Kastl bei Kemnath
05.01.2026 - 15:36 Uhr

Im Kastler Schützenheim erzählt der Bürgermeister seine Kachelofengeschichten

Kastls Bürgermeister Hans Walter lädt zu den Kachelofengeschichten im Schützenhaus ein. Es wird ein Abend der schönen und schaurigen Geschichten mit ein wenig Grusel und viel Humor. Und Musik gibt es auch noch.

Reger Besuch herrschte bei den Kachelofengeschichten mit Bürgermeister Hans Walter (am Kachelofen) und den Couch Acoustics im Kastler Schützenheim. Bild: Antonina Musiienko
Reger Besuch herrschte bei den Kachelofengeschichten mit Bürgermeister Hans Walter (am Kachelofen) und den Couch Acoustics im Kastler Schützenheim.

Schauplatz war die gemütliche Wirtsstube im Schützenhaus Kastl, wo der prasselnde Kachelofen von Beginn an für eine warme, fast familiäre Atmosphäre sorgte und den idealen Rahmen für Geschichten aus vergangenen Zeiten bot. Mehr als 60 Gäste waren gekommen, um gemeinsam zu lachen, zu schmunzeln und in Erinnerungen einzutauchen. Vor dem Kachelofen las Hans Walter Geschichten aus dem dörflichen Leben vergangener Jahrzehnte – aus Kastl, dem Steinwald und dem nördlichen Oberpfälzer Umland.

Vertraute Orte und Typen

Viele Zuhörerinnen und Zuhörer erkannten dabei vertraute Orte, Typen und Situationen wieder oder konnten sich die geschilderten Szenen lebhaft vorstellen. Musikalisch und atmosphärisch begleitet wurde der Abend von der Band „The Couch Acoustics“, bestehend aus Thomas Kneidl aus Kastl und Frank Unterburger aus Fichtelberg. Gemeinsam mit Hans Walter standen sie damit bereits zum sechsten Mal als eingespieltes Trio auf der Bühne.

Inhaltlich spannte Hans Walter einen weiten Bogen durch Geschichte, Glauben, Aberglauben und das alltägliche Dorfleben. So führte er sein Publikum in die geheimnisvolle Zeit der Rauhnächte. Zwischen tief verwurzeltem katholischem Glauben und bäuerlichem Aberglauben erzählte er von Großeltern, die selbstverständlich ein Schlachtmesser unter dem Kopfkissen bereithielten, während Haus, Stall und Stodl gewissenhaft ausgeräuchert wurden. Eine augenzwinkernde Erinnerung an eine Zeit, in der man an Gott glaubte, die Drud fürchtete – und vor allem eines vermeiden wollte: dass zwischen den Jahren der Stodl in Flammen aufgeht.

Der Kampf gegen den Minirock

Deutlich ausgelassener ging es bei „Dreikönig, der Heilige Geist und a sakrischer Rausch“ zu. Die Geschichte über das Sternsingen in Kastl erzählte von sorgfältig geschriebenem C + M + B, legendären Spenden, langen Wegen durch Schnee und klammen Fingern – und von jugendlichem Übermut, der schließlich in einem nicht ganz nüchternen Dreikönigsabenteuer gipfelte. Einen besonderen Höhepunkt bildete „Sitzt hier die Hölle?!“, in der Hans Walter mit viel Zeitkolorit den gesellschaftlichen Umbruch der 1970er-Jahre schilderte. Der erbitterte Kampf eines eifernden Paters gegen Minirock, Tanzlust und neue Freiheiten führte Kastl einst sogar unfreiwillig in die bundesweit bekannten St.-Pauli-Nachrichten.

Mystischer wurde es mit der Erzählung über die untergegangene Stadt Mirga am Barbaraberg. Nachdenklicher, aber nicht minder unterhaltsam, war die Geschichte über die Rauhnächte, in der alter Glaube und Aberglaube mit einer Begebenheit aus einem Bauernhaus im Steinwald verbunden wurden. Der vermeintliche nächtliche Spuk entpuppte sich schließlich als ausgebrochener Ochs in der guten Stube – sehr zur Erheiterung des Publikums.

Gelebte Dorfkultur

Mit „Kreide, Gewehr und Menschenkenntnis“ zeichnete Hans Walter das Porträt des Kastler Lehrers März, der Nachkriegszeit, Jagdleidenschaft und Dorfalltag auf besondere Weise miteinander verband. Besonders die pädagogische Raffinesse, mit der der Lehrer Wilderei und Liebespaare „aufklärte“, sorgte für zahlreiche Lacher und anerkennendes Kopfnicken. Derb, direkt und unvergesslich war „Der Odlmanscher“, die Geschichte eines harmlosen Lausbubenstreichs, der in einer unfreiwilligen Odl-Taufe endete und dem Betroffenen einen lebenslangen Spitznamen einbrachte. Spätestens hier bebte die Wirtsstube vor Gelächter.

Den Abschluss bildete „Wie ma in Kastl a heilige Sach g’richtet houd“, eine Erzählung voller Dialekt, Witz und bayerischer Lebensart, in der ein handfester Konflikt zwischen Pfarrer, Vater und Bürgermeister auf ebenso ungewöhnliche wie wirkungsvolle Weise gelöst wurde – mit gesundem Menschenverstand und einer wohlplatzierten Watschn. Am Ende des Abends war eines deutlich spürbar: Die „Kachelofengeschichten“ sind weit mehr als nur eine Winterausgabe der Lagerfeuergeschichten. Sie sind gelebte Dorfkultur, gemeinsames Erinnern, Lachen und Nachdenken – getragen von Geschichten, Musik und einem warmen Kachelofen.

Viele Gäste blieben noch lange sitzen, tauschten eigene Erinnerungen aus und waren sich einig: Diese Form der Wintergeschichten hat großes Potenzial. Eine Fortsetzung am Kachelofen wäre mehr als willkommen.

 
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