22.02.2021 - 18:04 Uhr
KemnathOberpfalz

Dialysezentrum Kemnath fühlt sich von Landkreis-Behörden im Stich gelassen

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Das Posting der Verantwortlichen auf Facebook ist dramatisch: „Die Ärzte und das Pflegeteam im Dialysezentrum Kemnath sind hilflos.“ Covid-19 mache ihnen zu schaffen und Hilfe von den Landkreis-Behörden sei nicht in Sicht.

Am Dialysezentrum Kemnath werden täglich etwa 50 Dialysepatienten behandelt.
von Holger Stiegler (STG)Profil

"Keine Impfungen für Hochrisikopatienten." So hat das Dialysezentrum Kemnath eine Pressemitteilung und einen Beitrag auf Facebook überschrieben. Bis Montagmittag wurde das Statement des Dialysezentrums über 300 Mal auf Facebook geteilt, eine Entwicklung, die Dr. Andreas Reihl freut. Er ist einer der verantwortlichen Ärzte, die das Dialysezentrum Kemnath betreiben.

Im Gespräch mit Oberpfalz Medien beschreibt er die Situation in der Dialysestation: So werden täglich etwa 50 Dialysepatienten behandelt, von denen bereits 22 mit Covid-19 infiziert wurden. „Zwei von ihnen sind sogar an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben und drei Patienten schweben noch in Lebensgefahr“, erläutert Reihl, dem auch an der Stimme anzuhören ist, dass ihn das Thema umtreibt. Auch viele Angehörige seien bei der Pflege infiziert worden, genauso Teile des Pflegepersonals, sodass es zu großen Personalengpässen komme.

Keine Quarantäne möglich

Reihl macht auf einen wichtigen Sachverhalt aufmerksam: „Die mit Covid-19 infizierten Dialysepatientinnen und -patienten können nicht in häuslicher Quarantäne bleiben. Sie sind auf die lebenserhaltende Dialysebehandlung angewiesen!“ Dies bedeute, dass sie in der Regel dreimal pro Woche mit dem Taxi in das Dialysezentrum Kemnath fahren und dort für rund vier Stunden ihre lebensnotwendige Dialysebehandlung bekommen.

„Eine Impfung unserer Patienten würde die Lage deutlich entspannen“, so Reihl. Das Problem dabei: Laut Impfverordnung gehören sie nicht zu den Personen der höchsten Priorität. „Die Wahrheit ist aber, dass Nierenpatienten zu den Hochrisikopatienten gehören und bei der Priorisierung schlichtweg vergessen wurden“, moniert der Facharzt. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine medizinische Studie aus Kanada, die belege, dass Dialysepatienten eine vierfach höhere Sterblichkeitsrate haben.

In anderen Kreisen kein Problem

Mehrfach haben er und seine Kollegen beim Landratsamt Tirschenreuth, dem Gesundheitsamt und dem zuständigen Impfarzt versucht, die Impfung ihrer Patienten zu erreichen – telefonisch und schriftlich. Fürsprecher in dieser Angelegenheit habe man auch im Kemnather Bürgermeister Roman Schäffler und beim niedergelassenen Kemnather Arzt Dr. Peter Deinlein. „Aber vom Landratsamt wird abgeblockt und vieles schlichtweg ignoriert“, bedauert Reihl. Nachdem er sich das jetzt eine geraume Zeit angeschaut habe, sei ihm nur noch der Weg an die Öffentlichkeit geblieben.

Doppelt bitter sei die Situation, so Reihl, weil in anderen Landkreisen und Städten die Impfung eben kein Problem sei und man sich dort nicht hinter der Ständige Impfkommission (Stiko) verstecke. „Für unsere eigenen Dialysezentren in Pegnitz und Bayreuth sind wir auf große Zustimmung und Unterstützung gestoßen“, so Reihl. Auch in Bamberg, Regensburg und Dingolfing seien die Impfungen in Dialysezentren bereits erfolgreich durchgeführt worden.

„Vom Landratsamt wird abgeblockt und vieles schlichtweg ignoriert.“

Dr. Andreas Reihl

Dr. Andreas Reihl

„Wenn man es will, dann geht es auch“, betont Reihl. Letztlich gehe es auch nur um etwa 30 Personen, für die das Kemnather Dialysezentrum eine Impfmöglichkeit dringend erforderlich achte. Man sei personell an der Belastungsgrenze und wisse nicht, wie es weitergehen soll, falls sich noch mehr Pflegepersonal infiziere und in Quarantäne müsse. „Besonders vor dem Hintergrund der extremen Infektionszahlen im Landkreis Tirschenreuth sollte die Impfstrategie sich nach den Hotspots richten“, fordert Reihl.

Oberpfalz-Medien hat beim Landratsamt Tirschenreuth nachgehakt, Pressesprecher Wolfgang Fenzl hat auf die Fragen schriftlich geantwortet.

Wie wird die Corona-Situation im Kemnather Dialysezentrum behördlicherseits eingeschätzt?

"Aktuell gibt es im Kemnather Dialysezentrum bzgl. Corona keine Auffälligkeiten."

Warum ist eine Impfung der gesamten Kemnather Dialyse-Patienten nicht möglich? Warum hat man am Kemnather „Impftag“ am Montag, 22. Februar, die etwa 30 Dialyse-Patienten, die in Frage kommen, nicht einbeziehen können?

"Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass nur ein Teil der Kemnather Dialysepatienten im Landkreis wohnt. Grundsätzlich muss sich jeder beim Impfzentrum seines Wohnsitzes zum Impfen anmelden und nicht dort, wo er behandelt wird. Es wurden alle Patienten, die uns von der Dialyse in Kemnath gemeldet worden sind, im Programm registriert. Ihnen wird ein Angebot zur Impfung gemacht werden.

Unser Problem ist nach wie vor, dass wir nicht so viel Impfstoff geliefert bekommen, wie wir benötigen würden. Konkret kann aktuell nicht einmal die Gruppe mit höchster Priorität vollständig durchgeimpft werden. Die Impfungen vor Ort sind derzeit grundsätzlich nur für die Personen über 80 Jahre gedacht, denen einen Fahrt zum Impfzentrum in Waldsassen nicht zumutbar ist. Eventuell trifft dieses Kriterium auf die einzelnen Dialysepatienten nicht zu. Nähere personenbezogene Auskünfte können wir dazu leider nicht machen."

Warum konnte eine Impfung der Dialyse-Patienten unter anderem an den weiteren Standorten Bayreuth und Pegnitz realisiert werden? Gelten dort andere Priorisierungsvorgaben?

"Uns ist nicht bekannt, ob in Bayreuth und Pegnitz Dialysepatienten vorgezogen worden sind, und falls dies erfolgt ist, aufgrund welcher Überlegungen das geschehen ist. Insofern können wir uns hierzu nicht äußern. Die Priorisierung der zu impfenden Personen wird in der für die Verwaltung bindenden Coronavirus-Impfverordnung geregelt. Dabei handelt es sich um eine Verordnung des Bundes, die für alle Corona-Impfungen in Deutschland gilt. Dialysepatienten sind danach „nur“ mit hoher Priorität eingestuft, nicht mit höchster Priorität.

Vorgabe ist aber auch, dass die von der Impfverordnung vorgegebene Reihenfolge grundsätzlich eingehalten wird. Es ist nach der Impfverordnung auch nur vorgesehen, dass innerhalb einer Gruppe einzelne Personen in der Priorität nach vorne gezogen werden, aber nicht dass Personen von einer nachrangigen Gruppe in eine vorrangige Gruppe geholt werden. Ein Überspringen der Gruppengrenzen ist nur in Einzelfällen denkbar, wenn dies für eine effiziente Organisation der Schutzimpfungen, insbesondere bei einem Wechsel von einer Gruppe zur nächsten, und zur kurzfristigen Vermeidung des Verwurfs von Impfstoffen notwendig ist.

Pauschal eine ganze Gruppe vorzuziehen – auch wenn es sich dabei um eine überschaubare Anzahl von Personen handelt – sieht die Impfverordnung nicht vor. Darüber hinaus muss man auch folgendes bedenken: Würden wir in der gegebenen Situation mit zu wenig Impfstoff pauschal Dialysepatienten aus der zweithöchsten Priorisierung vorziehen, dann müssten wir andere Personen aus der höchsten Priorisierung nach hinten schieben und ihnen trotz der vorrangigen Priorisierung die Impfung vorenthalten."

Mit Covid-19 infizierte Dialysepatienten können aus nachvollziehbaren Gründen nicht in häuslicher Quarantäne verbleiben. Welche Maßnahmen müssen/können getroffen werden, um die Gefahr weiterer Infektionen auszuschließen?

"Covid-19-infizierte Dialysepatienten werden getrennt von den anderen Dialysepatienten in einer Einzelisolation behandelt. Zur Dialyse gelangen sie mit einem speziellen „Corona-Taxi“. Dadurch können auch Coronavirus-Übertragungen während der Fahrt vermieden werden. Zu Hause müssen die Covid-19-infizierte Dialysepatienten die Quarantäne einhalten. Das Dialysezentrum Kemnath hat im Rahmen des Qualitätsmanagements einen Pandemieplan entwickelt, um Coronavirus-Übertragungen während der Dialyse weitgehend auszuschließen."

Gibt es Tendenzen, dass die Impf-Priorisierungsvorgaben für Corona-Hotspots wie beispielsweise den Landkreis Tirschenreuth in naher Zukunft überarbeitet werden?

"Dazu können wir nichts sagen. Die Änderung der Empfehlungen der Stiko und der Coronavirus-Impfverordnung liegen nicht in unserer Kompetenz. Das ist Sache der Stiko bzw. des Bundesgesundheitsministeriums."

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