10.07.2020 - 12:38 Uhr
KemnathOberpfalz

Handwerkertagung gibt Anstoß für Kemnather Ritterbund

Wäre nicht die Coronapandemie, würde der Ritterbund Waldeckh zue Kemnatha am heutigen Samstag sein 100-jähriges Bestehen begehen. Am 11. Juli 1920 hatten ihn beherzte Männer aus der Taufe hoben.

Die Recken um ihren Hochsitz, also dem engeren Vorstand mit Großmeister Werner von Podewils (Ponnath, Vierter von links) hätten diesen Samstag das 100. Jubiläum des Ritterbundes feiern können. Doch wegen der Coronapandemie verschieben sie das Fest auf nächstes Jahr.
von Hans LukasProfil

Seit 100 Jahren, nur ab 1935 unterbrochen und verboten vom Naziregime, spielt sich das Leben des Ritterbundes in der Burg auf der Feyhöhe ab. Die Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit startete dann wieder im Jahre 1950.

Alles begann, als 1920 Georg von Schöpfenstein (Georg Schöpf), der spätere erste Großmeister, bei einer Handwerkertagung in Regensburg weilte. Dabei waren auch einige Recken des Pfalzburger Ritterbundes zue Ratisbona, die ihn zu einem ihrer Kapitelabende einluden. Von diesem ritterlichen Treiben war er sehr beeindruckt.

Auch in Kemnath hatte es schon lange Bestrebungen in dieser Hinsicht gegeben. Josefus von Speckenstein (Josef Speckner, damals Notariatsoberinspektor) und Graf von der Mühlen (Gemeindeschreiber von Waldeck) sowie viele andere hatten sich mit der Vergangenheit der ehemaligen Burg Waldeck befasst. Und durch Speckners Erlebnis in Regensburg erfuhr die Idee zur Gründung eines Ritterbundes Waldeckh zue Kemenatha merklichen Aufschwung.

Georg Schöpf erster Großmeister

Diese erfolgte am 11. Juli 1920. Georg von Schöpfenstein wählten die Mitglieder zum Großmeister. Ihm folgte Jakobus von Reicholdshausen (Jakob Reicholt) und danach bis 1935 Georg von Podewils (Georg Ponnath). 1923 hatte der Bund ein großes Ritterfest auf dem Schloßberg organisiert. Bis dahin waren die 50 Mann mit Ritterrüstungen und Heroldskostümen ausgestattet, die teilweise aus Nürnberg beschafft wurden. Von weit her kamen Zuschauer und Interessenten.

Vom guten Gelingen des Festes beflügelt, gingen die Recken daran, eine eigene Burg auf der Feyhöhe zu erbauen. Das Grundstück wurde von der Baugenossenschaft auf 99 Jahre in Erbpacht angeschafft. Auf diesem Platz befand sich ein Bierkeller mit einer Treppe/Gang zum heutigen Burgverlies. Es ist auch überliefert, dass von da aus ein unterirdischer Weg zur Burg auf dem Schloßberg geendet hat. Jedenfalls sind die Arbeiter beim Bau der Umgehung von Kemnath im Zuge der B 22 auf Kellergewölbe gestoßen.

Was die Recken in der schweren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit in Eigenleistung vollbracht haben, ist heute nicht mehr denk- und vorstellbar. Die Bemalung der Burg übernahm Malermeister Adam Märkl kostenlos. Die bei der Grundsteinlegung eingemauerte Urkunde wurde bei der Restaurierung der Burg in den 1970er Jahren entdeckt und die neuen Daten dazu gelegt. Die Einrichtung, bestehend aus Stühlen und Tischen, ist in altem Stil geschaffen worden, auch alte Waffen und Gerätschaften erhielten dort ihren Platz. Der Waldeckher Ritterbund ist heute noch das einzige Bündnis im Deutschen Ritterbund, das eine eigene Burg besitzt.

Chronik verschollen

Im Herbst 1935 hat das Naziregime den Deutschen Ritterbund verboten. Die Recken mussten die bis dahin lückenlos geführte Chronik beim Landratsamt abgeben. Trotz intensiver Nachforschungen nach dem Zweiten Weltkrieg beim Landratsamt und in Regensburg blieb sie verschollen. Ebenso unersetzlich waren die Ausrüstungsgegenstände. Einen Teil hatte Maximilian von Liebenstein (Max Steiner) in Ölpapier gewickelt und vergraben. Den Standort hat er mit ins Grab genommen. Das Versteck dürfte in der Nähe der Burg gewesen und zwischenzeitlich mit Erdreich aufgefüllt worden sein. Erst beim Anbau des Krankenhauses wurde ein kleiner Teil gefunden und weitestgehend restauriert. Nach dem Krieg diente die Burg zunächst als Flüchtlingsunterkunft und später dem Sportverein als Vereinslokal. Ihm ist es zu verdanken, dass die Burg nicht ganz verfallen ist. Nachdem das Eigentumsrecht des Ritterbundes sichergestellt war, erfolgte 1950 die Wiedergründung. Da die Chronik verschwunden blieb, musste man sich auf die mündlichen Überlieferungen von Josefus von Drachenfels (Josef Heser) und Maximilian von Weißenstein stützen.

Burg 1952 renoviert

Zur 700-Jahr-Feier der Stadt Kemnath im Jahr 1950 wurden das 30. Bestandesfest gefeiert und eine Standarte beschafft. Die Patenschaft übernahmen die Altbabenberger. Zwei Jahre später wurde die Burg renoviert und wiederum von Adam Märkl nach dem früheren Vorbild ausgemalt.

In den folgenden Jahren ging es manchmal schon hoch her, und Meinungsverschiedenheiten ließen die Mitgliederzahl schrumpfen. Anfang der 1960er Jahre fand ein gewisser Aufschwung statt und mittlerweile gehört der Ritterbund mit 25 Recken (davon 23 Ritter, und je ein Junker und Knappe) zu den mitgliederstärksten im Deutschen Ritterbund, dem aktuell noch 19 mit etwas mehr als 300 Recken angehören. Vor 1935 hatte es noch 173 Bünde in Deutschland gegeben.

Ein jährlich fester Termin beim Ritterbund ist der Steigbügeltrunk zu Dreikönig.

Kemnath

Höhepunkt in all den Jahren waren die Feiern runder Jubiläen mit größeren Kapiteln. 1994 beteiligte sich der Ritterbund am historischen Festzug zur 200-Jahr-Feier Neuer Markt Waldeck und 2008 an der 1000-Jahr-Feier der Stadt Kemnath. Auch fanden einige Deutsche Rittertage in Kemnath statt, seit einigen Jahren gibt es zudem einen Sassenabend auf der vom Heimat- und Kulturverein Waldeck restaurierten Burg auf dem Schloßberg.

Höhepunkte des Ritterjahres sind alljährlich das Weihnachtskapielum und der Steigbügeltrunk. Das für heuer am Gründungstag vorgesehene Gründungsfest soll dann im nächsten Jahr zu einem noch festzulegenden Termin stattfinden.

Das Wappen des Ritterbundes.
Hintergrund:

Vom Pilgrim zum Recken

Insgesamt neun Großmeister standen oder stehen dem Ritterbund seit seiner Gründung vor. Deren Namen sind auf einer Tafel am Hochsitz in der Burg auf der Feyhöhe aufgeschrieben: Georg von Schöpfenstein (Georg Schöpf), Georg von Podewils (Georg Ponnath), Jakobus von Reicholtshausen (Jakob Reicholt), Friedrich von Raidenbusch (Karl Hofmann), Franz von Trautenberg (Franz Möschl), Josefus von Liechtenstein (Josef Leypold), Hans von Weißenfels (Hans Beck), - Peter von Löwenherz (Peter Goller) und aktuell Werner von Podewils (Werner Ponnath).

Prinzipiell handelt es sich bei einem Ritterbund um einen Zusammenschluss von historisch Interessierten. Sie lassen die Ritter ausgestorbener Rittergeschlechter mit ihren Namen wieder auferstehen. Sie lösen sich mit dem Durchschreiten des Burgtores vom Alltag, Geschäft und Beruf und schließen jegliche soziale Unterschiede aus. Religion und Politik sind grundsätzlich als Themen ausgeschlossen. Ritter leben und pflegen die Ideale des mittelalterlichen Brauchtums und treten unter anderem für Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Wohltätigkeit, Liebe zur Heimat, Toleranz gegenüber anderen sowie Pflege des Humors ein.

Sie treffen sich zu den Kapiteln und teilnehmen Gleichgesinnte, die von einem Recken mitgebracht werden können, auf. Mitglied kann werden, wenn ein Recke, der für ihn bürgt, den Antrag stellt. Die ersten Kapitelbesuche absolviert der Interessierte als Pilgrim, der Beitritt erfolgt mit der Aufnahme als Knappe. Nach einer Bewährungszeit erfolgt die Junkerernennung, und schließlich der Ritterschlag durch den Großmeister. Als Ritter gibt man sich selbst einen Wahlspruch und seinen -namen.

Bei besonderen Anlässen zeigen sich die Recken öffentlich. Der Ritterbund Waldeckh zue Kemenatha ist ein eingetragener Verein und besitzt die Gemeinnützigkeit. Das Grundstück, auf dem die Burg steht, hat der Bund zwischenzeitlich gekauft.

Unmittelbar nach der Gründung begannen die Recken, eine Burg zu errichten. Mittlerweile ist sie die einzige in Deutschland, die im Besitz eines Ritterbundes ist.
Großmeister Werner von Podewils.
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