18.01.2021 - 12:23 Uhr
KemnathOberpfalz

Eltern zum digitalen Unterricht: "Wir sind keine Pädagogen"

Von einem fast reibungslosen Schulstart sprach die Politik nach den Weihnachtsferien. Eltern im Landkreis Tirschenreuth bewerten die Situation unterschiedlich. Zwar laufe manches besser als im Frühjahr, Probleme und Sorgen gibt es trotzdem.

Homeschooling fordert nicht nur die Kinder. Auch die Eltern sind gefragt.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Die ersten digitalen Schultage nach den Weihnachtsferien sind geschafft. Kultusministerium und Ministerpräsident Markus Söder sprechen von einem ordentlichen Start. Empfinden das auch die betroffenen Eltern im Landkreis Tirschenreuth so?

Monika und Andreas B. (Namen von der Redaktion geändert) leben mit ihrer 10-jährigen Tochter Miriam und dem 15-jährigen Sohn Jonas im westlichen Landkreis. Vor zwei Jahren wechselte Jonas auf ein Sport-Internat nach Österreich. Dort besucht er eine Handelsschule. "Die Stundenpläne sind mit dem Sporttraining abgestimmt", erklärt Monika. Dadurch dass einige Spiele auch im Ausland stattfinden, war Fernunterricht über das Internet bereits vor der Pandemie nichts ungewöhnliches. "Bei ihm läuft es gut, da mache ich mir keine Sorgen", sagt sie.

Anders als bei ihrer Tochter besteht bei Jonas eine Anwesenheitspflicht. Er muss sich einwählen, bekommt dafür Punkte gutgeschrieben. Alle Hausaufgaben und Übungen müssen, wie in der Schule, zu einem gewissen Zeitpunkt erledigt sein. Ein weiterer Unterschied zu ihrer Tochter: "Es werden Exen digital geschrieben – und es funktioniert", sagt Monika.

Angst vor Wissenslücken

Anspruchsvoller ist das digitale Lernen mit Tochter Miriam. Sie besucht die fünfte Klasse am Gymnasium Eschenbach. Da Monika derzeit nicht als Friseurin arbeiten kann, ist sie daheim, betreut zusätzlich die Tochter einer Freundin. Da nur ein paar Lehrer die Unterrichtsstunde als Video-Konferenz halten, kommt Miriam bei Fragen zu ihr: "Wie sollen das Eltern machen, die nicht von zu Hause aus arbeiten können?"

Andreas findet, dass "eine Anwesenheitskontrolle oder ein ganzer Unterricht über die Webcam helfen würde, mehr Rhythmus und Disziplin in den Alltag zu bekommen. Die Kinder müssen wissen, dass jetzt Schule ist." Enttäuscht ist Andreas von einem Lehrer, der sich noch gar nicht gemeldet hat. Manchmal hat Monika Angst, etwas falsch zu erklären. "Wir sind keine Pädagogen", sagt sie. Sorgen hat sie auch, dass bei den Schülern unterschiedliche Bildungsstände entstehen.

Für die Zukunft mehr Leihgeräte

"Ob Homeschooling funktioniert, ist von der Schule und dem Engagement der Lehrer abhängig", sagt Martin Gallersdörfer. Er findet, dass der jeweilige Lehrer während des Unterrichts für Schüler, aber auch für die Eltern, immer erreichbar sein sollte. "Es ist einfach von Vorteil, wenn man bei Fragen gleich anrufen kann", sagt der Vorsitzende des Elternbeirats der Grund- und Mittelschule Erbendorf. Er hat die Erfahrung gemacht, dass einzelne Lehrkräfte aus Datenschutzgründen nur den Kontakt über die offizielle E-Mail wünschen und später zurückrufen.

Gallersdörfers Kinder besuchen die zweite und vierte Klasse der Grundschule. Das Lernen von zu Hause aus klappt seiner Meinung nach besser als im Frühjahr. "Bei allen Beteiligten setzte eine gewisse Routine ein. Jeder weiß, was zu tun ist", sagt er. Die Aufgaben bekommen seine Kinder per E-Mail, entweder zu Beginn der Woche oder am Abend zugeschickt. Fertige Aufgaben können teilweise in der Schule abgegeben werden, manche Lehrer schicken die Lösungsblätter.

Homeoffice nicht möglich

Dennoch bleibt die Schule daheim für ihn und seine Frau eine Herausforderung. "Wir arbeiten beide im Schichtbetrieb, meine Frau ist in der Pflege tätig – da ist Heimarbeit nicht möglich." Die Schichtpläne wurden so abgestimmt, dass zumindest einer zu Hause ist. Bei der Fächerabfolge orientieren sich die Familie am Stundenplan. "Meine Tochter macht in der Pause eine kleine Brotzeit", erläutert er. Zusätzliche Technik musste die Familie nicht kaufen. Stehen zeitgleich Video-Konferenzen an, wird auf das Tablet und ein Notebook zurückgegriffen. "Die Kinder sind darauf angewiesen, dass es die Technik – auch einen Drucker – zu Hause gibt", sagt Gallersdörfer. Eine Familie mit ausreichend Technik auszustatten, kann mit hohen Kosten verbunden sein. Damit jeder teilhaben kann, sollte "die Möglichkeit, sich Geräte in den Schulen auszuleihen, auch für die Zukunft ausgeweitet werden", fordert der Elternbeirat.

EDVler für jede Schule

Josef Dill, Elternbeirat im Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth, blickt mit gemischten Gefühlen auf die vergangene Woche zurück. Bei seiner Tochter in der elften Jahrgangsstufe seien die Schulstunden durchwegs positiv verlaufen. "Gut dreiviertel des Unterrichts findet mit digitaler Präsenzpflicht über die Plattformen ‚Jitsi‘ oder ‚BigBlueButton‘ statt", sagt er. Unterlagen werden über die Lernplattform "Moodle" bereitgestellt. Bereits vor der Pandemie seien gewisse Programme genutzt worden. "Am Stiftland-Gymnasium sind die Informatiklehrer sehr engagiert", lobt Dill.

Schlechter war der Start ins digitale Lernen für seine zweite Tochter, die die neunte Klasse der Mädchen-Realschule in Waldsassen besucht. "Dort ging es anfangs nur zögerlich voran", blickt er zurück. Seine Tochter bekam die Arbeitsaufträge ebenfalls über "BigBlueButton" bereitgestellt. "Inzwischen hat sich alles eingespielt und auch eine Videokonferenz ist möglich", so Dill.

Um auch in Zukunft digital gut aufgestellt zu sein, fordert er für alle kreiseigenen Schulen einen hauptberuflichen "EDV-Hausmeister". "Er müsste die richtigen Geräte kaufen und auf dem neusten Stand halten. Computer-Probleme vor Ort lösen, Lizenzen verwalten und das Netzwerk betreuen", sagt Dill. Er hofft, dass bald wieder regulärer Präsenzunterricht stattfinden kann. Seinen Töchtern würden die sozialen Kontakte und der Austausch mit Klassenkameraden fehlen. "Das drückt auf die Stimmung."

So funktioniert "BigBlueButton"

Tirschenreuth
Hintergrund:

Die häufigsten Lernplattformen im Distanzunterricht

  • Mebis: Die Plattform Mebis wird vom bayerischen Kultusministerium angeboten. Hier sind die Schüler in verschiedene virtuelle Klassenräume eingeteilt, können Arbeitsaufträge abrufen und Nachrichten schreiben. Wegen häufiger Ausfälle und technischer Probleme machte das Programm Negativschlagzeilen.
  • Teams: Das Programm der Firma Microsoft ist nicht speziell auf Schulen ausgerichtet, bietet jedoch vielfältige Möglichkeiten, gerade mit Blick auf Videokonferenzen. Schulen, die Teams nutzen, loben vor allem die Stabilität.
  • BigBlueButton: Seit 2007 gibt es das Programm "BigBlueButton". Während es vor der Pandemie eher von Hochschulen genutzt wurde, empfehlen es nun mehrere Landkreise der Oberpfalz für den schulischen Distanzunterricht. Per Videochat können Schüler und Lehrer in Kontakt treten.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.