10.05.2019 - 10:26 Uhr
KemnathOberpfalz

Kein Freund, der Kupferstecher

Dirk Lüder ist in Sorge: Wenn der Forstdirektor in den Wäldern des Landkreises Tirschenreuth unterwegs ist, entdeckt er immer wieder trockene Baumspitzen und braunes Bohrmehl.

von Elisabeth Schätzler Kontakt Profil

Der Klimawandel macht sich auch im Landkreis Tirschenreuth bemerkbar: Der Borkenkäfer ist angekommen. Annette Schödel ist seit 25 Jahren bei der Forstverwaltung. Sie ist für das Forstrevier Wiesau zuständig. Sie beobachtete bis August vergangenen Jahres unterdurchschnittliche Anfälle der Baumbestände. Danach habe es „definitiv einen Sprung nach oben“ gegeben.

„Wir sind immer noch wegen des kühleren Klimas hier bei uns später dran“, weiß Dirk Lüder. Der Forstdirektor meint damit den relativ geringen Befall mit Borkenkäfern im Landkreis. „Aber es beginnt auch bei uns.“ Der Anfall von Käferholz habe sich gegenüber 2017 von 10 auf 20 Prozent erhöht – ein relativ niedriges Niveau. Lüder und Schödel rufen die Waldbesitzer zur Wachsamkeit und regelmäßigen Kontrollen auf. Denn es gelte die Faustregel: Ein vergessener „Käfer-Baum“ gibt nach sechs Wochen 20 und nach weiteren sechs Wochen schon 400 abgestorbene Bäume.

Bei Fichte besonders schlimm

Lüder spricht aus Erfahrung: Bevor er im Februar nach Kemnath gekommen ist, war er im Landkreis Kulmbach tätig. Und da hat der Borkenkäfer schon ab dem August große Schäden angerichtet. „Das nordöstliche Bayern war erst später dran“, weiß der Forstdirektor. Der Borkenkäfer ist „Profiteur des Klimawandels“, beschreibt Schödel die derzeitige Situation. Denn das Insekt mag Trockenheit und Wärme. „Die Kälte der vergangenen Tage ist gut“, sagt sie mit Blick auf Ende April, Anfang Mai.

„Jede Baumart hat ihre eigene Borkenkäferart, Buchdrucker und Kupferstecher sind aber besonders gefährlich für die Fichten“, erklärt Lüder. „Der Käfer ist variabel – er geht mittlerweile auch auf vitale Bäume.“ Vorher habe sich das Insekt auf die trockenen Fichten beschränkt. „Die Käfer gehen mit den Zeiten“, ergänzt Schödel. Befallene Bäume müssten gefällt und schnell wie möglich aus dem Wald geschafft werden.

Waldbesitzer sollten sich also möglichst bald darum kümmern, dass das infizierte Holz rechtzeitig abtransportiert wird, sobald es gefällt ist. „Ein Waldbesitzer, der was auf sich hält, kümmert sich drum, wenn Maschinen noch vorhanden sind“, meint Lüder. Letztes Mittel sei es, befallene und gefällte Bäume mit einem zugelassenen Insektizid zu begiften, wenn eine schnelle Abfuhr nicht möglich ist. „Unsere Prämisse lautet aber: Kein Gift! Das wäre dann einfach Notwehr“, sagt Schödel im Hinblick auf den allerletzten Ausweg, den Borkenkäfer los zu werden.

Um die Osterzeit hat dieser heuer zu schwärmen begonnen. „Jetzt ist die Phase, in der man handeln muss“, betont Lüder. Der Buchdrucker ist unter der Rinde zu finden, erkennbar ist der Befall eines Baumes am Bohrmehl am Stammfuß – das ist allerdings oft schwer zu entdecken. Wind und Nässe erschweren die Sichtung zusätzlich. Der Kupferstecher hingegen macht sich an den Baumspitzen zu schaffen.

Zu Schödels Bereich gehört unter anderem der Wald bei Schadenreuth. Dort haben die beiden Schädlinge bereits zugeschlagen: Einige Baumwipfel ragen trocken heraus, unter den Baumrinden sind kleine Rillen zu sehen. Buchdrucker und Kupferstecher waren hier schon am Werk. „Wenn ich das sehe, dann wird mir richtig schlecht“, sagt Schödel bei einem Kontrollbesuch vor Ort und deutet auf Baumkronen, die sich schon rotbraun verfärbt haben. „Das Holz sehen wir noch fallen“, ist sich Schödel sicher.

Wenn ich das sehe, dann wird mir rchtig schlecht.

Annette Schödel

Kein Interesse

Das bestätigen Reinhard Häupl, Karl Dostler und Alfred Lautenbacher. Sie sind seit einigen Tagen in dem Waldstück, das der Stadt Erbendorf gehört, unterwegs. Die drei Landwirte fällen Bäume, die von den Käfern befallen sind. Sie arbeiten schon seit mehreren Jahrzehnten im Auftrag der Stadt in deren kommunalen Wäldern. Als private Waldbesitzer wissen sie um die Gefahr, die der Borkenkäfer mit sich bringt. Häupl zum Beispiel hat in seinem 20 Hektar großen Waldstück bereits umgedacht und Douglasien, Buchen oder Eichen gepflanzt beziehungsweise pflanzen müssen. Ihm ist der Bezug zum Wald wichtig: "Mein Vater hat sein Herzblut in den Wald gesteckt und alles gepflanzt."

Er sieht das Hauptproblem bei anderen privaten Waldbesitzern darin, dass die meisten kein Interesse mehr an diesem Besitz haben. Und das berge eben die Gefahr, dass die einen ihren Wald nicht pflegen und der benachbarte Waldbesitzer darunter leiden müsse, wenn der Borkenkäfer auf seine Bäume übergreift. "Schlamperer" nennt er sie. Und Karl Dostler ergänzt: "Sie werden auf den Borkenkäfer hingewiesen, machen dann aber nichts." Dabei gebe es die Möglichkeit, einen Pflegevertrag mit den Forstbetriebsgemeinschaften zu schließen.

"Da wird nicht viel übrig bleiben", befürchtet Lüder bei einem letzten Blick auf die braunen Baumkronen, bevor er sich wieder zurück auf den Weg in sein Büro macht. „Die Waldbesitzer müssen ihre Fichtenbestände regelmäßig auf Borkenkäferbefall kontrollieren und die befallenen Stämme konsequent aus dem Wald schaffen. Anders ist der Borkenkäfer nicht aufzuhalten.“

Jetzt ist die Phase, in der man handeln muss.

Dirk Lüder

Dirk Lüder

Info:

Wald im Landkreis Tirschenreuth

Mit rund 51 100 Hektar (ha) sind über 47 Prozent der Fläche des Landkreises Tirschenreuth bewaldet. Circa 22 000 ha sind Privatwald, etwa 60 Prozent davon sind Fichten, circa 25 Prozent Kiefer. Letztere gilt als robuste Baumart, die auch mit kahlen Böden klarkommt, wie Annette Schödel erklärt. „Doch die Kiefer leidet auch schon unter der Hitze.“ Die Lärche ist noch mit einem Anteil von 3 Prozent vertreten, Tanne und Douglasie mit jeweils unter einem Prozent. Die Laubhölzer haben einen Anteil von etwa 10 Prozent, die größte Gruppe ist hier das sogenannte „sonstige Laubholz“ mit Birke, Erle, Aspe und Vogelbeere (zusammen etwa 6 Prozent) der Bestockung einnehmen. Die Buche kommt auf einen Anteil von rund 3 Prozent, die Eiche und das Edellaubholz (Bergahorn, Esche, Linde) liegen zusammen bei etwa einem Prozent. Böden und Standorte im Landkreis sind überwiegend günstig für das Waldwachstum.

In den höheren, niederschlagsreicheren Mittelgebirgslagen befinden sich meist wüchsige Bestände mit führender Fichte. Die niederschlagsärmeren tieferen Lagen sind dagegen oft von einem hohen Kiefernanteil geprägt. Die Buche ist nur recht selten bestandsbildend. Die Birke ist auf den etwas trockeneren Standorten vorzufinden. Sie ist dort häufig gemischt mit der Kiefer, kommt aber auch als Begleitbaumart auf Freiflächen beispielsweise nach Sturmwurf oder Schneebruch vor.

Info:

Besitzverhältnisse

Die Hälfte des Waldes im Amtsbereich des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Tirschenreuth ist Staatswald. Dabei handelt es sich überwiegend um ehemalige Waldflächen des Klosters Waldsassen, die bei der Säkularisation 1803 in staatliches Eigentum übergingen. Der Staatswald im westlichen Landkreis geht meist auf ehemaligen landesherrlichen Wald der früheren Herrschaft Waldeck zurück. Der weit überwiegende Teil des Staatswaldes im Landkreis wird heute vom Forstbetrieb Waldsassen des Unternehmens Bayerische Staatsforsten bewirtschaftet. Rund 43 Prozent der Wälder im Landkreis sind in privatem Besitz. Der Privatwald ist eher kleinstrukturiert. Der größte Teil der rund 4500 privaten Waldbesitzer bewirtschaftet weniger als 20 ha Waldfläche. Allerdings gibt es im westlichen Landkreis eine Reihe von großen privaten Forstbetrieben, die insgesamt rund 6500 ha Wald verwalten. Der Körperschaftswald spielt mit einem Anteil von weniger als 10 Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Die beiden größten Körperschaftswaldbesitzer im Landkreis Tirschenreuth sind die Stadt Augsburg und die tschechische Stadt Eger (Cheb). Daneben verfügen auch die Städte Tirschenreuth, Bärnau, Kemnath und Erbendorf über größere Waldflächen.

Die vier Revierförster des AELF Tirschenreuth betreuen den Privat- und Körperschaftswald und sind Ansprechpartner für Waldbesitzer und Waldbesucher. Dem AELF Tirschenreuth sind vier Forstreviere zugeordnet. Jeder Revierleiter ist für mehrere Gemeinden im Landkreis Tirschenreuth zuständig. Die Förster beraten die Waldbesitzer zu Themen wie Aufforstung, forstliche Standorte, Waldpflege oder die staatlichen Förderprogramme.

Info:

Was muss der Waldbesitzer tun?

Waldbesitzer sind gesetzlich dazu verpflichtet, Nadelholzbestände mindestens einmal in vier Wochen (besser aber wöchentlich) auf Befall zu kontrollieren. Das ist zu tun:

langfristig: „saubere Waldbewirtschaftung“.

Befall erkennen: Bäume komplett ohne Rinde sind ungefährlich; in der Nähe von Befallsherden des Vorjahres oder Süd- und Südwestränder frischen Stehendbefall suchen; grüne Kronen, aber Bohrmehl am Stammfuß, an Rindenschuppen oder in Spinnweben; bei Kupferstecherbefall auch Fichten mit roten Nadeln aufarbeiten.

Holzfällung und -aufarbeitung: befallene Bäume fällen.

Abfuhr: schnelle Abfuhr (oder Entrindung); notfalls Insektizid.n Abfuhr

Lagerung: mit Rinde mindestens 500 Meter von Fichtenbeständen entfernt.

unter Umständen finanzielle Förderung für insektizidfreie Bekämpfung (Entrinden, Häckseln) und Zwischenlagerung außerhalb des Waldes.

Wiederbewaldung der Freiflächen: möglichst mit standortgemäßen Laubbäumen; dazu Beratung und gegebenenfalls finanzielle Förderung durch Revierleiter des AELF Tirschenreuth; „Waldumbau-Offensive 2030“ der Bayerischen Forstverwaltung; Beratung durch die Forstbetriebsgemeinschaften; Beitrag zur Biodiversität im Wald.

Info:

Beratung und Infos

AELF Tirschenreuth, Bereich Forsten in Kemnath, Telefon 09642/70320, E-Mail poststelle[at]aelf-ti.bayern[dot]de

Forstbetriebsgemeinschaften/Waldbesitzervereinigungen: FBG Tirschenreuth, Telefon 09631/7980770, FBG Kemnath, Telefon 09642/914738, WBV Waldsassen-Neualbenreuth, Telefon 09232/915880; FBG Neustadt-Nord, Telefon 0175/1633855

www.borkenkaefer.org

www.lwf.bayern.de

www.aelf-ti.bayern.de

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