20.12.2018 - 13:27 Uhr
Oberpfalz

Keine Krippe ohne Hirten

Nicht den Gelehrten, den Reichen und Mächtigen, nicht den Würdenträgern, Generälen oder Diplomaten wird die Nachricht von der Geburt des Heilands als erstes verkündet, sondern Hirten: denen am Rande der Gesellschaft, den einfachen Menschen.

In der Krippe der Dominikaner-Kirche in Prag ziehen die Hirten voll Neugierde zum Stall in Bethlehem. Bild: Rainer Christoph
von Rainer ChristophProfil

"Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr." (Lukas, Kapitel 2, Vers 8, 9) Die Figur der Hirten ist eng mit der biblischen Weihnachtsgeschichte verbunden. Die Engel bringen ihnen zuerst die Botschaft von der Geburt des Heilands.

Für damalige Verhältnisse nahezu ein Affront. Hirten wurden zur Zeit Jesu von den herrschenden Kreisen gering geschätzt und sozial benachteiligt. Der Erlöser erscheint den Verachteten und wird in ihren Reihen gehuldigt - das ist theologische Kernbotschaft der Hirtenerzählung. Seit dem Spätmittelalter haben Nebenfiguren wie die Hirten ihren festen Platz in volkstümlichen Krippendarstellungen. Auch in der Musik sind sie unverzichtbar geworden - etwa im "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach oder der "Historia der Geburt Christi" von Heinrich Schütz und der auch bei uns beliebten "Böhmischen Hirtenmesse" von Jan Jakub Ryba.

Sternennacht

Die Bibel berichtet: "Nun aber begab es sich vor mehr als 2000 Jahren, dass Kaiser Augustus wissen wollte, wie viele Menschen sein Reich bevölkerten. So mussten auch Maria, die kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes stand, und ihr Ehemann Josef in dessen Heimatstadt gehen, um sich zählen zu lassen. Weil für sie kein Platz in der Herberge war, gebar Maria ihren Sohn in einem Stall, wickelte das Kind in Windeln und legte es in eine Krippe." Es ist eine kalte Nacht. Der Himmel ist klar, sternenübersät. Auf einem Feld nahe Bethlehem haben Hirten mit ihren Schafen und Ziegen das Lager aufgeschlagen. Ein Feuer brennt. Die Männer wärmen sich daran und erzählen, was sie am Tag erlebt haben, wie sie als Nicht-Sesshafte von den Dorfbewohnern behandelt wurden. Von denen, die selbst einst ein Nomadenleben führten, bevor sie Häuser bauten, Landwirtschaft betrieben, manchmal sogar zu Macht und Reichtum kamen.

Die Männer sind in dieser Nacht erschöpft vom langen Umherziehen auf der Suche nach Futter und Wasser für ihre Tiere in einer Gegend, in der es nicht viel Wasser gibt. Plötzlich durchzuckt ein grelles Licht die Nacht, reißt die Hirten aus ihren Gesprächen, und ein fremdes Wesen - es soll ein Engel gewesen sein - steht vor ihnen. Die Hirten kauern sich ängstlich zusammen. Eigentlich kann sie so schnell nichts erschüttern. Sie kennen sich aus mit Tag und Nacht und mit ungewöhnlichen Erscheinungen in der Natur. Doch Gäste sind sie nicht gewohnt. Kaum jemand verirrt sich zu ihnen.

Der Engel hat die Ängste der Hirten erkannt. "Fürchtet euch nicht!", sagt er. Und er hat eine Botschaft speziell für diese Männer: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."

Friede auf Erden

Nicht den Gelehrten, den Reichen und Mächtigen, nicht Würdenträgern, Generälen oder Diplomaten wird diese Nachricht als erstes verkündet, sondern Hirten: denen am Rande der Gesellschaft, den einfachen Menschen. Dann kommen weitere Engel dazu, "die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens." So plötzlich, wie sie gekommen sind, verschwinden sie wieder. Und die Hirten, obwohl noch unter Schock, wollen der Sache auf den Grund gehen.

"Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott und alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war." (Lukas 2, 1-20)

Volksglauben

Krippenspiele und Weihnachtsspiele, wurden früh mit szenischen Darstellungen des Weihnachtsevangeliums in der Kirche oder in Klöstern praktiziert. Besonders schön sind die bayerischen und österreichischen Krippenspiele für die Kinder. Wie die Hirten Hüter ihrer Schafe sind, ist Jesus der prophezeite Messias, der Hüter aller Menschen. Ende Dezember befinden sich eigentlich keine Hirten mit ihren Herden auf den Weidegründen. Obwohl es sich hierbei um einen logischen Bruch in der biblischen Weihnachtserzählung handelt, sind die Hirten mit ihren Schafen wichtige Figuren in den Krippendarstellungen und im Volksglauben geblieben.

Eines der ältesten Weihnachtsspiele ist das "Ischler Hirtenspiel" in Österreich. Die erste dokumentierte Niederschrift stammt aus dem Jahr 1654, es geht in seinem Ursprung bis ins 11. Jahrhundert zurück. Heute wird es alle vier Jahre in der Stadtpfarrkirche Bad Ischl aufgeführt. In der oberfränkischen Stadt Hof hat das Weihnachtsspiel eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht. Den musikalischen Part übernahm dabei der Kantor mit dem Schülerchor der Pfarrschule von St. Lorenz. Nach der Reformation lebte das Brauchtum über die Hofer Lateinschule in der Michaeliskirche weiter. Heute wird die Tradition mit einer Weihnachtsspiel-Kinderkantate in der Stadtkirche Sankt Marien fortgesetzt.

"Kommet, ihr Hirten" - dieses Weihnachtslied kannte einst jedes Kind. Kaum jemand weiß, dass es aus Böhmen stammt und der Originaltitel "Nesem vám noviny" lautet. Bei den seit elf Jahren stattfinden Weihnachtskonzerten der Partnerschulen Altenstadt/Neustadt/Kladruby/Stribro hat es einen festen Bestand im Programm. 1847 wurde die Melodie im Katolicky kancionál in Olmütz erstmals gedruckt. Es existiert auch eine handschriftliche Überlieferung, die aber kein genaues Datum trägt und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuzuordnen ist.

Beliebte Lieder

Der deutsche Text wurde vor 1868 von Carl Riedel, dem Leibziger Kapellmeister, frei nach dem Original verfasst. Diese Fassung wurde erstmals 1870 in seiner Sammlung "Altböhmische Gesänge für gemischten Chor" veröffentlicht. Das Lied steht ganz in der Tradition der Hirtenlieder, die die Verkündigung der Geburt Jesu durch die Engel an die Hirten und deren Gang zum Stall von Bethlehem beschreibt. Das Lied ist bis heute beliebt und in den christlichen Gesangbüchern beider Konfessionen zu finden. Im englischsprachigen Raum ist das Lied mit dem Text "Come, All Ye Shepherds" bekannt. Viele kennen das alpenländische Weihnachtslied aus dem 18. Jahrhundert "Auf auf, ihr Hirten". Es wird gern von Kinder-und Erwachsenenchören gesungen. Die  Autoren sind unbekannt.

Überhaupt ist die Weihnachtsfreude der Hirten in der regionalen Volksmusik Bayerns und Österreichs stark eingebunden. So singen die "Kronicher Maadla""Ihr Hirten guckt nauf". Hirtenweisen wie "Ihr Hirten lauft nach Bethlehem" sind beliebt. Auch die weihnachtliche Pastorellen für Bläser von Valentin Rathgeber widmen sich vom Inhalt her den Hirten mit der Abfolge: Aria Pastorella I Hirtenruf in der Nacht von Bethlehem, Das freudige Herbeieilen der Hirten, II, Hirtenmusik an der Krippe, Aria Pastorella III Freudentanz der Hirten, Aria Pastorella IV ( Fränkische Volksmusik im Bezirk Unterfranken).

Die Böhmische Weihnachtsmesse (tschechisch "Ceská mse vánocní", lateinisch "Missa pastoralis bohemica") ist das bekannteste Werk des böhmischen Lehrers und Komponisten Jakub Jan Ryba. Erstmals aufgeführt wurde sie 1896 in der Kirche von Rozmital bei Pilsen. Sie ist auch unter dem Anfangsvers "Hej mistre" ("He, Meister") und im Volksmund als "Rybovka" bekannt. (cr)

Friedenslicht:

Seit 1986 wird am Heiligabend in den Kirchen das Friedenslicht verteilt. Seit 1994 auch an „alle Menschen guten Willens“ in Deutschland.

Es ist eine Aktion der Ringe deutscher Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände (RDP/RdP) und der Altpfadfinder (VDAPG). Wie die Hirten dieses Licht und die frohe Botschaft von Bethlehem weitergetragen haben, so sollten es auch die Gottesdienstbesucher in dieser Nacht in ihren Herzen und in den mitgebrachten Laternen mit nach Hause nehmen. (cr)

Der Engel verkündet die frohe Botschaft in der Krippe der Pfarrkirche St. Georg in Neustadt/WN.
Die Hirten und die drei Könige in der Kippe der Franziskaner-Klosterkirche in Pilsen.
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