Kemnath
06.05.2020 - 12:51 Uhr

Stöbern ausdrücklich erlaubt

In der Regel ist es nur Jägern erlaubt, reinrassige Jagdhunde zu erwerben - aus guten Gründen. Für Rainer Bayer ist der Deutsche Wachtelhund Aron von Altwiesenberg treuer Gefährte und zuverlässiger Helfer bei der Jagd.

Jagdpächter Rainer Bayer ist im Revier Guttenberg mit seinem Sohn Luca unterwegs zur Wildfütterung. Nicht dabei fehlen darf natürlich Aron, der siebenjährige braune Wachtelhund. Bild: privat
Jagdpächter Rainer Bayer ist im Revier Guttenberg mit seinem Sohn Luca unterwegs zur Wildfütterung. Nicht dabei fehlen darf natürlich Aron, der siebenjährige braune Wachtelhund.

Es ist 2 Uhr morgens. Auf dem Nachttisch neben Rainer Bayers Bett klingelt das Handy. Am anderen Ende meldet sich die Polizeiinspektion: ein Wildunfall in seinem Revier Guttenberg. Der beteiligte Autofahrer vermutet, dass er ein Reh erfasst habe. Auf jeden Fall ein größeres Tier, dass von links nach rechts gelaufen sei. An der Unfallstelle selbst ist jedoch kein verletztes oder totes Tier zu finden. An der demolierten Stoßstange klebt Blut. Die Beamten geben den genauen Unfallort durch, Bayer legt auf und macht sich sofort auf den Weg. Zusammen mit seinem Hund.

Eine knappe Stunde später hat Bayers Jagdhund Aron, ein Deutscher Wachtelhund, das schwer verletzte Tier aufgestöbert. Der Jäger erlöst es mit einem Schuss von seinem Leiden. Bei dem Unfallopfer handelte es sich aber nicht um ein Reh, sondern um ein Wildschwein. Außerdem lief es im Gegensatz zur Aussage des Fahrers wohl nicht von links nach rechts über die Straße, sondern von rechts nach links. Der Fahrer stand unter Schock, seine fehlerhaften Angaben bezüglich der Fluchtrichtung hatten jedoch keine schwerwiegenden Folgen. Denn als Bayer am Unfallort ankam, nahm sein Hund sogleich Witterung auf und folgte der Fährte des verletzten Tiers zielstrebig in den Wald. Und zwar für alle überraschend nach links.

Fährtenarbeit will gelernt sein

"Ohne Hund und nur mit den Angaben der Unfallbeteiligten hat man normalerweise keine Chance, das verletzte Tier im Wald aufzuspüren", ist Bayer, 44 Jahre, Jäger im Revier Guttenberg überzeugt. Doch auch für Hunde will die sogenannte Fährtenarbeit gelernt sein. Zwar brauchen die Vierbeiner das Riechen nicht lernen, weil sie hochentwickelte Nasen haben. Trainiert werden muss aber, sich beim Suchen richtig zu verhalten. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung zum Jagdhund, der korrekte Begriff dafür heißt "Schweißarbeit".

Jäger zu sein bedeutet nicht automatisch, sich auch mit der Erziehung eines Jagdhundes auszukennen. "Aron ist mein erster Hund. Ich holte ihn als acht Wochen alten Welpen vom Züchter. Ich wusste aber nicht genau, wie das mit seiner Erziehung funktioniert", gibt Bayer offen zu. Sicher war aber, dass Aron, der mit Zuchtnamen "Aron von Altwiesenberg" heißt, als Jagdhund eine gute Ausbildung braucht. Also hörte sich Bayer um und stieß auf das Angebot der Kreisjägerschaft für einen Begleithunde-Kurs, im Sprachgebrauch eher bekannt als "Hundeschule": ein Kurs, der offen ist für alle Hunde, also auch für Familienhunde. Während der folgenden acht Wochen stand das Erlernen von grundsätzlichen Regeln auf dem Lehrplan: Sitz, Ablegen, Grundgehorsam, Verhalten bei Begegnung mit anderen Hunden, Joggern oder auch Radfahrern.

Gruppenbester Aron

Direkt im Anschluss daran folgte die Ausbildung zur "Jagdlichen Brauchbarkeit", die nur für Jagdhunde und Jäger konzipiert ist. Dafür waren weitere 14 Kurswochen vorgesehen, in denen wöchentlich an zwei oder drei Abenden trainiert wurde. Stressige Wochen, wie Bayer rückblickend einräumt. Denn das Training beschränkte sich nicht allein auf diese Kurstage. "Es muss sich einfach jeden Tag Zeit genommen werden, damit die Sachen sitzen." Und mit ,Sachen' ist hier gemeint: allgemeiner Gehorsam, Apportieren, Wasserarbeit, Schweißarbeit, Stöberarbeit. Am Ende des Kurses steht eine Prüfung: die Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde. Für Aron war die übrigens kein Problem. Er schnitt als Gruppenbester ab. Doch die Haltung eines solchen Rassehunds ist nicht nur zeitintensiv, auch die Anschaffung ist ziemlich kostspielig. Bereits als achtwöchige Welpen kosten Jagdhunde dieser Kategorie ab zirka 800 Euro aufwärts. Natürlich könne man auch einen voll ausgebildeten Jagdhund kaufen, aber hier ist man "sehr schnell im hohen vierstelligen Bereich", weiß Bayer.

Im Normalfall werden Jagdhunde von den Züchtern nur an Jäger abgegeben, die dafür einen Nachweis erbringen können. Einer der Gründe für diese Einschränkung liegt darin, dass ein Jagdhund - wie der Name schon sagt - ein Hund ist, der gerne jagt. Das können streunende Katzen sein, die ihn beim Spaziergang mit dem Herrchen völlig außer Rand und Band geraten lassen oder die Hühner im Nachbarsgarten, die er erlegt. Daher ist die Haltung von Jagdhunden in der Familie oder wie es auch heißt in "nichtjagdliche Haushalten" durchaus problematisch.

Dass jedoch auch Jagdhunde mit einem ausgeprägten Jagdtrieb immer wieder in Familien landen, ist heute keine Seltenheit. Zwar schreiben die Statuten der Gebrauchshund-Zuchtverbände vor, dass Welpen nur in Jägerhände verkauft werden sollen. Doch ist die Haltung dieser Hunderasse in den vergangenen Jahren in Mode gekommen. Daher wird die steigende Nachfrage nach solchen Hunden meist durch Auslandsimporte, gerne auch "aus dem Kofferraum" und über "Schwarzzuchten" befriedigt. Sobald jedoch aus dem süßen kleinen Welpen ein Hund mit starkem Jagdtrieb und übertriebenem Wach-Instinkt geworden ist, wird der Vierbeiner nicht selten im Tierheim abgegeben, weil der Besitzer überfordert ist.

Vielseitiger Alleskönner

Aron wird das nicht passieren. Seine Tage sind äußerst abwechslungsreich. Er verbringt Zeit mit der Familie im Haus, fühlt sich aber auch in seinem Zwinger wohl und ist immer begeistert, wenn er mit seinem Herrchen auf Tour gehen darf. Bayer schildert den inzwischen siebenjährigen Rüden als treuen Gefährten, zuverlässigen Jagdhelfer, kinderfreundlichen Familienhund und sehr lerneifrigen Partner. Sozusagen ein vielseitiger Alleskönner.

Keinerlei Einschränkungen, keine besonderen Eigenarten? Vielleicht nicht doch irgendeine Kleinigkeit, die nervt? Bayer lacht, beugt sich nach unten, krault Aron ausgiebig an Hals und Brust und sagt: "Er mag keine Schornsteinfeger. Wenn die so zweimal im Jahr ins Haus kommen, da tobt er und ist außer sich. Keine Ahnung warum, vielleicht liegt es an der schwarzen Kleidung." Dann fügt er hinzu: "Aber ansonsten ist er gegenüber Besuchern wirklich sehr friedlich." Den Schornsteinfeger wird das nicht unbedingt trösten, den Postboten freut es aber ganz bestimmt.

Aron ist ein Deutscher Wachtelhund. Er zählt zu den Stöberhunden und wird ausschließlich für Jäger gezüchtet. Bild: Rainer Bayer
Aron ist ein Deutscher Wachtelhund. Er zählt zu den Stöberhunden und wird ausschließlich für Jäger gezüchtet.
Hintergrund:

Welche Jagdhunde gibt es?

Jagdhunde im Jagdgebrauchshundverband (JGHV) werden traditionell in sechs Kategorien aufgeteilt:

•Vorstehhunde

•Stöberhunde

•Schweißhunde

•Erdhunde

•Jagende Hunde

•Apportierhunde (cvl)

Hintergrund:

Was ist ein Stöberhund?

Stöberhunde sind kleine bis mittelgroße, langhaarige Hunde. Sie wurden dafür gezüchtet, Wild in unwegsamem Gelände wie Dickicht oder Schilf aufzuspüren und in Richtung des Jägers heraus zu jagen. Sie müssen dabei weiträumig, ohne Sichtkontakt zum Hundeführer gründlich und selbstständig arbeiten und sind spurlaut. Das heißt, sie zeigen die Wildspur durch Verbellen an. Dieses Verhalten ist instinktiv und eine Voraussetzung für die Arbeit als Stöberhund. Sie greifen das Wild jedoch nicht selbst an. Stöberhunde sind ausgezeichnete Fährtenleser, flink und wendig in ihren Bewegungen und sehr ausdauernd. Bekannte Rassen sind zum Beispiel English Cocker Spaniel, Deutscher Wachtelhund und English Springer Spaniel. (cvl)

Hintergrund:

Was bedeutet der Zwingername?

Zuchtnamen oder auch Zwingernamen sind von den Vereinigungen für die Zucht von Haustieren vorgegebene Namen. Zwingernamen werden vergeben für reinrassige Tiere. Sie basieren auf dem registrierten Namen des Zwingers oder Züchters. Ein Tier trägt seinen Zuchtnamen in der Regel zusätzlich zu einem kürzeren Rufnamen. Bekannt sind Zwingernamen insbesondere bei Hunden, Pferden und Katzen. (cvl)

 
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