04.11.2019 - 17:14 Uhr
KemnathOberpfalz

Jugendsozialarbeit - Nicht mehr wegzudenken

Carola Reger und Manuela Kaulser sind Jugendsozialarbeiterinnen. Die Fachkräfte arbeiten an der Mittelschule in Kemnath und am SFZ-Immenreuth. In einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien erzählen sie aus ihrem Alltag.

Die beiden Jugendsozialarbeiterinnnen Manuela Kausler (links) vom Sonderpädagogischen-Förderzentrum Immenreuth und Carola Reger von der Mittelschule Kemnath. Der Träger der JAS-Stellen in beiden Schulen ist das SOS-Kinderdorf Immenreuth.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Ein Lehrer kommt nach Schulschluss auf Carola Reger zu. Sie ist Jugendsozialarbeiterin an der Mittelschule in Kemnath. „Ich mache mir Sorgen.“ Eine Schülerin wollte nicht nach Hause gehen. Carola Reger nimmt sich ihrer an. Ihre Kollegin Manuela Kausler arbeitet beim Sonderpädagogischen Förderzentrum (SFZ). Sie betreut Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse. Eltern kommen am Vormittag auf die Jugendsozialarbeiterin zu. „Wir brauchen Hilfe!“

Jeder, der an die Tür eines Jugendsozialarbeiters klopft, bringt eine individuelle Geschichte mit. „Das geht von ‚Ich habe Schnapsflaschen neben dem Bett meiner Eltern gefunden‘ bis zu Liebeskummer, (Cyber-)Mobbing oder wenn der Lehrer kommt und sagt: ‚Ich habe mehrere blaue Flecken am Körper eines Schülers entdeckt‘“, erklärt Holger Hassel, Leiter des SOS-Kinderdorfs. Die Einrichtung ist Träger der Jugendsozialarbeiter in Immenreuth, Kemnath, Weidenberg und Speichersdorf. Er betreut sechs Stellen. „Wir halfen vergangenes Jahr rund 230 Einzelfällen und Familien. Unsere Kräfte werden sehr in Anspruch genommen.“

Jugendsozialarbeit auch an Grundschulen

Jugendsozialarbeit an Schulen – kurz JaS – wurde vor zehn Jahren im Freistaat Bayern an Mittelschulen, Berufsschulen und Förderzentren etabliert. „Jugendsozialarbeiter beraten und unterstützen Jugendliche, Eltern und Lehrer in Krisensituationen“, weiß Peter Gold, ehemaliger Leiter des Kreisjugendamts in Tirschenreuth. „Früher hieß es immer, Probleme mit Jugendlichen gebe es nur in Städten. Heute ist JaS nicht mehr aus den Schulen wegzudenken.“

Im Gegenteil: Künftig sollen diese Stellen auch vermehrt an bayerischen Grundschulen eingesetzt werden. „Es gibt immer wieder Probleme, die Schüler von zu Hause mit in die Schule nehmen. Das kann den Unterricht stören.“

Aktuell gibt es rund 1000 Stellen, die in Bayern gefördert werden. „Die Finanzierung tragen Gemeinde und Freistaat gemeinsam. Die Gemeinde ist der Sachaufwandsträger“, sagt Peter Gold.

Reger ist seit fast zehn Jahren an der Mittelschule. Damals wurden sechs Stellen im Landkreis geschaffen. Seither habe sich einiges verändert. Der Auftrag der Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) sei jedoch gleich geblieben. „Zunächst war es eine fremde Einrichtung. Als ich anfing, ging es erst einmal darum, Eltern, Jugendlichen und auch Lehrern unsere Aufgabengebiete zu zeigen.“ Ihre Arbeit setzt sich aus drei Komponenten zusammen: „Wir machen Einzelberatung, Gruppenprojekte oder Netzwerkarbeit.“ So können Schüler jederzeit, auch während des Unterrichts, Kontakt zu den Jugendsozialarbeitern aufnehmen. „Das war auch für Lehrer anfangs nicht leicht zu akzeptieren. Aber inzwischen ist das kein Problem mehr.“

Schüler ernst nehmen

Allein 2018 hatte sie 49 Fälle, die ihre Zeit länger in Anspruch nahmen. „Zusätzlich kommen Kleinigkeiten hinzu, die in der Statistik gar nicht auftauchen. Diese zählt erst, wenn mindestens drei Mal mit mir Kontakt aufgenommen wurde.“ Es gilt häufig, zwischen kleinen Zwistigkeiten und ernsthaften Problemen abzuwägen. „Wir hören zu und glauben, was uns Schüler erzählen. Es geht darum, eine Vertrauensbasis zu schaffen und Situationen behutsam zu ermitteln.“

Soziale Medien werden für Jugendliche immer zentraler. „Wir bemerken, dass sich die Nutzung der Sprache unter den Kindern und Jugendlichen verändert. Viele schreiben lieber als zu reden. Ich frage dann oft: ,Würdest du das, was du schreibst oder per Sprachnachricht sendest, auch anderen in das Gesicht sagen?’“

Netzwerke schaffen

Kausler arbeitet am SFZ Förderzentrum in Immenreuth. Dort werden Kinder mit Lernbehinderungen, Sprachproblemen oder Störungen im emotionalen und sozialen Bereich betreut. In einer Klasse befinden sich 12 bis 14 Schüler. „Wir arbeiten viel mit anderen Stellen zusammen wie mit der Suchtberatung, Gewaltprävention, dem Familienzentrum Mittendrin, T1 Medienzentrum, der Erziehungsberatungsstelle oder dem Jugendamt.“ Im SFZ beschäftigen die Kinder viele Lebensthemen. „Es geht um die Entwicklung von Selbstwertgefühl. Wir bieten dann Hilfe zur Selbsthilfe an.“

Kauslers Tag beginnt um 7.30 Uhr. „In der ersten halben Stunde vor Schulbeginn können Kinder zu mir kommen.“ Sie betreut Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse. Am Morgen hat sie Zeit, um mit Schülern, Lehrern und Eltern ins Gespräch zu kommen. „In den Pausen bin ich bei den Schülern.“ Danach hat sie Zeit für feste Termine. „In der Regel bin ich bis 12 Uhr da.“ Die meisten Probleme, die sie behandelt, sind von sozialer und emotionaler Art: „Ich kläre Streitigkeiten untereinander. Höre zu, wenn jemand Liebeskummer hat. Einen großen Teil nimmt aber auch Cybermobbing ein.“ Kausler versucht mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen: „Da sind alle an einen runden Tisch, und so kriegt jeder die gleichen Informationen.“

Keine Psychologen

„Heute sind beide Damen ausgelastet“, weiß Holger Hassel, Leiter vom SOS-Kinderdorf. Die meisten JaS-Stellen seien Teilzeitstellen. Carola Reger ist auf 30 Stunden, Manuela Kausler auf 20 Stunden in der Woche eingestellt. Fälle werden bei ihnen anonym behandelt.

„Es sind immer Absprachen notwendig. Wir versuchen, Konfliktsituationen sensibel zu handhaben“, sagt Carola Reger. Jedoch könne die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) nicht alleine alle Probleme lösen. „Uns sind Grenzen gesetzt. Wir sind keine Psychologen. Wir geben Empfehlungen weiter und hoffen, dass diese umgesetzt werden.“

So sind Jugendsozialarbeiter besonders auf die Zusammenarbeit mit Eltern angewiesen. Diese habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Es werde bei den Erziehungsberechtigten immer mehr Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit spürbar. „Viele trauen sich nicht mehr Regeln und Grenzen zu setzen.“ Reger sieht, das der Erziehungsauftrag vom zu Hause immer mehr Richtung Schulen rückt. „Die Zeit in der Familie limitiert sich. Oft sind beide Elternteile berufstätig. Es gibt auch mehr Alleinerziehende.“ Die psychische Belastung wachse, finanzielle Probleme nehmen zu. „Wir bieten Unterstützung. Wenn Eltern es zulassen, helfen wir“, betont Reger.

Hassel weiß: „Häufig schämen sich Eltern. Wir sind auf dem Land, da gibt es nicht so viel Anonymität.“ Ein Lösungsprozess binde immer Eltern, Kinder und das Sozialsystem mit ein. „Manchmal kann ein solcher Weg mehrere Jahre dauern. Das versuchen wir, auch den Beteiligten bewusst zu machen.“

Mischa Giehl aus Parkstein erzählt über seine Arbeit in einer Schutzstelle für Jugendliche in München

Weiden in der Oberpfalz

Weitere Informationen zu JaS in Kemnath und Immenreuth

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