(tsa) Ihre Erkenntnisse teilt die 31-Jährige, die aus Irchenrieth stammt und in Regensburg eine Praxis hat, in ihrem ersten Buch "Dachschaden kann man nicht versichern". Im Interview erklärt sie nicht nur, was sie durch das Schreiben des Buchs gelernt hat, sondern verrät auch, was ihre Macke ist.
ONETZ: In Ihrem Buch "Dachschaden kann man nicht versichern" geht es darum, dass auch die angeblichen "Normalos" nicht immer alles im Griff haben - und warum es nicht ungewöhnlich ist, ein bisschen verrückt zu sein. Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Themas angenommen?
Kristina Fisser: Vor drei oder vier Jahren ist das in einer Weinlaune aufgekommen. Viele in meinem Umfeld fragen mich, ob sie normal sind. Ist es normal, dass ich so oft Chips esse? Ist es normal, dass ich acht Espressi am Tag trinke? Da war das Thema schnell klar. Jeder hat einen kleinen Dachschaden, und das ist völlig ok.
ONETZ: Sie erklären im Buch vieles anhand von Beispielen. Sind die erfunden?
Kristina Fisser: Viele Beispiele sind mir im Alltag begegnet. Natürlich sind Begebenheiten aus der Praxis dabei, doch alles, was mit meinen Patienten zu tun hat, ist stark verfremdet. Oft sind unterschiedliche Geschichten vermischt. Aber alle haben einen wahren Kern.
ONETZ: Wie reagieren Ihre Patienten darauf?
Kristina Fisser: In den Therapiestunden war mein Buch bisher kein Thema, denn es geht ja weniger um Probleme meiner Patienten, als vielmehr um ganz alltägliche Schwierigkeiten von jedem von uns. Eine Patientin hat mich aber vor kurzem darauf angesprochen. Sie hatte mich gegoogelt und ist so darauf gestoßen. Sie fand’s gut und will das Buch kaufen. Sie hatte keine Angst, dass ich Patientengeschichten nach außen trage. Was ich ja nicht tue.
ONETZ: Sie wollen mit Ihrem Buch den Menschen helfen. Haben Sie selbst auch etwas gelernt?
Kristina Fisser: Ich habe total viel gelernt. Ich habe mich in jedes Thema intensiv eingelesen. Mit bestimmten Themen hätte ich mich ohne das Buch vermutlich nicht so sehr beschäftigt. Über Tod und Sterben habe ich mir bis dahin wenig Gedanken gemacht, aber jetzt finde ich es gut, dass ich mich damit beschäftigen musste. Ich lerne ständig was über mich, gerade im Umgang mit meinen Patienten.
ONETZ: Wie leicht können Sie abschalten?
Kristina Fisser: In meinem Beruf ist die Work-Life-Balance extrem wichtig. Aber wir genießen eine sehr gute Ausbildung mit viel Austausch. Psychotherapeuten werden von Anfang an darauf vorbereitet, nichts mit sich rumzuschleppen. Ich kann mich jederzeit an meine Kollegen wenden. Ich nehme selten etwas mit heim – das muss man aber erst lernen. In der Arbeit mit den Patienten bin ich transparent. Ich sage durchaus manchmal: Dieses Thema ist schwierig, das trifft mich persönlich. Die Patienten sind dankbar, wenn ich sowas zugebe.
ONETZ: Was ist das dann zum Beispiel?
Kristina Fisser: Sachen, die gerade auch in meinem Leben passieren. Solche Themen sind mir viel näher als andere.
ONETZ: Analysieren Sie automatisch Ihre Gesprächspartner - auch privat?
Kristina Fisser: Das ist eine Angst, die viele haben. Ich bin froh, wenn ich aus der Arbeit rauskomme und nicht mehr so viel über andere Menschen nachdenken muss. Bestimmte Dinge fallen mir mehr auf, und ich gebe anderen gerne Ratschläge. Aber ich versuche, im Privatleben kein Psychologe zu sein.
ONETZ: Was hoffen Sie, bewirkt Ihr Buch bei den Menschen?
Kristina Fisser: Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen dafür interessieren würden, was in ihrem Kopf vorgeht. Die Psychologie soll aus der verstauben Ecke raus. Jeder kann selbst entscheiden, ob er mit kleinen Psycho-Tricks seine Macken angehen möchte oder sie vielleicht auch annehmen möchte. Nicht immer muss man seine Dachschäden reparieren, manchmal machen die uns ja gerade auch aus. Das Buch hilft außerdem hoffentlich Menschen, die mit dem Gedanken spielen, eine Therapie zu machen. Mit dem Vorwissen können sie beruhigter in die erste Therapiestunde gehen. Das würden viele gerne machen, sie trauen es sich aber nicht.
ONETZ: Wie schwer war es für Sie, nicht zu sehr in Fachsprache zu schreiben?
Kristina Fisser: Ich habe das Buch mit einer Freundin (Carina Heer, Anm. d. Red.) zusammen geschrieben. Die inhaltlichen Ideen und das Fachliche kommen von mir; die Formulierungen aus ihrem Kopf. Sie ist eine tolle Autorin. Unser Ziel war, dass das Buch locker und alltagstauglich ist, aber mit viel psychologischem Grundwissen gespickt.
ONETZ: Sie haben erst 2017 Ihre Approbation erhalten und praktizieren seit diesem Jahr in einer Gemeinschaftspraxis. Da nebenbei noch ein Buch zu schreiben - das ist selbst für eine Psychotherapeutin stressig, oder?
Kristina Fisser: Wir haben uns einen konkreten Plan gemacht. Es war im Vorfeld klar, dass es aus privaten Gründen immer wieder etwas stressiger werden wird. Da haben wir uns geplante Pausen gegönnt und das Buch auf Eis gelegt. Trotzdem sind viele Abende und Wochenenden draufgegangen. Meistens hat es Spaß gemacht, es war mal was anderes als die eigene Arbeit.
ONETZ: Zum Schluss - Hand aufs Herz: Was ist Ihre Macke?
Kristina Fisser: Ich habe viele Macken. Ein Beispiel: Ich spiele gerne Tennis und bin gar nicht schlecht. Aber ich bin kein Wettkampftyp. Ich kann nicht in einer Mannschaft spielen. Wenn irgendwas schiefläuft, könnte ich ausrasten. Da nützt alles psychologische Wissen nichts, da fliegt schon mal ein Schläger in die Ecke. Ich weiß, dass ich das anders lösen sollte, aber ich kann es nicht. Ich finde das aber ok.
Zur Person
Kristina Fisser hat an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Psychologie studiert und 2011 ihr Diplom erhalten. Im Anschluss hat die Wahl-Regensburgerin eine Psychotherapie-Ausbildung gemacht. Ihre Zulassung zur Psychotherapeutin hat sie 2017 bekommen. Seit Januar ist die 31-Jährige, die aus Irchenrieth stammt, in Regensburg in einer Gemeinschaftspraxis für Verhaltenstherapie niedergelassen. Sie ist spezialisiert auf die Behandlung von Erwachsenen in Einzelgesprächen oder Gruppen. Sie leitet unter anderem eine Gruppentherapie zum Thema „Emotionale Kompetenzen“. Dabei behandelt Fisser Patienten mit Diagnosen wie Essstörungen, Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen. (tsa)













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