in ihrem Ort direkt betrifft. "Wenn ich von einem Bürger spreche, setze ich voraus, dass er als solcher mündig und dazu in der Lage ist, für andere Verantwortung zu übernehmen.", erklärt Kellner.

Mit der Los-Aktion wollen die Mitglieder der Partei "Die Partei" auf zwei Themen aufmerksam machen. Barbara Kellner (31) sagt: "Auf der einen Seite gibt es die, die mit den Personen in Verantwortung in ihrem Ort unzufrieden sind. Sie motzen, dass sie das selbst besser machen könnten, kriegen aber den Arsch nicht hoch." Auf der anderen Seite fehlten aber Anerkennung und Respekt für die Menschen, die sich als Bürgermeister und Gemeinderäte für die Gesellschaft engagieren. Marco Kellner: "Die bezahlen jeden Tag mit einer richtig harten Währung: mit ihrer sozialen Anerkennung."

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Datenschutz ernst nehmen

Je mehr Menschen spürten, wie es ist, vielleicht selbst in die Verantwortung gezogen zu werden, umso mehr könnten sie nachvollziehen, was es heißt, den eigenen Kopf hinzuhalten. "Jeder Bürger sollte sich angesprochen fühlen, selbst etwas zu tun.", sagt Marco Kellner. Wie konnten die "Die Partei"-Mitglieder überhaupt an die Daten der rund tausend Immenreuther kommen, die, ohne es zu wissen, in die Lostrommel für die Bürgermeisterkandidaten der Satirepartei gelandet sind? Kellner sagt, die Aktion habe dazu gedient, auf das Thema Datenschutz aufmerksam zu machen. Die Personenangaben habe "Die Partei" einfach bei der Anstalt für Kommunale Datenarbeit in Bayern (AKDB) kaufen können. Wenn sich jemand beim Einwohnermeldeamt anmeldet, werden seine Daten automatisch von der AKDB aufgenommen und weiterverarbeitet.

Wer das nicht möchte, muss widersprechen. "Die AKDB verkauft die Daten dann an Unternehmen, Wählergruppen und Parteien. Die wenigsten Leute wissen das." Es sei wichtig, den Bürgern bewusst zu machen, was mit ihren Angaben geschieht. Die Ansprüche seiner Partei beschreibt Kellner wie folgt: "Wir haben den absoluten Willen zur Macht. Unser Ziel ist es, Hundert Prozent der Stimmen plus X zu bekommen."

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