11.10.2019 - 13:22 Uhr
KemnathOberpfalz

Kemnather Land "zu Grund ruiniert"

Vom Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) waren auch die Stadt Kemnath mit Umland sowie das Dorf und Hammergut Unterbruck massiv betroffen. Wie sehr, darüber informierte Hans Walter aus Kastl in einem umfassenden Vortrag.

Hans Walter (links) aus Kastl sprach über den Dreißigjährigen Krieg im Kemnather Land. Im Hintergrund ist Bernhard von Weimar zu sehen. 1633 hat er mit seinen schwedischen Truppen Kemnath belagert. Nach einer kurzen Auseinandersetzung übergaben ihm die Bürger die Stadt.
von Hans RöschProfil

Die europaweiten Auseinandersetzungen um Glaube, Macht und Ländereien zogen in der Region vor allem die Stadt Kemnath in Mitleidenschaft, schickte Hans Walter im "Musikeum" voraus. Nachdem Herzog Maximilian von Bayern die "obere Pfalz" für seine Dienste bei der Schlacht am weißen Berg als Kriegsbeute vom Kaiser übereignet bekam, wurden alle größeren Städte mit Garnisonen besetzt. Die bayerischen Truppen waren von nun an bis zum Kriegsende als "Besatzer" vor Ort. Für die Verpflegung und Unterkunft der Soldaten, ihren Frauen und Kindern musste die Bevölkerung aufkommen. Schon bald traten erste Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung auf. Ebenso gab es schon sehr früh Übergriffe durch die Söldner.

Anhand zahlreicher Beispiele, die sich in diesen 30 Jahren in der Region ereignet haben, zeichnete der Redner ein übersichtliches Bild über die Zeit. Vor allem schwedische Truppen wüteten in Kemnath mehrfach und verschanzten sich sogar über zwei Jahre auf der Burg Waldeck, nachdem sie diese 1648 fast kampflos eingenommen hatten.

Brandschatzen und plündern

Da Kemnath nahe an der Grenze zu Oberfranken mit Marktredwitz, Bayreuth und Wunsiedel war, stand die Stadt besonders im Fadenkreuz der Auseinandersetzungen. So zogen ständig verschiedene Söldnerheere durch die Region. Dabei machte es für die Bewohner keinen Unterschied mehr, welcher Fraktion die Truppen angehörten - alle vergingen sich an der Bevölkerung, brandschatzten, plünderten und forderten Kontributionen. Einem Schreiben an die Regierung in Amberg ist zu entnehmen, dass Kemnath bereits nach 15 Jahren "zu Grund ruiniert war".

Unwetter, trockene Sommer, kalte Winter und um sich greifende Krankheiten wie die Pest rafften weite Teile der Bevölkerung hin. Eine Abwärtsspirale setzte sich in Bewegung, die kaum noch jemand aufhalten konnte. Die Regierung in Amberg und München war in weiten Teilen machtlos und konnte den Begebenheiten kaum noch was entgegensetzen, da jeder nur noch ums eigene Überleben kämpfte. Menschen versteckten sich in den Wäldern und verkamen selbst fast zu Wilden, da die Dörfer und Städte kaum noch Schutz boten.

Soldaten demolierten oder verheizten leerstehende Häuser, Strohdächer wurden abgedeckt damit die Pferde der Söldner etwas zu fressen hatten. Getreidefelder und saftige Wiesen wurden vernichtet.

Da einmal die geforderten Lösegeldzahlungen für die in der Kemnather Kirche inhaftierten Bürger ausblieben, ließ ein Anführer alle Mühlen in der Region vernichten, damit das Mahlen von Brotgetreide unmöglich wurde. Daraufhin war zum Beispiel die Mühle in Senkendorf fast 20 Jahre ruiniert, weil niemand mehr da war, der sie wieder aufgebaut hätte.

Vermeintliche Erlöser

Vor allem die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben sorgten für tiefe Einschnitte. War die Bevölkerung in der Region nach dem Thesenanschlag Luthers 1517 fast vollständig zur neuen Lehre übergegangen, vollzog Maximilian von Bayern eine radikale Gegenreformation. Wer nicht wieder katholisch wurde, musste das Land verlassen. So verwundert es heute nicht, dass viele Kemnather die schwedischen Truppen anfangs als Erlöser von den verhassten bayerischen Besatzern sahen. Dies duldete Herzog Maximilian auf keinen Fall und griff in Kemnath noch härter durch, indem noch mehr Soldaten dorthin verlegt wurden.

Mit einer Bilanz, was der Krieg in der Region angerichtet hat, beendete Walter seinen Vortrag. Ebenso ging er auf die Zeit ab 1648 ein und zeigte anhand des Klosters Speinshart, wie trotz der Verwüstungen die Bevölkerung ihr Schicksal in die Hand nahm und die Region zu neuer Stärke fand. So wurde mit der Segnung der barocken Klosterkirche 1706 ein Religionsmittelpunkt geschaffen, der heute zum europäischen Kulturgut zählt. Mit einer durchdachten "Wirtschaftspolitik" haben die Wittelsbacher Herrscher die Region gefördert, wodurch die Menschen wieder zu Arbeit und Brot kamen.

Dem Referenten war wichtig, dass diese Schrecken und das Leid nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Diese Tragödie, die zu vielen Zeitpunkten ihrer Geschichte ohne großen Aufwand beendet werden hätte können, zeige, was Fanatismus und haltloses Streben nach Macht für Auswirkungen haben können.

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