08.01.2020 - 14:48 Uhr
ImmenreuthOberpfalz

Ein Zuhause mit offenen Türen

Das Kinderdorf in Immenreuth bietet Kindern seit Jahren eine Heimat. Junge Menschen lernen dort aber auch, wie viel Spaß es macht, Verantwortung zu übernehmen und offen auf andere zuzugehen.

EInrichtungsleiter Holger Hassel und Sozialpädagogin Christina Ponader ist es wichtig, dass das Kinderdorf ein Ort mit offenen Türen ist.
von Alicia FuchsProfil

Spielplätze, einige bunte Wohnhäuser und in der Mitte ein Dorfplatz: So sieht das SOS-Kinderdorf in Immenreuth aus. Fast könnte man meinen, es handele sich dabei um eine eigene kleine Ortschaft. Abgekapselt vom Rest des Orts ist die Einrichtung jedoch nicht. Im Gegenteil: Es ist ein Ort mit offenen Türen.

Das Jugendamt vermittelt Kinder an das Kinderdorf, die in instabilen oder extrem belasteten Familienverhältnissen aufwachsen und die ohne Hilfe wohl psychisch oder physisch unterversorgt wären. Im Kinderdorf leben sie dann mit vier bis fünf weiteren Kindern und ihrer Kinderdorfmutter beziehungsweise ihrem -vater zusammen in einem Haus. SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner wollte Kindern ein familienähnliches Zusammenleben ermöglichen.

Neben diesem System gibt es zudem Wohngruppen mit jeweils acht Personen, um die sich Betreuer in Schichtarbeit kümmern. Bereits ab ihrer Geburt können Kinder in der Einrichtung ein neues Zuhause finden, wenn die Umstände es erfordern. Stellen die Verantwortlichen bei sehr jungen Schützlingen eine geistige Behinderung fest, steht das einer Aufnahme in die Einrichtung nicht im Weg.

Im Immenreuther Kinderdorf leben momentan zwei Kinder mit Behinderung. Bei körperlichen Behinderungen kommt es auf den Einzelfall an, da die Gebäude aus den 1960er Jahren kein vollständig barrierefreies Wohnen ermöglichen. In der Regel dürfte es jedoch kein Problem sein, Kinder mit einer leichten Behinderung zu beherbergen. "Am wichtigsten ist für uns zunächst einmal, dass die Kinder eine Heimat finden", macht Einrichtungsleiter Holger Hassel deutlich.

Unterstützung bei Schularbeiten

Künftig möchte die Einrichtung ihr Augenmerk noch stärker auf die Bildung der Kinder richten, sie beim Lernen unterstützen und sie motivieren, falls sie schulische Rückschläge erleben. Hassel und sein Team hätten dafür gerne eine "Erfinderwerkstatt", in der die Schüler sich zum Beispiel anhand praktischer Beispiele mit Matheaufgaben auseinandersetzen können. Im "Akzente"-Projekt bringen die Verantwortlichen regelmäßig Kunst und Kultur in das Kinderdorf. Die Beschäftigten überlegen derzeit, parallel dazu regelmäßige Vorträge zu ermöglichen.

In der Vergangenheit gab es etwa einen Abend zum Thema Fledermäuse, den die Kinder gespannt verfolgten. "Die Kinder waren begeistert und wir hoffen, dass wir dadurch ihre Freude und ihr Interesse am Lernen steigern können", fasst der Einrichtungsleiter zusammen.

Er könne sich vorstellen, dass das Kinderdorf im Zuge dessen auch mehr Ehrenamtliche einsetzen könnte. Derzeit sind überwiegend Festangestellte im Kinderdorf. Mehr Freiwillige zu beschäftigen sei schwierig, da diese für die Kinderdorf-Familien oft Instabilität bedeuten. Viele interessierte Helfer hätten zudem falsche Vorstellungen davon, wie das Zusammenleben im Kinderdorf aussieht. Dass sich die Familien in den einzelnen Wohnhäusern um das meiste selbst kümmern, erwarten viele nicht.

Im Rahmen des Projekts "Kinderrechte und Beteiligung" können Kinder mitbestimmen und für ihre Wünsche eintreten.

Brücken zur Gesellschaft bauen

"Wir wollen allen, die bei uns wohnen, ein ganz normales Kinderleben ermöglichen", sagt Hassel. Die Kinder gehen zur Schule, sind Mitglied in Vereinen, nehmen Reitstunden oder machen bei Tanzgruppen mit. Durch ihre Situation sind die jungen Menschen oft stark von Exklusion betroffen, weshalb die Verantwortlichen Wert darauf legen, dass sich die Jugendlichen in der Gesellschaft verwurzeln.

Das habe zwar Höhen und Tiefen, aber die Kinder müssen die Herausforderung nicht alleine bewältigen. Bei Bedarf können Erziehende ihre Schützlinge zum Beispiel in die Sportstunde begleiten und ihnen bei Schwierigkeiten zur Seite stehen.

Um Vorurteile abzubauen, besuchen Schulklassen aus dem Landkreis regelmäßig das Kinderdorf und machen sich bei Führungen und gemeinsamen Vorträgen selbst einen Eindruck. "Die Schüler nehmen viel davon mit, wenn sie uns besuchen, gerade die jüngeren haben dann ein ganz hohes Verständnis für die Situation, in der sich die Kinder hier befinden", findet Hassel. Alle Bürger sind außerdem zu den regelmäßigen Kinderdorf-Festen eingeladen. Immer wieder sind in den Gebäuden des Kinderdorfes außerdem Angebote der Volkshochschule, wie Yoga- und Step-Aerobic-Kurse. Statt ein Ort zu sein, unter dem sich niemand etwas vorstellen kann, möchten die Zuständigen ihre Türen für die Bevölkerung öffnen und Brücken bauen.

Weiteres wichtiges Thema für das Kinderdorf ist, die Kinder dazu zu befähigen, für sich und ihre Wünsche einzutreten. Eine Möglichkeit zur Mitbestimmung haben die Verantwortlichen mit dem Projekt "Kinderrechte und Beteiligung" (KRUB) geschaffen. Hier können die Jugendlichen sich für Themen einsetzen, die ihnen wichtig sind. Gleichzeitig lernen sie auch, Verantwortung zu übernehmen und Kompromisse einzugehen. Alle zwei Jahre gibt es dazu Wahlen, für die einige junge Engagierte Wahlkampf betreiben und Plakate für die Kandidaten basteln.

Familien fürs Leben

Mit 18 Jahren endet der erste Anspruch auf die Hilfeleistungen des Kinderdorfes, allerdings kann dieser erweitert werden, bis die Betroffenen 21 Jahre alt sind. Doch auch nach dem Auszug aus dem Kinderdorf verlieren die allermeisten nicht den Kontakt zu den dort wohnenden Kindern und Erwachsenen. Jedes Jahr steht ein Jubiläumstreffen auf dem Programm, bei dem sich frühere Bewohner wieder sehen. Außerdem bleiben viele auch nach Erreichen der Volljährigkeit noch in Verbindung zu ihren Kinderdorf-Eltern und kommen zum Beispiel an Weihnachten zurück, um gemeinsam zu feiern.

In manchen Fällen kehrt sich das Pflegeverhältnis später sogar um und die früheren Schützlinge kümmern sich im Alter um ihre Kinderdorf-Eltern - wie eine Familie eben.

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