13.08.2020 - 12:13 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

In Kastl Kräuterbuschen um Rose statt Königskerze

Kräuterbuschen werden bereits seit dem Mittelalter gebunden und an Mariä Himmelfahrt geweiht. Die Tradition wird in den katholischen Gegenden wie in der Pfarrei Kastl hochgehalten. Doch es gibt Unterschiede.

Über 100 Sträuße werden alljährlich beim Katholischen Frauenbund in Kastl gebunden. In der Mitte deutlich zu sehen: die für die Gemeinde typische rote Rose als Symbol für die Gottesmutter Maria.
von C. & W. RupprechtProfil

Um Kräuter ranken sich Bräuche, Glaube und auch die Mystik. Schon zu Zeiten der Kelten und Germanen wurden mit ihnen Rituale gefeiert und später in die christliche Religion übernommen. Viele Menschen pflegen die Traditionen, jedoch die Hintergründe dazu sind nicht mehr Allen bekannt.

Mit der Kräuterweihe am 15. August erinnert die katholische Kirche an die Grabesöffnung Mariens. Der Legende nach fanden die Apostel dort anstelle des Leichnams Rosen und Lilien, und vor dem Grab wuchsen die Lieblingskräuter der Gottesmutter.

Seit dem 9. Jahrhundert

Die heutige Tradition wird seit dem 9. Jahrhundert gepflegt. Im Jahre 813 wurde im heutigen Deutschland das Fest Maria Himmelfahrt eingeführt. In der mittelalterlichen Medizin waren die Marienkräuter hochgeschätzt. Man sagte ihnen besonders heilende Inhaltsstoffe nach. Mit den geweihten Kräuterbüscheln hatten die Menschen früher eine wertvolle Naturapotheke für sich und ihre Nutz- und Haustiere zur Hand.

Den Kräutern wurden aber auch magische Schutzkräfte zugesprochen. So sollten sie bei Gewitter schützen sowie Hexen und Geister abwehren. Wichtigste Kräuter waren dabei die Königskerze und das Johanniskraut.

Noch heute wird deshalb in den meisten Gegenden die Königskerze in die Mitte des Kräuterstraußes gebunden. In Kastl befindet sich eine rote Rose in der Mitte der Kräuter. Sie ist ein Sinnbild für die Gottesmutter Maria. Seltener wird die Lilie in die Mitte gelegt. Sie erinnert an Jesu irdischen Vater Josef.

Nie alle Triebe pflücken

Schon Kinder werden an die Kräuter herangeführt. Jede Gegend und jede Familie legt auf andere Pflanzen wert. Wichtig ist, dass sie mit der nötigen Dankbarkeit und auch mit Rücksicht geerntet werden. So werden von einer Pflanze nicht alle Triebe gepflückt, damit sie auch im nächsten Jahr noch an ihrem Ursprungsort wächst. Auch sollen die Wurzelballen nicht beschädigt werden, denn sie sind Gaben Gottes.

Traditionell werden für den Kräuterbuschen oder Kräuterboschen, wie er im Allgäu genannt wird, Königskerze, Pfefferminze, Majoran, Melisse, die Rose, Hagebutten, Rosmarin, Bohnenkraut, Brennnessel, Malve, Johanniskraut, Schafgarbe, Ringelblume, Sonnenblume, Thymian, Arnika, Hirtentäschel, Augentrost, Baldrian, Ysop, Lavendel, Salbei, Liebstöckel (Maggikraut), Spitzwegerich, Beifuß, Wegwarte, Wilde Möhre und mehr verwendet.

Beifuß in der Eifel

In Franken kommen noch Rainfarn, Quendel, Dost, Klette (Labkraut), Wermut, Oregano, Baldrian, Kamille, Odermenning, Alant, Wiesenknopf, Frauenmantel, Heilziest, Pastinaken, Leinkraut, Wund- und Buschklee und Eisenkraut dazu. In Kastl werden als farbige Lichtpunkte noch Dahlien, Phlox und andere Sommerblüher eingebracht. Im Bereich Speinshart legt man auf viele Kräuter im Buschen wert, auch Ringelblumen und Lavendel sowie Getreide herrschen dort im Strauß vor.

Mehr zum Kräuterbuschen-Brauch finden Sie hier

Waldsassen

In Seugast gibt es darin keinen "Mittelpunkt". Jeder nimmt Kräuter und Blumen aus seinem Garten. Auch Gräser werden mit dem Getreide ein gebunden. "Mein Vater verteilte den Kräuterbuschen an Weihnachten an das Vieh auf dem Hof, damit es gesund bleibt", erzählt Adelheid Rupprecht.

In manchen ländlichen Gegenden Deutschlands darf der Beifuß nicht fehlen. So zum Beispiel in der Eifel und an der Untermosel. Dort ist der Kräuterstrauß auch nach der alten Bezeichnung für den Beifuß benannt. Als Wischkraut bezeichnet, heißt auch der Kräuterbuschen dort "Wisch". Mit Gräsern vermischt und mit Pech bestrichen, wurden die Wische im Kuhstall gehen Koliken angewandt.

Rund oder länglich

Die Erscheinungsform der Sträuße ist von Gegend zu Gegend unterschiedlich. In Kastl werden überwiegend runde Sträuße gebunden. In anderen Gemeinden sind die Kräuter eher zu einem länglichen Buschen zusammengefügt. In manchen Regionen werden die Stiele fest mit Garn umwickelt und mit einem bunten Band geschmückt. Im alpenländischen Raum werden die Kräuterbuschen teils auch an einen langen Stab befestigt und zusätzlich mit bunten Bändern geschmückt.

In Kastl kümmert sich der Katholische Frauenbund um die Sträuße. Ein besonders großer und schöner Strauß wird zu einem langen Zopf gebunden und zu Ehren Mariens am Altar abgelegt.

Für Eheglück und gesunde Tiere

Die Kräuterbuschen werden an Mariä Himmelfahrt im Festgottesdienst geweiht und dann mit nach Hause genommen. Meistens werden sie das ganze Jahr über im sogenannten Herrgottswinkel aufbewahrt. Sie sollen der Familie und den Tieren in Haus und Hof Gesundheit bringen. Unter das Kopfkissen gelegt, sollen die geweihten Kräuter das Eheglück fördern. Den kranken Tieren wurden sie unter das Heu gemischt.

Die Familienmitglieder brauten für ihre kranken Angehörigen einen Tee aus den geweihten Kräutern. Teils werden heute noch mit den Marienkräutern an Weihnachten und Silvester die Ställe ausgeräuchert.

Dem Kräuterkundigen ist bekannt, dass die Pflanzen um die Mittagszeit geerntet werden sollen, denn in der Sonne stehend, entwickeln sich mehr der wertvollen ätherischen Öle. Doch auch die Zeit des "Frauendreißiger", die am 15. August beginnt und an den folgenden 30 Tagen gilt, ist, neben der Zeit um Johanni, die wichtigste Phase im Jahr zum Kräutersammeln. Sie wird vor allem in Bayern und in Tirol bewusst beachtet. Diese Zeit ist auch als Übergang in den Herbst zu verstehen. Einer schönen Legende nach soll in dieser Zeit die Erde von der Gottesmutter gesegnet werden.

Hintergrund:

Anzahl und Bedeutung der Pflanzen

Wofür die einzelnen Kräuter stehen:

  • Die Königskerze ist das Herzstück des Buschens und steht für Kraft, Stärke und Schutz.
  • Die Rose steht für die heilige Maria und gibt ebenfalls Schutz.
  • Kamille und Salbei sollen Wohlstand, Weisheit und Erfolg bringen.
  • Getreide, das auch in Kastl im Strauß stets Bestandteil ist, steht für das tägliche Brot.
  • Johanniskraut, Kamille und Ringelblume versinnbildlichen Glück und Liebe.
  • Schafgarbe, Lavendel und Frauenmantel symbolisieren den Frieden.
  • Rosmarin verhilft zu gutem Schlaf.
  • Arnika schützt vor Feuer und Hagel.
  • Wermut verspricht Kraft, Mut und Schutz.

Sieben Kräuter sollen es mindestens für einen Buschen sein. Die Zahl variiert zwischen sieben und 99. Dabei werden traditionelle Zahlen der katholischen Kirche verwendet, die sich folgendermaßen erklären:

  • 7: Schöpfungstage in der Bibel
  • 9 (3 mal 3): steht für die Heilige Dreifaltigkeit.
  • 14: Zahl der Nothelfer.
  • 12: Anzahl der Apostel.
  • 24: leitet sich aus den 12 Stämmen Israels aus dem Alten Testament und den 12 Aposteln Christi aus dem Neuen Testament ab.
  • 72 (6 mal 12): erinnert an die Zahl der Jünger Jesu.
  • 99 (33 mal 3): symbolisiert die Dreifaltigkeit.
Rainfarn erfreut sich wieder großer Beliebtheit. Die gelben Blüten locken nicht nur die Insekten an, sondern erfreut auch den Menschen. Man sagt ihm Heilkräfte nach. Rainfarn wurde früher gegen Würmer und Verdauungsbeschwerden eingesetzt. Wegen der Vergiftungsgefahr wird er heute nicht mehr zu Heilzwecken eingesetzt.
Dost ist eine eher unbekannte Pflanze. Sie kann mehrere Meter hoch werden. Die lila Blütendolde zeigt schon die Verwandtschaft mit den Oreganogewächsen an.

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