12.01.2022 - 15:18 Uhr
KemnathOberpfalz

Als Speichersdorfer zu Franken wurden

Vor 50 Jahren veränderte die Gebietsreform die Landkarte Bayerns. Landkreise wie Kemnath, Pegnitz und Münchberg hörten auf zu existieren. Und aus manchem Oberpfälzer wurde über Nacht ein Franke.

Die Gebietsreform war vor 50 Jahren in den Heimatzeitungen ein großes Thema, das die Bürger bewegte. Der damalige Speichersdorfer Gemeinderat Helmut Raps hat viele Artikel darüber gesammelt.
von Autor FPHProfil

Vor 50 Jahren wurden Franken zu Oberbayern und Oberpfälzer zu Franken. Die Landkreisreform, die zum 27. Dezember 1971 als erste Stufe der Gebietsreform in Kraft trat, veränderte die Landkarte Bayerns bis heute. Nicht allen betroffenen Bürgern gefiel damals, was im fernen München entschieden wurde. Oberfranken verlor unterm Strich, der Landkreis Bayreuth gewann Gemeinden hinzu. Die Folgen der Gebietsreform betrafen und veränderten mitunter auch ganz unmittelbar das Leben von Menschen.

"A bisserl Oberpfälzer"

Helmut Raps kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als er über Nacht vom Oberpfälzer zum Oberfranken wurde. Der heute 83-Jährige saß für die SPD 42 Jahre im Speichersdorfer Gemeinderat, auch in den Jahren um die Gebietsreform. 1970 gehörte Speichersdorf noch zum oberpfälzischen Landkreis Kemnath. Seit 1972 sind die Speichersdorfer Großgemeinde im Landkreis Bayreuth - und damit Oberfranken. Im Herzen ist er noch "a bisserl Oberpfälzer", sagt Raps. "Wäre der Landkreis Kemnath damals nicht aufgelöst worden, wären wir Speichersdorfer auch dort geblieben."

Landkreise sollten größer werden

Doch die Staatsregierung hatte sich eine Neugliederung Bayerns fest vorgenommen und zog sie auch durch. Die mehr als 150 Jahre alte Gemeindestruktur in Bayern sei überholt gewesen, sagt der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. Die Staatsregierung mit dem damaligen Innenminister Bruno Merk habe größere Landkreise mit mindestens 80 000 Einwohnern schaffen wollen, um die Verwaltung insgesamt zu straffen und letztlich die Lebensverhältnisse auf dem Land zu verbessern.

Nüssel hatte schweren Stand

Mit der Verordnung vom 27. Dezember 1971 halbierte sich die Zahl der bisher 143 bayerischen Landkreise. Bei der Ausarbeitung der Reform und den Neuzuschnitten der Landkreisgrenzen hätten Politiker darum gekämpft, dass ihre jeweilige Heimatregion gut abschneidet, sagt Dippold. Oberfranken war damals lediglich mit einem Staatssekretär Simon Nüssel im Kabinett vertreten, der es gegen die politischen Schwergewichte im Ministerrang aus der Oberpfalz, Mittelfranken und Oberbayern naturgemäß schwer gehabt habe.

Oberfranken der Verlierer

Im Ergebnis habe Oberbayern den Landkreis Eichstätt dazubekommen, Mittelfranken sei mit dem Landkreis Höchstadt/Aisch - mit dem Gewerbesteuerriesen Herzogenaurach - entschädigt worden. Oberfranken bekam ganze achteinhalb Gemeinden dazu - darunter Speichersdorf, Haidenaab, Mehlmeisel - und war nach Dippolds Worten Hauptverlierer der Landkreisreform. Es habe auch nichts geholfen, dass oberfränkische Landtagsabgeordnete aus Protest die entscheidende CSU-Fraktionssitzung verließen.

Ohne echte Mitbestimmungsrechte

Bürger hätten bei der Landkreisreform keine echte Mitwirkungsrechte gehabt. Es gab zwar Abstimmungen, aber entschieden habe München, sagt Dippold. So wären einige katholisch geprägte Gemeinden um Auerbach lieber zum Landkreis Bayreuth gekommen, weil sie damit zu Oberfranken und zum Erzbistum Bamberg gehört hätten. In Neustadt am Kulm stimmten 90 Prozent der Bürger für einen Eintritt in eine Verwaltungsgemeinschaft mit Speichersdorf, berichtet Helmut Raps. Heute gehört die Stadt aber zum oberpfälzischen Landkreis Neustadt an der Waldnaab, weil zwei dortige CSU-Abgeordnete seinerzeit ihre Fraktion überzeugt hätten, die Regierungspläne durchzuziehen. Die Mehlmeiseler hatten sich 1971 mehrheitlich für einen Verbleib in der Oberpfalz ausgesprochen. Nach Bayreuth wollte man auf keinen Fall. Bekanntlich kam es anders.

Immenreuther Wunsch ignoriert

Auch den Immenreuthern brachte es nichts, dass sie bei einer Abstimmung 1972 mehrheitlich für die Zugehörigkeit zum Landkreis Bayreuth stimmten, sie gehören zum Landkreis Tirschenreuth. Der frühere Immenreuther Bürgermeister Peter Merkl unternahm sogar vor zwölf Jahren einen erneuten Versuch in Richtung Bayreuth, der ebenfalls im Sande verlief.

So wuchs der Landkreis Bayreuth vor allem inneroberfränkisch, also durch Gemeinden aus den ehemaligen Landkreisen Pegnitz und Münchberg, plus Neustädtlein und Wasserknoden aus dem Landkreis Kulmbach. Der erhielt dafür die Stadt Kulmbach, Wonsees und den größten Teil des aufgelösten Landkreises Stadtsteinach.

Einstimmig in Speichersdorf

Im Raum Speichersdorf verlief die Landkreisreform nach Erinnerung von Raps nahezu einvernehmlich. Die Speichersdorfer und auch die Kirchenlaibacher hätten die Zugehörigkeit zum Landkreis Bayreuth und zu Oberfranken vor allem wegen der kürzeren Wege zu den Behörden am Sitz der Regierung bevorzugt. "Zu Regensburg wollten wir auf keinen Fall gehören." Bei einer Abstimmung im Gemeinderat gab es in Speichersdorf 1970 ein einstimmiges Ergebnis, in Kirchenlaibach fiel das Resultat mit sechs zu zwei ebenfalls eindeutig aus.

Finanzieller Anreiz

Fast zeitgleich schloss sich Speichersdorf mit Kirchenlaibach und anderen Gemeinden zu einer Großgemeinde zusammen. Freiwillig, weil der Staat das damals finanziell gut belohnte: In die Kassen der Gemeinden um Speichersdorf sei eine Millionen D-Mark geflossen, die jeder beteiligte Ort in seine Infrastruktur, etwa Straßenbau, investieren konnte, sagt Raps. Kirchenlaibach und Windischenlaibach hätten einer Großgemeinde ausdrücklich nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie künftig zum Landkreis Bayreuth gehören.

Nur noch wenige Spuren

Nicht viel erinnert heute mehr an die frühere Speichersdorfer Zugehörigkeit zur Oberpfalz. Die Sparkasse Oberpfalz Nord hat noch eine Filiale hier, viele Schüler gehen in die Realschule nach Kemnath und auch das Krankenhaus der einstigen Kreisstadt Kemnath sucht man noch bei bestimmten Erkrankungen auf. Das vor rund zehn Jahren wieder eingeführte Autokennzeichen "Kem" des Altlandkreises geht nach Ansicht von Raps für einen Speichersdorfer gar nicht. Die Speicherdorfer und auch er fühlten sich als Franken, sagt Raps in oberpfälzisch eingefärbtem Dialekt. Am hörbarsten ist die Oberpfälzer Vergangenheit heute noch in der Sprache der jetzt oberfränkischen Mehlmeiseler.

Beinahe ein Bürgermeister

Für Helmut Raps hatte die Gebietsreform auch unmittelbar persönliche Auswirkungen. 1978 trat er für das Bürgermeisteramt an und unterlag bei der Stichwahl mit nur 86 Stimmen Rückstand seinem Konkurrenten Franz Scherm. Der kam aus Kirchenlaibach und verdankte seine Mehrheit den dortigen Stimmen. Ohne Gebietsreform wäre Raps wohl Speichersdorfer Bürgermeister geworden. Heute sagt Raps, ein Sieg hätte ihm damals vielleicht sogar geschadet, weil sein Ingenieurbüro unter einer beruflichen Doppelbelastung sicher gelitten hätte. So konnte er sein Geschäft gut aufbauen. Zusammen mit seiner Familie führt er es heute noch.

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Speichersdorf

 

 

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