14.01.2022 - 16:19 Uhr
KemnathOberpfalz

Flutopferhilfe für Kemnather Holger Pühl ein zweiter Vollzeitjob

Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland wird dort noch überall Hilfe benötigt. Hier engagiert sich auch der Kemnather Holger Pühl, was für den Inhaber einer Elektrofirma inzwischen ein zweiter Vollzeitjob ist.

Mit Mitgliedern der Feuerwehr Kemnath und einigen seiner Mitarbeiter lud Holger Pühl (Zweiter von links) beim Baustoffzelt Kaiser Walporzheim im Oktober 2021 die erste Hilfslieferung ab.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Um effektiv helfen zu können, ging Holger Pühl planvoll vor. Bevor er im Herbst 2021 die erste Hilfslieferung auf die Beine stellte, hat er vor Ort nachgefragt, was überhaupt gebraucht wird. "Es bringt ja nichts, irgendwas zusammenzutragen", erklärt der Kemnather. Was demnach hauptsächlich benötigt wurde, war Baumaterial. Rund 50 Tonnen wogen Estrich- und Putzsäcke, OSB- und Rigips-Platten sowie das Elektro- und Sanitärmaterial, das im vergangenen Oktober mit zwei Sattelzügen, einem Feuerwehrfahrzeug und zwei von Pühls Transportern unterwegs in Richtung Walporzheimer Sportgelände war. Dort organisiert der freiwillige Helfer Wilhelm Hartman das Baustoffzelt Kaiser, ein Materiallager für die Flut-Betroffenen. Vor allem die OSB-Platten seien "mit Gold aufzuwiegen", betont der 43-Jährige. Ein Lkw mit Baumaterial sei dabei gleich zu einer betroffenen Familie mit einem behinderten Kind gefahren, um deren Haus wieder bewohnbar zu machen.

Die 50 Tonnen seien bis dato die größte Einzellieferung gewesen, berichtet Pühl mit etwas Stolz. Doch die Anlieferung bereitete Probleme, da Sattelzüge ob ihrer Größe das Baustoffzelt nicht direkt anfahren können. Das Material müsse auf der Bundesstraße erst auf kleinere Lkw umgeladen werden: "Das ist eine wahnsinnige Logistik. Hut ab, wie die das stemmen." Es ist aber auch schon vorgekommen, dass Pühl und seine Mitstreiter Sachspenden direkt zu den Betroffenen gebracht haben. "Die haben ja auch ihre Autos verloren" und somit keine Transportmöglichkeit.

Spenden für bisher 50 000 Euro

Lebensmittel und Drogeriebedarf brachten Pühl und seine Unterstützer dagegen zum Tante-Emma-Laden in Dernau. Kleidung und Spielwaren aus einer Sammelaktion des Kemnather Kindergartens waren für Vorschuleinrichtungen in Gemünd, einem Stadtteil von Schleiden, bestimmt. Dorthin gingen auch die Spenden von Edeka Legat. Big Bags erhielten die sogenannten Dachzeltnomaden im Katastrophengebiet ("Das sind viele, viele Leute, die helfen"). Der bisherige Wert der Spenden beläuft sich auch rund 50 000 Euro, hat Pühl nachgerechnet.

Er dankt hier den Firmen Baustoffe Merkl in Kastl, R+F in Bayreuth, Hoffmann in Weiden, der Stadt Kemnath, Edeka Legat, der CPA Steuerberatungsgesellschaft mbH & Co. KG in Kemnath und noch vielen mehr für die Unterstützung: "Die haben alle richtig viel gemacht." Für den Transport der Hilfsgüter nach Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen konnte der 43-Jährige auf Fahrer und Fahrzeuge der Feuerwehr Kemnath, der Transport Speditions GmbH Creußen und des Fuhrunternehmens Eugen Zeitler Kemnath zurückgreifen.

Wie im Rohbauzustand

Über den Helferstab vor Ort erreichen ihn immer wieder Anfragen von schwer betroffenen Familien. Dann gelte es zu schauen, "wo wir kleine Wünsche erfüllen können". Wichtig ist dem Kemnather Elektriker, nicht nach dem "Gießkannenprinzip", sondern gezielt zu helfen. Daher werde auch speziell in den Ortschaften nachgefragt, die "immer a bissl vergessen worden sind". Es sei schließlich ein "Riesengebiet betroffen" und nicht nur das Ahrtal, das in den Medien präsenter gewesen sei. "Es kommt immer noch vieles zutage, wo noch gar nichts passiert ist", berichtet Pühl. Der Zustand der vielen Wohnhäuser gleiche oftmals fast wieder dem eines Rohbaus.

Material auch aus Thüringen

Nur wenige Wochen nach der Flutkatastrophe war der Chef der Firma EHP (Elektro Holger Pühl) erstmals in Gemünd. Man habe dort "Mitte August losgelegt, als wir erfahren haben, dass ein Kunde von uns betroffen ist". Seitdem sei er am Sammeln und dafür jede Woche unterwegs. Sogar aus Thüringen sei bereits Material geholt worden. In den vergangenen zwei Monaten sei er zudem im Zwei-Wochen-Takt vor Ort in Westdeutschland gewesen. "Alles, was Freizeit ist, ist für die Flutopfer."

Allerdings müsse ja auch sein Betrieb mit etwa 15 Beschäftigten laufen, was "teilweise anstrengend" und "schon ein interessanter Spagat" sei. Warum sich er und viele andere so engagieren, verdeutlicht der Kemnather anhand eines Beispiels. So habe eine fünfköpfige Familie, die ihr ganzes Haus verloren hat, auf drei Monate 1500 Euro an staatlicher Hilfe erhalten. "Das ist genau das Thema, warum wir weitermachen." Mit "wir" meint Pühl auch weitere Firmen, die für ihre Arbeit nichts verlangen. Diesen Handwerkern, die für Betroffene ohne Versicherungsschutz arbeiten, wolle er dann Material zur Verfügung stellen. Positiver Nebeneffekt: Auf diese Weise hat der Kemnather einen ehemaligen Schulkollegen wieder getroffen, der vor einiger Zeit nach Bonn gezogen ist. Dieser sei ebenfalls Elektriker und habe angeboten zu helfen, nachdem er darüber auf Facebook gelesen hatte.

Baustoffzelt zieht um

Weitergehen sollen die Lieferungen von Material, das nach Bedarf vor Ort mit Hilfe von Geldspenden angeschafft wird. "Zwei Garagen sind schon wieder gerammelt voll", freut sich Pühl. Allerdings wird die Ware dort noch etwas bleiben müssen, denn das Baustoffzelt Kaiser Walporzheim wird auf einem Gelände in Grafschaft neu errichtet. Erst wenn der Umzug abgeschlossen sei, wird er seine Garagen räumen. Sonst müsse ja alles zwei Mal in die Hand genommen werden. Für heuer plant der Elektriker zudem eine "Wunscherfüllaktion" für stark Betroffene zusammen mit Radio Euroherz in Hof, zu dem schon länger Kontakt bestehe. "Da müssen wir aber noch überlegen, wie wir es machen." Es gebe aber bereits mehrere Unterstützer.

Hilfe für das Ahrtal kommt auch aus der Gemeinde Speichersdorf

Speichersdorf

"Es kommt immer noch vieles zutage, wo noch gar nichts passiert ist."

Holger Pühl

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