18.10.2019 - 11:51 Uhr
KemnathOberpfalz

Neue Bäume braucht die Stadt!

Die Bäume der Zukunft in Städten wie Kemnath tragen Namen wie Gingko, Perlschnurbaum, Zelkove, Eisenholzbaum, Zerr-Eiche, Zürgelbaum oder Lederhülsenbaum. Und ihre Heimatregionen sind China, Japan, Südrussland, der Iran und auch Nordafrika.

Die Zukunftsbäume prägen auch zunehmend das Erscheinungsbild Kemnaths.
von Redaktion ONETZProfil

Der weiße Renault-Pritschenwagen mit der Doppelkabine gehört in Kemnath fest zum Stadtbild. Wenn er irgendwo geparkt ist, weiß jeder, dass Stadtgärtner Florian Frank oder sein Team nicht weit sein können. Diesmal steht er mit seinem Gefährt an der Seeleite und wirft einen prüfenden Blick auf seine Schützlinge: Auf den ersten Blick sind es ganz normale Bäume, denen sein Interesse gilt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine besondere Spezies, nämlich um sogenannte Zukunfts- oder Klimabäume.

Projekt seit 2010

"Durch den Klimawandel und die damit einhergehende Erderwärmung leiden auch in Kemnath immer mehr einheimische Bäume. Sie sind nicht ausgelegt für diese hohen Temperaturen", weiß Frank. Daher würden sie sich oft schlecht entwickeln oder sogar eingehen. Dem trägt das Landesamt für Weinanbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim mit dem 2010 entstandenen Klimawandel-Projekt Rechnung. Hitzestress, Trockenheit, verdichteter Boden, Starkregen, mangelnder Wurzelraum in Kombination mit zum Teil neuen Schädlingen und Krankheiten setzen den Stadtbäumen vermehrt zu.

"Im Kemnather Stadtgebiet pflanzen wir seit 2012 regelmäßig sogenannte Zukunftsbäume. Also eigentlich seit die LWG eine Liste mit Bäumen herausgegeben hat, die besonders an die Bedürfnisse der Stadt der Zukunft angepasst sind", berichtet der Stadtgärtner. Diese Liste werde ständig erweitert und verändert, da stets neue Baumarten und -sorten dazukommen. Es handle sich hierbei aber um einen relativ langwierigen Prozess: Zwischen einer allerersten Testung und der endgültigen Empfehlung könnten durchaus 20 Jahre liegen.

Hitzestress und Schädlinge

Zukunftsbäume werden nicht nur für Neupflanzungen, sondern auch für Umgestaltungen verwendet. "Lindenalleen wird es künftig so nicht mehr geben", erklärt der Stadtgärtner. Auch Eichen, Eschen oder Kastanienbäume werden langsam aus dem Stadtbild verschwinden. Seine Aussage überrascht nicht wirklich. Zusätzlich zum Hitze- und Trockenstress setzen den Gehölzen auch Krankheiten oder Schädlinge wie Eichenprozessionsspinner, Miniermotte und das Eschentriebsterben zu. All dies führt vermehrt zu einer Gefährdung des Straßenverkehrs durch Bruchgefahr oder sogar zum Absterben.

Dann muss eine Allee zwangsläufig umgestaltet werden. "Ein Beispiel dafür ist die Wunsiedler Straße, die bisher von Linden und Kastanien geprägt war", erklärt Frank und spricht damit ein weiteres Problem an: In der Vergangenheit prägten nur ungefähr sechs Arten von Straßenbäumen das Bild in Deutschland. Diese Monokultur kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass bei einem Schädlingsbefall ein hoher Prozentsatz des Bestands betroffen ist. Baumleiden und -sterben sind die Folge. Abwechslungsreiche und standortgerechte Pflanzungen mit biologischer Vielfalt sind daher für die Zukunft dringend notwendig.

Bisher rund 30 Stück

Florian Frank hat inzwischen mit seinem Pritschenwagen die Rundfahrt zur Kontrolle der neu gepflanzten Bäume fast beendet: Friedhof, Stadtweiher, Seeleite, Rathausgarten, Brückengasse, Wunsiedler Straße, Eisweiher. Im Stadtgebiet gibt es zwischenzeitlich rund 30 Klimabäume. Stellt sich noch die Frage, ob durch die Pflanzung dieser nicht einheimischen Gehölze das Problem gelöst ist. "Nur weil ein Baum auf der Liste der Klimabäume aufgeführt ist, heißt das noch lange nicht, dass ihm der Klimawandel und seine Folgen nichts anhaben können", meint der Stadtgärtner. Diese müssten ebenso wie alle anderen neugepflanzten Bäume während der ersten Jahre gewässert und gepflegt werden. Trotzdem komme es vor, dass der eine oder andere Zukunftsbaum nicht optimal wächst, kümmert oder sogar eingeht. Natürlich sei es nicht Ziel der Stadtgärtnerei, die alten Baumarten wie Linde, Ahorn oder Kastanie zu ersetzen. "Dort, wo sie gut gedeihen, dürfen sie natürlich auch bleiben. Nur dort, wo es eben nicht mehr funktioniert, ist es wichtig, sie durch stressresistentere Baumsorten zu ersetzen."

Auch von den Baumschulen erfordert das Zukunftsbaumprojekt ein Umdenken und vorausschauende Planung. Immerhin möchten inzwischen die meisten Stadtgärtnereien Gehölze kaufen, die zu den klimafesten Sorten zählen. Außerdem sollen sie beim Kauf bereits einen Umfang von mindestens 16 Zentimetern haben, gemessen auf einem Meter Höhe. Das entspricht einem Alter von ungefähr neun Jahren. "Anfangs gab es natürlich Lieferprobleme, doch zwischenzeitlich haben sich die Baumschulen an die veränderten Wünsche der Städte und Gemeinden angepasst, und ein regionaler Einkauf dieser Gehölze ist möglich", berichtet Frank, klappert dabei unruhig mit dem Autoschlüssel und öffnet die Tür seines Pritschenwagens: Der Stadtgärtner hat heute nämlich noch wichtigen Termin. Mit einer Kindergartengruppe soll ein Apfelbäumchen gepflanzt werden. Die Betreuung der Klimabäume ist zwar wichtig, aber nur ein sehr kleiner Teil seiner Arbeit. Hintergrund

Stadtgärtner Florian Frank sieht regelmäßig bei den sogenannten Klimabäumen nach dem Rechten. Dennoch kann es vorkommen, dass diese kümmern oder sogar eingehen.
Hintergrund:

Was ein Laubbaum alles leistet

Ein 100-jähriger Laubbaum beeindruckt nicht nur mit seinem Alter. Ein paar Zahlen dazu, was er für Mensch, Tier und Umwelt bewirkt:

Er produziert jährlich 4,5 Tonnen Sauerstoff, also rund 13 Kilogramm am Tag. Dies entspricht dem Tagesbedarf von 10 Menschen.

Er bindet pro Jahr 6,2 Tonnen Kohlendioxid. Dieses Gas ist einer der Hauptverursacher für die erdnahe Klimaerwärmung

Er filtert jährlich eine Tonne Staub und Gifte.

Er ernährt 2500 Regenwürmer

Er bindet rund 3000 Litter Wasser und ist in der Lage, an einem sonnigen Tag bis zu 400 Liter zu verdunsten.

Er bietet Vögeln, einigen Säugetieren und Insekten Lebensraum, Nahrung und Nistplatz

Er spendet Schatten und kühlt damit die Umgebung bis zu drei Grad ab.

Er wirkt als Lärmbremse. Mit dem Laub ihrer Kronen mildern Bäume die Schallreflexion zwischen den Häuserfronten.

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