05.12.2019 - 17:26 Uhr
KemnathOberpfalz

In Altenheimen kaum Zeit zum Trauern

Zur Trauer kam bei Norbert Brandner noch Wut und Enttäuschung. Keine zwölf Stunden nach dem Tod seiner Mutter, die in einem Pflegeheim im Landkreis Tirschenreuth gelebt hat, erhielt er einen Anruf, der ihn fassungslos machte.

Pflegeplätze für Senioren sind rar. Jedes freie Zimmer in den Heimen wird gebraucht. Daher sollte Norbert Brandner nur wenige Stunden nach dem Tod seiner Mutter deren Zimmer räumen.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

18 Jahre war Norbert Brandners Mutter in dem Pflegeheim aufgrund einer psychischen Erkrankung untergebracht. Daher hatte er nicht mit dem Anruf beziehungsweise dessen Grund am frühen Morgen nach deren Tod gerechnet. Hatte ihn am Abend darüber noch das Pflegepersonal informiert, so meldete sich diesmal das Sekretariat der Heimleitung.

"Wir sollten sofort das Zimmer räumen", so wie es im Vertrag vereinbart worden sei, erinnert sich Brandner noch gut an das Gespräch. Rund 600 000 Euro seien in all den Jahren ans Heim geflossen, hat er grob überschlagen. Aber nicht nur deshalb findet er, dass die Leitung mit ihrem Vorgehen "Pietät, Anstand und Würde" habe vermissen lassen. Da fehlte ihm "ein gewisses Fingerspitzengefühl" im Umgang mit den Hinterbliebenen. Ein solches Verhalten habe er "eigentlich eher von einem privaten Anbieter erwartet".

"Lautstark kundgetan" hat er dann seine Meinung im Sekretariat. Die Heimleitung habe ihn dabei erneut aufgefordert, das Zimmer zu räumen und das Haus zu verlassen. "Das ist hammermäßig, das habe ich noch nie gehört", ist der Arzberger immer noch aufgebracht. "Es gibt doch Angehörige, die auswärts wohnen. Wie sollen sie das in dieser kurzen Zeit regeln können?"

Situation emotional aufgeladen

So wie Brandner den Vorfall schildert, "ist das überhaupt nicht unsere Art und Weise", betont BRK-Kreisgeschäftsführer Holger Schedl, der mit für das Pflegeheim zuständig ist. Es sei im Büro eine "extrem emotional aufgeladene Situation" gewesen. Der Sohn habe die Verwaltungskraft lautstark angegangen. "Daher sollte er gehen und wiederkommen, wenn er sich beruhigt hat", gibt Schedl die Worte der Heimleitung wieder. Er bedauere, wenn dies Brandner "in den falschen Hals bekommen hat".

Es sei so geregelt, dass die Zimmer bis zum Tode des Bewohners vermietet sind. Dann entfalle die vertragliche Bindung. Für eine längere Nutzung müssten dann die Angehörigen aufkommen. Dies könne so vereinbart werden, erklärt Schedl. Verstorbene blieben sonst in ihrem Zimmer, bis ein Arzt den Tod festgestellt habe. Dann kämen sie in einen Aufbahrungsraum, in dem die Angehörigen Abschied nehmen könnten.

Der Kreisgeschäftsführer räumt ein, dass angesichts des allgemeinen Mangels an Pflegeplätzen die Zimmer möglichst rasch vergeben werden sollten. Man wolle ja auch diesen Menschen möglichst schnell helfen. Er ergänzt, dass auch mehrere Mitarbeiter des Hauses zur Aussegnung von Brandners Mutter nach Selb gefahren seien.

Für den ist unbegreiflich ist, weshalb sie überhaupt gestorben ist. Vier Wochen vorher sei die Mutter noch ohne Gehilfe gelaufen. "Alles, bis aufs Waschen, hat sie selbst gemacht." Doch dann habe sie begonnen, stark zu zittern. Sie habe sich kaum noch bewegen können, erinnert sich Brandner. Ihm Nachhinein habe er erfahren, dass die Urlaubsvertretung ihres Hausarztes die Medikamente, die sie wegen ihrer psychischen Erkrankung 18 Jahre lang eingenommen hatte, abgesetzt habe. Weder Arzt noch Pflegepersonal habe ihn darüber informiert. Allerdings habe eine Heimmitarbeiterin gut reagiert. Diese habe erkannt, dass seine Mutter wegen der Absetzung des Psychopharmaka an Entzugserscheinungen gelitten habe. Zwei Tage später seien die Medikamente wieder verordnet worden.

Kurz nach Arztbesuch gestorben

Dennoch folgte ein Krankenhausaufenthalt mit Intensivstation, wegen einer Lungenentzündung und Blutvergiftung. Nach zwei Wochen sei sie "als geheilt" entlassen worden, obwohl Blutwerte und Allgemeinzustand nicht gut gewesen seien. Die folgenden Tage sei sie dann im Heim beobachtet worden. Noch am Abend ihres Todes sei ein Arzt bei ihr gewesen, der die Frau auf dem Weg der Besserung gesehen habe. Kurz darauf sei sie dennoch gestorben.

Weshalb Brandner nicht über die geänderte Medikamentengabe informiert wurde, kann Schedl nicht pauschal sagen. So sei unter anderem nicht jede Änderung meldepflichtig. Auch komme es darauf an, wer als Betreuer eingesetzt sei.

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