31.10.2020 - 21:44 Uhr
KemnathOberpfalz

Drei Oberpfälzer, die in den USA Karriere machten

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Viele Menschen verließen im 19. Jahrhundert Deutschland - oft weil sie hier keine Perspektive sahen. Einigen Oberpfälzern gelang in den Vereinigten Staaten eine steile Karriere.

Viele Menschen wanderten im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten von Amerika aus, darunter auch Oberpfälzer. Oft kamen sie in New York an.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Hungernöte, religiöse und politische Freiheit, Landknappheit. Es gab viele Gründe, warum Deutsche in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert sind - ins "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Von 1816 bis 1914 verließen 5,5 Millionen Menschen Deutschland Richtung Nordamerika, heißt auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung. In der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis heute sollen es keine zwei Millionen Auswanderer gewesen sein.

Unter den Emigranten des 19. Jahrhunderts waren auch Oberpfälzer. Einigen von ihnen gelang in der neuen Heimat eine Karriere. Wir stellen drei von ihnen vor:

Der Oberpfälzer Bonifaz Wimmer hat in Latrobe, Pennsylvania, die Erzabtei St. Vincent gegründet. Seine Statue steht dort vor der Abteikirche.

Erzabt Bonifaz Wimmer aus Thalmassing

Sebastian Wimmer wurde am 14. Januar 1809 in Thalmassing (Kreis Regensburg) geboren. Er ging in Regensburg zur Schule und begann ein Theologiestudium, wie es in einem Aufsatz von Pater Roman Aigner heißt. 1832 trat Wimmer in das Benediktinerkloster Metten ein und nahm den Ordensnamen Bonifaz an. 1838 traf Wimmer Peter Heinrich Lemke, einen deutschen Priester, der in Amerika als Seelsorger wirkte. Dieser berichtete Wimmer von seinen Erlebnissen. "Nach Tisch nahm mich einer von den Professoren, Pater Bonifaz Wimmer, beiseite und eröffnete mir, dass er schon lange den Trieb in sich verspürt hatte, als Missionär nach Amerika zu gehen", heißt es im Aufsatz weiter. Doch Wimmers Abt lehnte dessen Wunsch zunächst ab. In einem Aufsatz legte er seine Motivation dar: Laut Wimmer werde der Benediktinerorden durch seine Anpassungsfähigkeit Erfolg bei der Gründung neuer Klöster haben. Das Schreiben las auch König Ludwig I. und erwirkte, dass Wimmer nach Amerika reisen durfte. Mit vier Theologiestudenten und 15 Laienbrüdern ist er am 25. Juli 1846 von München aus in die Neue Welt aufgebrochen. Die Gruppe kam am 15. September in New York an.

Das neue Leben in Amerika begann ernüchternd. Lemke war nicht gekommen, um die Deutschen zu begrüßen. "Deutsche Seelsorger, die seit längerem in Amerika Dienst taten ... erklärten das Unternehmen Wimmers für unmöglich", schreibt Pater Aigner. Aber Wimmer wollte nicht gleich aufgeben. Vom Bischof erhielt er den Auftrag, sich um die Pfarrei St. Vincent in Latrobe, 60 Kilometer südöstlich von Pittsburgh (Pennsylvania), zu kümmern. Dort hatte sich eine deutsche Gemeinde gegründet. Ab 1851 durfte der Oberpfälzer St. Vincent zu einer Benediktinerabtei ausbauen - wieder mit Unterstützung von König Ludwig I. Wimmer wurde zum Abt ernannt. Doch damit nicht genug. Er bat Papst Pius IX., weitere Klöster in anderen Diözesen gründen zu dürfen. Wimmer hatte Erfolg: Der Papst schickte die entsprechende Urkunde nach Amerika.

"Der Arbeitseinsatz der Mönche war gewaltig", schreibt Aigner. Wimmer und seine Mitstreiter mussten das Gebäude für den Konvent und die Landwirtschaft bauen. Der Abt war einziger Pfarrer für ein Gebiet so groß wie die Diözese Passau, erläutert Aigner. Später gehörte auch eine Brauerei zum Kloster, es gab "St. Vincent Bier".

Wimmer wollte laut Aigner von Anfang an mehrere Klöster gründen. Geld erhielt er von Freunden aus Bayern, darunter der König. Er gründete die Klöster Collegeville (Minnesota), Atchison (Kansas) und Newark (New Jersey), zudem 152 Pfarreien und viele Schulen. Wimmer schuf die Amerikanisch-Cassinensische Benediktinerkongregation, war deren Präses und außerdem Erzabt.

Der Oberpfälzer wirkte in Nordamerika 41 Jahre als Seelsorger für deutschsprechende Katholiken und Auswanderer aus Böhmen, missionierte Protestanten, setzte sich für Bildung für Schwarze und Indianer in Georgia und Minnesota ein. Er starb am 8. Dezember 1887 in Latrobe.

Die Erbauer der Abteikirche St. Vincent in Latrobe, Pennsylvania. Die Abtei hat der Oberpfälzer Bonifaz Wimmer gegründet, die Kirche wurde 1905 fertiggestellt.

Unbekannter Spender aus Meßnerskreith

In Meßnerskreith (Kreis Schwandorf) gibt es einen Burschenverein, der sich seit 1896 "Philadelphia" nennt: Als Dank für die großzügige Spende eines seiner Mitglieder, im 19. Jahrhundert, ausgewandert nach Nordamerika, soll sich der Verein nach dessen neuer Heimatstadt benannt haben.

Der Burschenverein hat sich 1879 in Rappenbügl, wie Meßnerskreith heute ein Ortsteil von Maxhütte-Haidhof, gegründet. Die jungen Männer nannten sich zunächst "Burschengesellschaft Deutsche Eiche", wie Alexander Wagner in der Chronik zum 130-jährigen Bestehen schreibt. Die Mitglieder seien recht arm gewesen - eine Vereinsfahne konnten sie sich nicht leisten.

Da erhielten die Männer Post aus den Staaten. Neben einer Geldspende soll ein Mann, der in Meßnerskreith aufgewachsen ist, eine grüne, mit Anker bestickte Fahne geschickt haben. "Auch aus den Reihen der Burschengesellschaft ,Deutsche Eiche' ließen sich einige unternehmungslustige Burschen auf die Reise in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein. Die fleißigen und anpassungsfähigen Deutschen waren in den USA willkommene und hochgeschätzte Arbeitskräfte", steht in der Chronik.

Wer genau der edle Spender war, ist heute nicht mehr nachvollziehbar: "Leider sind uns alle schriftlichen Unterlagen des Jubelvereins infolge der turbulenten und schicksalsreichen Jahre bis zur Wiedergründung 1949 abhanden gekommen", schreibt der Chronist. Zwar habe der Verein mehrere Jahre gedacht, es handle sich um Johann Voit. Später habe sich dies als falsch erwiesen. Ein Indiz: "Die Fahne hat es tatsächlich mal gegeben", erklärt Wagner auf Nachfrage.

Ein unbekannter Spender hilft den Meßnerskreithern aus der Patsche? "Das ist durchaus möglich, man erzählt es sich so", sagt Florian Schwemin. Allerdings fehlen Dokumente, die die Geschichte belegen, gibt der stellvertretende Bezirksheimatpfleger zu bedenken. Ob sich der Verein "Philadelphia" genannt hat nach der amerikanischen Stadt, in der der Spender gelebt haben könnte, oder um Brüderlichkeit, für die das griechische Wort steht, zu betonen, lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen, erläutert Schwemin.

Das Sterbebild von Kardinal Aloysius Muench.

Kardinal Aloysius Muench und seine Kemnather Wurzeln

Ein weiterer Geistlicher, der in den Vereinigten Staaten Karriere gemacht hat, ist Aloysius Muench. Strenggenommen ist er kein gebürtiger Oberpfälzer: Muench kam in den Staaten zur Welt. Seine Mutter Therese aber stammte aus Kemnath (Kreis Tirschenreuth). Bekannt ist sie noch heute als Pinzer-Bäck-Resl, weiß Liane Preininger. Letztere stellt die Resl bei der historischen Stadtführung in Kemnath dar und hat sich ausgiebig mit der Geschichte der Familie Muench beschäftigt.

Die Pinzer-Bäck-Resl wurde als jüngstes von sieben Kindern 1868 geboren. Ihre Mutter starb mit nur 38 Jahren. Die Familie war arm, sah im Ort keine Perspektive. Der Vater entschied sich, mit seinen Kindern nach Amerika auszuwandern - Resl war damals acht Jahre alt, heißt es in einem Aufsatz von Hans Kraus in der "Kemnather Heimat-Zeitung" von 1959.

Die Familie kam in Milwaukee an und begann ein neues Leben. Jahre später traf Resl auf Joseph Muench, einen Auswanderer aus St. Katharina im Böhmerwald. 1888 heirateten die beiden, am 18. Februar 1889 wurde Alois geboren. Insgesamt bekam die Familie, die weiterhin in Milwaukee lebte, sechs Kinder. "Ihr Stolz war der älteste Sohn Alois, der sehr begabt war", schreibt Kraus. Alois besuchte ein Priesterseminar und wurde 1913 zum Priester geweiht.

Liane Preininger (rechts) in der Rolle der Pinzer-Bäck-Resl.

"Den Kindern hat die Mutter oft von ihrer Heimat im fernen Deutschland, dem kleinen Städtlein, beim Rauhen Kulm erzählt. Die Liebe zum Deutschtum und zur Heimat hat sie ihren Kindern vererbt", weiß Kraus, dessen Artikel 1959 erschienen ist. Als es nach dem ersten Weltkrieg eine Hilfsaktion katholischer Amerikaner für Deutschland gab, soll Alois Muench einer der "tatkräftigsten Organisatoren" gewesen sein. 1935 wurde er Bischof von Fargo in North-Dakota.

Den Erzählungen nach kam Alois nach dem ersten Weltkrieg nach Kemnath, sagt Preininger. "Er hat seine Wurzeln in Kemnath gesucht", weiß sie. 1939 war er zusammen mit seiner Mutter hier. 1950 besuchte er den Ort erneut und feierte das 500-jährige Bestehen der Stadtpfarrkirche und den Kemnather Katholikentag mit.

1951 wurde Alois Muench apostolischer Nuntius für Deutschland, 1959 Kardinal in Rom. Der Geistliche setzte sich bei den Alliierten für die Deutschen ein, versuchte vor allem ihren Hunger zu lindern. "Meine Mission ist Nächstenliebe", soll Muench gesagt haben. Er fungierte für die US-Regierung als Verbindungsmann zwischen Militärbehörden und katholischer Kirche, war er Leiter der Militärseelsorge in der US-Besatzungszone.

Die Ehrengäste des Kemnather Katholikentages 1950 mit Bischof Aloysius Muench (vorn sitzend: Dritter von rechts).

Als Dank für sein Engagement erhielt er das Großkreuz zum Verdienstorden der Bundesrepublik. Auch in Kemnath schätzte man ihn: "Die Bewohner sind stolz auf ihren neuen Ehrenbürger", schrieb der Bürgermeister 1951 laut Preininger.

Die Spuren des Mannes, der am 15. Februar 1962 starb und auf dem Friedhof Heilig-Kreuz in Fargo begraben ist, finden sich in Kemnath noch heute: Im Städtchen gibt es eine Kardinal-Muench-Straße. Auch seine Mutter wird nicht vergessen: Am Pinzer-Bäck-Haus erinnert eine Tafel an sie - und Preininger, wenn sie in die Rolle der Resl schlüpft.

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