06.04.2020 - 17:25 Uhr
KemnathOberpfalz

Zur Hochzeit Leberkäsesemmeln für Zwei

Hochzeit ohne Fest: Der 36-jährige Sebastian Schweizer und die 39-jährige Melanie Rösel haben am Samstag ganz ohne Gäste und auf Abstand geheiratet.

von Ulla Britta BaumerProfil

Samstagmorgen um 10 Uhr: Obwohl die Sonne scheint, sind kaum Leute unterwegs. Corona sorgt seit Wochen für leere Marktplätze in der Region. Vor dem Rathaus steigen Sebastian Schweizer und Melanie Rösel aus ihrem Auto. Sie haben sich fein herausgeputzt, sind in Tracht unterwegs. Auch das zweijährige Töchterlein Leonie hat extra für diesen Tag ein fesches Dirndl bekommen. Melanie Rösel holt zwei gleich aussehende Blumensträuße aus dem Kofferraum: einen großen für sich und einen kleinen für Leonie.

Das Paar wird schon erwartet: von Ursula und Andreas Stengl mit Tochter Mathilda. Auch sie haben sich traditionell bayerisch gekleidet. Die Begrüßung zwischen den Freunden ist herzlich, wenn auch auf Abstand. "Schick schaust du aus mit Hut. Wie der Bürgermeister", sagt Andreas Stengl zu seinem Freund Sebastian. Ursula Stengl weint heimlich ein wenig. "Ausgerechnet heute darf ich dich nicht umarmen", ruft sie ihrer Freundin Melanie zu. Sie hat Geschenke dabei, stellt diese auf den Gehsteig und geht ein paar Schritte zurück, damit Melanie und Sebastian sie ohne Kontakt holen können. Melanie Rösel und Sebastian Schweizer aus Waldeck geben sich gleich im Standesamt das Jawort.

Bei dieser Hochzeit ist vieles anders als sonst. Es fehlen zum Beispiel die Gäste. Dabei hätte alles so schön sein können: Vor acht Monaten hatten der Lokführer und die Zugbegleiterin ihre standesamtliche Hochzeit bereits akribisch durchgeplant. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. "Das Datum 4. April 2020 hat uns gefallen", erzählt Sebastian. 40 Gäste waren eingeladen, ein Gasthaus für das Fest war schon gefunden, Brautstrauß und Fotograf waren vorbestellt, die Flitterwochen in die Türkei gebucht. Dann kam Corona, aus der Vorfreude wurde eine herbe Enttäuschung. "Irgendwann war uns klar, wir müssen alles absagen", erzählt Sebastian. Während er es mit Fassung trug, war Melanie wahnsinnig enttäuscht. "Ebenso wie unsere Eltern. Wir sind beide Einzelkinder", weisen sie auf die große Bedeutung dieses Tages für die engsten Angehörigen hin.

Alles wurde storniert. "Seit Corona sind alle sehr kulant", freut sich Schweizer darüber, dass wenigstens keine zusätzlichen Kosten entstanden sind. Was die beiden am Ende nicht übers Herz gebracht haben: den Termin im Standesamt abzusagen. So blieb es bei der Hochzeit am 4. April "Das wollten wir beide so", sagt Sebastian Schweizer und verspricht, die anderen Feierlichkeiten nachzuholen.

Standesbeamtin Maria Dietzel hat das geschmückte Trauzimmer bereits aufgesperrt. "Bitte setzen Sie sich", lädt sie das Brautpaar und die Trauzeugen ein. Die Stuhlreihen für die Gäste bleiben leer. Sebastian Schweizer stellt ein Handy mit Sichtfeld zum Tisch auf und ruft seine Mutter per Videochat an. Die kleine Leonie ist begeistert, sie sieht die Oma auf dem Display. "Oma, Oma", ruft sie und plappert aufgeregt ins Handy. Ein weiteres Smartphone wird parallel zum Tisch auf einem Stativ befestigt. Die nicht anwesenden Gäste sollen den Mitschnitt nach der Trauung bekommen.

Vor dem Tisch nehmen nun auch die Trauzeugen, Ursula und Andreas Stengl, ihre Plätze ein. Maria Dietzel bittet die beiden einzig anwesenden Paare ganz formell um Abstand. Eine Aufforderung, die gar nicht zu einer Hochzeit passen will und die Maria Dietzel noch nie aussprechen musste. Trotzdem ist das Jawort feierlich, Dietzel lässt sich mit der Trauzeremonie Zeit. Sie hat eine wunderbare auf das Brautpaar abgestimmte Rede vorbereitet und zitiert Autor Leo Tolstoi: "... das notwendigste Werk in unserem Leben ist stet's die Liebe". Dietzel spricht die außergewöhnlichen Umstände dieser Hochzeit an und dass auch sie das Zwangsfernbleiben der Familie bedauere. Sie wünscht dem Brautpaar, dass dieser Tag dennoch in allerschönster Erinnerung bleibt. Die Liebe sei die Sonne in den Herzen der Menschen, sagt sie weiter. Gleich darauf geht einem wirklich das Herz auf: Melanie Rösel und Sebastian Schweizer stehen auf für das Jawort, schauen sich verliebt in die Augen und erweitern die Aufforderung der Standesbeamtin, "Sie dürfen sich jetzt küssen" um ein zusätzliches, liebevolles Busserl für Tochter Leonie. Melanie Rösel unterzeichnet das erste Mal in ihrem Leben mit "Melanie Schweizer". Die kleine Leonie, die während der Trauung auf dem Schoß der Mama sitzen durfte, möchte auch "unterschreiben". Die Standesbeamtin erlaubt es lachend. Leonie bekommt den Stift und malt ein Krakel auf das Dokument, das die Ehe ihrer Eltern besiegelt. Die kleinen Mädchen, Leonie und Mathilda, dürfen beim Hinausgehen Blumen streuen.

Melanie und Sebastian Schweizer strahlen. Dann nehmen die beiden Verliebten den Sechserpack Corona-Bier, ein Hochzeitsgeschenk ihrer Freunde, bedanken sich bei der Standesbeamtin und machen sich auf den Weg zu einer Metzgerei. "Wir haben uns beim Festtagsschmaus für warme Leberkässemmeln entschieden", verkünden die frisch Vermählten und schauen sehr glücklich aus.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.